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ein
naturalistisches Trauerspiel
uraufgeführt
am 14.3.1889 in Kopenhagen
deutsch von
Angelika Gundlach
Schlosspark Theater im Neuen
Palais-Potsdam
mit: Caroline Hanke (Julie);
René Schwittay (Jean, Diener) und Meike Finck (Köchin)
Regie: Ingo
Berk,
Bühne und Kostüme: Magda Willi
Musik: Patrik Zeller, Dramaturgie: Helge Hübner, Regieassistenz: Bärbel
Lober
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Davon handelt dieses Stück, und das ist
so schwer wie ein Klumpen Eisen. Es ist jetzt mehr 120 Jahre alt und in
einer Zeit geboren, als Standes- und Klassenunterschiede unüberbrückbar
waren, in der Herrschaft und Dienstvolk ihre festen Plätze in der
hierarchischen Gesellschaft hatten, in der man im Norden Europas noch
nichts von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zur Kenntnis genommen
hatte, und die optimistisch stimmenden ersten Errungenschaften der
Revolutionen in Frankreich und Deutschland ihren Gang durch die starren
Konventionen bestartet hatten.
Dass Strindberg, selbst an der Grenze
zum Paranoiden, einen aussichtslosen Krieg gegen sich selbst und gegen
die gesellschaftlichen Missstände in seinem Land führte, dass er vor
jeglicher Verantwortung flüchtete, mit seinen drei Ehefrauen
unüberbrückbare Schwierigkeiten hatte, sich ausgegrenzt und niemals
zugehörig fühlte, in diesem lebenslangen bedauernswerten Zustand aber
meisterliche Dramen schrieb, die gleich denen Ibsens Wegbereiter für die
kommende Schriftstellergenerationen sein würden - das alles spiegelt
sich in diesem bemerkenswert kurzem Drama: In einer rauschhaften
Mittsommernacht verliert eine unzufriedene, gelangweilte und
unglückliche jungen Gräfin jegliches Gleichgewicht, verirrt sich in
Wünschen und Sehnsüchten nach einem vitalen Leben, einem handfesten
Mannsbild, einer Liebesnacht, die sie in den Himmel hebt und auf den
Boden schmettert.
Ihr Opfer ist der Knecht, nein, hier
heißt er nicht Matti, ist auch nicht so souverän im Geiste, sondern nur
im Wünschen. Denn Jean ist und bleibt erdgebunden, Kind seines Standes,
auch wenn er einst in einem Schweizer Hotel als begabter Lehrling zu
Höherem hinaufgeschaut und sich eine feine Sprache abgelauscht hat. Das
gräfliche Fräulein war stets sein Begehren, doch wohl wissend, dass ihr
unterschiedlicher Stand sie unerbittlich und bei strenger Strafe trennt.
Und nun kommt ihm diese Julie wie ein flatterhafter Teenager, der alles
oder nichts will, kapriziös und wissend, naiv spielend und kaum die
Liebesgier noch unterdrückend, in die Quere dieser Nacht, der er hatte
aus dem Weg gehen wollen. Zusammen mit seiner Verlobten Kristin, einer
handfesten und lebenstüchtigen Frau, die sich ihres Mannes, ihrer
Kochkünste und ihres Glaubens sicher ist, erdgebunden und standesbewusst
auf ihre Weise. Doch ihr Jean wankt und steigt und fällt und steigt und
fällt wie Julie auch, die halb Dame, halb Hure, halb Liebende, halb
Befehlende, schwankend und wankend zwischen den Welten taumelt. Zu
keiner wird sie fortan mehr gehören.
Und Jean? Er hat bekommen, was er
wollte, was er stets begehrte. Nun fällt ihm der Stern vom Himmel direkt
in den Schoß, und verflackert zu schnell. Das Feine schmeckt fade, das
hohe Mädchen ist gewöhnlich, ist nicht mehr wert als jede andere. Sie
machen einander fertig, vulgär und handgreiflich, schmerzvoll und
verletzend. Hinter dem Schleier der Traurigkeit blinkt ein Fünkchen
Hoffnung - als gäbe es möglicherweise doch eine Zukunft für eine Gemeinsamkeit, in
der sich ihre Vergangenheit zu einer neuen Gegenwart vereinigt.
Kristin ahnt und weiß mit dem
sicheren Instinkt der Betrogenen, was sich hier abgespielt hat, während
sie schlief. Sie kann sich über die zerrissene kleine Gräfin erheben,
doch auch sie fällt abrundtief als sie innehält und begreift: sie hat
den Mann verloren und auch die Sicherheit ihrer Existenz. Sicher ist ihr
nur ihr Glaube, und sie verlässt das ungleiche Paar - ein jeder mit
zerrissenem Herzen - und geht zur Kirche.
Droben ordert der heimgekehrte Vater Julies, dessen Stiefel als Symbol
seiner ständig präsenten Macht Jean im Zaum halten, lautstark wie eine
Schulklingel nach dem Diener. Der überlässt Julie sein Rasiermesser,
wohl wissend, dass sie sich töten wird. Er kann (oder will?) es nicht
verhindern.
Der Aktualitätswert dieser Fabel
liegt in zweierlei Aspekten: in der Frage, ob das Problem der Gleichheit
jemals gelöst werden kann, was und wem es zum Vorteil gereicht, wenn
eine Gesellschaft keine Unterschiede mehr kennt, sondern als
gleichförmigen Masse dahinschwimmt? Müssen Unterschiede sein, wann und
wo, und muss der Mensch nicht mit Ungleichheit leben, sofern sie nicht
gleich Ungerechtigkeit ist? Und tritt stattdessen nicht viel mehr der
Aspekt der Gleichwertigkeit in den Vordergrund? Denn wenn die Menschen
in all ihrer Unterschiedlichkeit und verschiedenen Beschaffenheit
einander als gleichwertig respektieren, dürfte hier bereits ein humaner
Fortschritt erreicht sein. Bei Ibsen und Strindberg gab es diesen
bereits im Ansatz eines neuen Denkens: Die Mutter der Julie zum Beispiel
hatte ein Exempel versucht und alle Leute in der Landwirtschaft die
Arbeit des jeweiligen anderen Geschlechts verrichten lassen. Als das
Experiment scheiterte, nahm der Graf die alten Regeln
wieder auf, und die Mutter sich das Leben. Julie hasste fortan alle
Männer und Frauen in ihrer seelischen Vereinsamung. Am Rand des
Wahnsinns lebt sie in einer Scheinwelt, die zwischen ihren Träumen,
einer unumstößlichen Realität und dem Freitod keine anderen
Möglichkeiten mehr wahrzunehmen vermag.
Caroline Hanke kommt wie ein
fremdartiges Wesen in das Dunkel der gräflichen Küche hineingetanzt, wo
Jean und Kristin gerade zu Abend essen. Wie ein Schmetterling umschwirrt
sie Jean, fordert ihn zum Mitt sommerfest auf, fegt alle Standeszweifel
fort, zirpt eher wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen, taumelt
schlafwandelnd durch den Raum, umschmeichelt den Knecht, körperlich
verführerisch. Dann bestimmen jäh wieder hochnäsige Attitüden ihr Spiel;
Jean muss ihren Stiefel küssen, sie bedienen, ihr zu Willen sein. Der
Mann verliert sich in derart Geziere, er kennt solche Spielchen nicht
und nimmt nach knappem Zögern, was sich ihm bietet. Fertig aus. René
Schwittay ist eigentlich zunächst ein ganz normaler Patriarch, wie es
ihn in allen Kreisen gibt: er läßt sich bedienen, schleppt eine Flasche
Burgunder an von wer weiß woher (später erfährt man: aus dem gräflichen
Keller), läßt es sich gut sein, flirtet mit Kristin, handfest, ehrlich,
ohne Zweifel.
Dann erwischt es ihn; die von fern verehrte Julie legt
sich ihm zu Füßen. Es ist nicht romantisch; es ist handfest, man
vermutet keine feinen Liebesspiele hinter der Bühne, sondern eine
hungrige, gierige Vereinigung. Überflüssigerweise blutverschmiert und
lädiert kommt das ungleiche Paar wieder auf die Bühne und vergiftet
einander mit Wortgeflechten wie sie kunstvoller und gemeiner nicht sein
könnten. Wer ist gefallen, wer ist aufgestiegen - immer wieder diese
leidige, ihrer aller Leben bestimmende und vergiftende Frage! Gibt es
nicht doch irgendwo und irgendwann einen realistischen Ansatz für die
Verwirklichung ihrer Sehnsüchte? Da flackert zwischen der hilflosen
Brutalität des Jean und der utopischen Träumerei von Julie so etwas wie
ein Hoffnungsstrahl, ein Liebesfünkchen auf. Das spielen die Beiden mit
sehr viel Verve und zarter Glaubwürdigkeit.
Meike Finck ist eine bemerkenswerte Kristin, sie dient und bedient und
wahrt sich doch ihre Persönlichkeit, kennt ihren Standort und
Standpunkt. Schelmisch lächelnd vermerkt ihr Ausdruck, was sie zwar
sieht, aber zu glauben nicht imstande ist. Und doch bricht auch sie jäh
schmerzlich in ihrer fest gefügten Welt zusammen, als ihr das Ungeheure
der veränderten Wirklichkeit bewusst wird und sie das Ende ihrer
Beziehung zu Jean gewahr wird. Plötzlich wirkt diese starke Frau
zerbrechlich und hilflos. Sie ist hineingeraten in das drei Menschen
unerbittlich zermalmende Mühlrad des Schicksals.
Sehenswert! A.C.
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