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Faust- Der Tragödie erster Teil von Johann Wolfgang von Goethe
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Dieser Faust ist des Teufels |
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Regie: mit Kurzgefasst Die Streichungen des Textes erlauben den Schauspielerin eine zweistündige, rasch abgespulte pausenlose Aufführung, die die Goethe'schen Erkenntnisse und Reflektionen über Welt, Wissen, Leben, Liebe, Ethik und Gewissen wie Kaskaden vorbeirauschen lässt. Eine magere Zusammenfassung eines großen Epos für Ungeduldige. Aber man kann ja alles nachlesen, glücklicherweise. Dieser Faust gibt genügend Anregungen dazu. |
Solange die Generationen Goethes großes Epos im Paradigmenwechsel der Zeiten - zwischen einer verklärten Romantik und einer neuen (in die Weite des alle bisherigen Grenzen sprengenden Bewusstseins aufbrechender) Ratio - in verschiedenen Facetten erleben und solange sie daher noch Vergleiche ziehen können, wird es jede weitere Faust-Inszenierung außerordentlich schwer haben. Nachdem ein Gustaf Gründgens - der mephistophelische Verführungskünste par excellance - und nachdem ein Will Quadflieg, ein Paul Hartmann und ein Bruno Ganz diesen alt gewordenen, an seine Grenzen angekommenen Wissenschaftler Dr. Heinrich Faust gespielt und durchlitten haben, werden sich andere Schauspieler mit diesen Vorbildern auseinandersetzen müssen. Sie werden schon völlig neue Wege, so es sie denn gibt, finden müssen, um zu von Neuem zu überzeugen. Von den Frauenrollen ganz zu schweigen. Unerreicht bleiben wohl die kindliche Gretchen-Anmut großer Tragödinnen wie einer Käthe Gold oder einer Jutta Lampe und die teuflische Hinterhältigkeit der Kupplerin Marthe Schwertlein, mit Elisabeth Flickenschildt. Sie sind vor unseren inneren Auge jederzeit gegenwärtig. Michael Thalheimer, der Regisseur der neuesten Faust-Adaption im Deutschen Theater, tut vielleicht auch gut daran, auf fast jedwedes Spiel zu verzichten und seine Protagonisten nach allen Regeln der Sprechkunst deklamieren zu lassen - das aber zum Teil mit aller Kraft, aller Leidenschaft, aller Leidenskraft. Der Dr. Faustus von Hülsmann, mit rasender Eindringlichkeit, depressiv, ist am Ende seiner Weisheit und Geduld und dann, vom Pakt mit Mephisto verführt ein rasender Schwärmer - jäh aufbrechend mit neuer Wahrnehmungsfähigkeit, überschäumend vor neuer Lebenskraft. Doch führt diese Lust am Sein nicht in die Gottesfürchtigkeit, sondern in die "Befreiung" von alten Zwängen, alten Grenzen - der Mensch scheint sich erstmals frei von allen überlieferten Bindungen und Traditionen zu fühlen. Er ist selbst der Herr, über seinen Weg fortan zu entscheiden. Leider wohl doch nicht so ganz. Denn anstelle der alten Zwänge ( durch Kirche, Staat und Wissenschaftsbegrenzung) tritt jetzt eine neue Enge: Die Welt der Sinnesfreuden ist flüchtig und lediglich ein Zerrbild der Menschlichkeit. Mephisto, der Begleiter auf diesem neuen Pfad, ist bei Thalheimer unerbittlich, ein Tyrann, ein rasender Teufel, der mit geradezu modernem Drive einen Verführer der neuen Art darstellt: einen Antipoden zur Kultur und Wissenschaft. Sven Lehmann gelingt es glänzend, diesen Mephisto ebenso gefährlich und oberflächlich intellektuell als auch überzeugend sinnlich vorzuführen. Er ist so angeekelt von der Menschen Liebesdrang wie es nur ein Teufel kann. Dieser Faust ist somit auf dem besten Wege in die neue, in unsere Gesellschaft. er war es schon immer, dieses Zukunftsgespenst geisterte auch wohl vor Goethes Augen, aber er findet ja noch einen Ausweg, wenn auch erst am Ende des zweiten Teils. in dem dann der Mensch sich zur allumfassenden "Mutter" Natur bekennt, sich mit ihr verbindet, ihr Lebensqualität abringt und eine neue Verbindung mit ihr im Entstehen, Wachsen, Werden und Gedeihen eingeht. Zunächst aber ist des Menschen Sinn vornehmlich auf Genuss, auf "Erlebnis-Konsum" gerichtet. Kann er denn die endgültige Wahrheit nicht fassen - so dann doch wenigstens die Wirklichkeit des Sinnenlebens, die Flüchtigkeit der schnellen Befriedigung, die Liebesglut des Augenblicks, die rastlose Fahrt durch die Süchte der Zeit - hätte es Drogen gegeben, Goethe hätte sie gewiss durch Mephisto eingeführt. Die Droge, der Faust verfällt, ist das weltliche Vergnügen, die Höllenfahrt durch die schnell vergänglichen Freuden irdischer Oberflächlichkeit. AberFaust ist ein tiefsinniger, denkender Mann, er ist eine Spezies Gottes, das vergisst Goethe nie,
auch Hülsmann wohl nicht - er ringt- man möchte beinahe sagen: mit
fast teuflischen Methoden um die Wahrnehmung des Göttlichen, er sucht sich
in verzweifelten Tiraden auf die Frage Gretchens " Glaubst Du an Gott" die
intellektuellen Künste der heutigen Zeitgenossen zurecht; er drückt sich, fast körperlich schmerzhaft, vor einem
Bekenntnis, das er noch nicht zu geben bereit ist. Er bleibt sich in allen
Zweifeln treu - eine großartige Szene, eine bombastische Hingabe
an sich selbst, ein verzweifeltes Ringen um den eigenen Standort. Aber Gott lässt Faust hier allein, er hat ihn ja schon seit langem dem Teufel überlassen ( Goethes Prolog ist gestrichen). Und so bleibt Hülsmann, der im Gegensatz zu seinen großen theatralischen Vorbildern mehr ein ungestümer, leidenschaftlicher Brausekopf im Teil I ist, ein durch und durch emotionaler Mann, ein Phantast, ein Wahnsinniger, der nun keine Muße mehr findet, über sich selbst zu reflektieren. Er hat keine Zeit, er hat bereits zuviel davon bei seinem blutleeren Studium verbracht, oder in den Bibliotheken der Universitäten, er hat Schüler gelehrt, was sie nie begriffen haben - wie sollten sie auch, wenn ein Meister die eigenen Zweifel lehrt. Hülsmann spricht und deklamiert diesen Faust vorzüglich - aber er verzichtet (bis auf das Liebeswerben um Gretchen und bis auf die Gottesverneinung) auf die identifizierende Darstellung. Thalheimer hat das Regine Zimmermann in ein knappes Kleinmädchenkleid gesteckt und auf ein weißes schlichtes Bett gesetzt, das verlassen in einem hohen runden schwarzen Raum steht - Brautbett und Grab zugleich ist. Aus der hingebungsvoll Liebenden ist eine Wahnsinnige geworden, nun blutig verschmiert, eine Kindsmörderin, verfemt, zum Tode verurteilt. Von der Gesellschaft gerichtet, vom Liebhaber in Stich gelassen,. Die Mutter ist vor Gram gestorben, der rächende Bruder von Mephisto erschlagen. Das reicht an Gräulichkeiten. Auch das ist auch noch immer übertragbar auf heutige Gesellschaften, sogar auf die unsere hoch zivilisierte, hoch soziale, in der es immer noch junge Mütter gibt, die dazu getrieben werden, ihre Babies in anonyme Krippen legen oder gar dem Hungertod überlassen... Die flüchtige Liebe, die Lust, sich für den Tag zu vergnügen, hat weitaus mehr Konjunktur, als die Verantwortung gegenüber einem schwierigen und mühseligen Leben. Auch so bleibt "Faust" aktuell. Für Regine Zimmermann, die Kindfrau vom Dienst an diesem Theater, bricht die große Stunde an, als sie sich der "Rettung" verweigert und den Tod in Gottesehrfurcht auf sich nimmt. Auch auf das Wörtchen "gerettet", das bei Goethe sozusagen als himmlischer Segen von irgendwoher erschallt, hat der Regisseur verzichtet. Man begreift aber auch so, was Gretchens Entscheidung herbeigeführt hat, die, nun gar nicht mehr so wahnsinnig, ziemlich klar sieht, was sie bislang nur geahnt hat - dieser Faust ist des Teufels (jedenfalls bis zum 2. Teil). In den Nebenrollen sind Peter Pagel ein dumpfer, unsensibler Adlatus, Isabel Schosnig eine nuttige Marthe und Horst Lebinsky sowie Henning Vogt dumpf-tumbe Gestalten Die Kürzungen des Textes erlauben den Schauspielern eine zweistündige, rasch abgespulte pausenlose Aufführung, die Goethes Reflektionen über Erkenntnis, Wissen, Erleben, Liebe und Gewissen wie Kaskaden vorbeirauschen lässt. Aber man kann ja alles nachlesen, glücklicherweise. Das Neue an diesem Faust und am Mephisto in dieser Inszenierung gibt genügend Anregungen dazu. A.C. |