|
Glaube, Liebe, Hoffnung
von |
Man sollte das Theater nicht aufgeben
|
|
|
Regie: Ronny Jakubaschk, Britta Kampert, Bühne: Mascha Denek, Kostüme: Hanne Günther, Musik: Sebastian Bandt, Bernhard Frese, Dramaturgie: Ludwig Haugk
Elisabeth: Anika Baumann, Irene Prantl: Ursula Werner, Präparator: leon Ulrich, Oberpräparator: Andreas Leupold, Polizist: Michael Klammer, Maria: Anne Haug, Joachim, Sohn der Prantl: Wolfgang Hosfeld |
Der Dramaturg hat seine Schuldigkeit getan: er hat im alten Österreich und in der alten DDR geforscht, wie es aussah seinerzeit in den anatomischen Laboratorien und hat danach ein desolates Bühnenbild aus Kartons, Sperrholz, maroden Fenstern, und seitlichen kleinen Kabuffs mit Plastikvorhängen als Bühnenbild gutgeheißen. Der Regisseur hat seinen Präparator (Leon Ullrich) als hoch neurotisch-verklemmten Liebhaber von Leichen und kaltem Getier gezeichnet, der sein gutes Herz unter Beweis stellt, indem er dem verarmten Mädchen Elisabeth, das nach seinem Tod seinen Körper verkaufen möchte, 150 Mark leiht, damit sie sich einen Gewerbeschein kaufen kann und von der Straße kommt. Der Oberpräparator (Andreas Leupold) soll ein markanter, autoritärer Typ sein, der aber leider nur lächerlich wirkt. Beide zusammen ergeben hier lediglich ein albernes Gespann. Die Arbeit suchende, hilflose Inspektorentochter Elisabeth (Anika Baumann) kommt als flottes Mädchen daher, wie es unisono gestylt und gekleidet heutzutage auf allen Straßen allenthalben als hübscher Anblick herumläuft. Und sie bleibt auch in der größten Not, als sie von allen Menschen verraten und verlassen ist, seltsam abwesend, unberührt, als ob sie sich selber zusehe in diesem Schicksalsschlammassel. In einer Zeit, in der es auch in Österreich noch keine ausreichende Sozialfürsorge gab, sah der Schriftsteller und Dichter Ödön von Horváth schlimmes Elend um sich herum und schrieb großartige Anklagen gegen eine Gesellschaft, die sich voller Bösartigkeit, Oberflächlichkeit, Gottlosigkeit, im Kampf um Macht und Geltung nur um ihr eigenes Ego sorgte. Als Welten- und Wanderbürger, Kind eines ungarischen Diplomaten in allen südöstlichen Ländern zuhause, schreibt er seine Romane und gestaltet seine Dramen zunächst übersteigert expressionistisch. Seine volkstümlichen Melodramen wandeln sich in politische Parabeln und werden prompt im Dritten Reich auf den Index gestellt und Horváth sogar für kurze Zeit inhaftiert. Als Österreich sich Deutschland anschließt, muss er fliehen und findet schließlich in Paris seine letzte Heimat, wo er auf den Champs-Elysées von einem fallenden Baum erschlagen wird. Ein abenteuerliches Leben und ein reiches Schriftstellerschicksal endet gespenstisch und abrupt. Seine Stücke sind unvergessen, werden allenthalben aufgeführt mit unterschiedlichen Ambitionen und Versuchen, sie politisch zu aktualisieren, was meistens kräftig misslingt; denn, so gern und so eng manche Regisseure auch ihr perspektivischen Deutschlandbild umrahmen wollen, so fern ist nicht nur die armselige Zeit der 20er und 30er Jahre in einem ganz anders strukturierten Europa, sondern auch jede Vergleichsakzeptanz mit heutigen Verhältnissen und Ereignissen! Es sei denn, man hat den Mut und die
Phantasie, Horváths Stücke so aufzubereiten, dass sie tatsächlich im
heutigen gesellschaftlichen Kontext spielen und eine ehrliche Analyse
der unzweifelhaft in vielen Bereichen zu verbessernden Verhältnisse
anbieten. So bleibt dann diese Aufführung in lauter billigen Klischees
haften: Ursula Werner als beinharte Geschäftsfrau Irene Pranti im
Rollstuhl, vom infantilen Müttersöhnchen begleitet, ist so gemein wie
möglich und übernimmt die Rolle des weiblichen Judas mit diabolischer
Freude, um Elisabeths letzte Chance - ihre Liaison mit dem stotternden
Polizisten (Michael Klammer) - zu zerstören... Durch den stark gekürzten
Text fällt nicht nur oft das Verständnis für die Zusammenhänge schwer,
sondern auch die Rollentypisierung der Richtersgattin, die Elisabeth den
Job wegnimmt, und es wird hier nicht deutlich, aus welchem Anlass. Der
Richter wird, wenn er es denn sein soll, als brutales Monster an die
Seite gestellt, der seiner Frau die Zähne ausschlägt. Blut soll in jedem
Fall fließen. Anne Haug muss seine Frau Maria als blond-blasses Nuttchen
im albernen Bärenkostüm spielen, und Wolfgang Hosfeld den weichlichen
Prantlsohn und naiven Lebensretter. Dass zur Zeit im Maxim Gorki Theater
die Qualität bisherigen Inszenierungen weit unter dem Niveau früherer
Aufführungen liegt, ist einem neuen Verständnis von Theater zu erklären.
Bühnen müssen überwiegend kahl, kühl und armselig aussehen.
Videoprojektionen tun ihr Übriges (diesmal zeigen sie öde Freiflächen
und hässliche Trabi-Garagen in der alten DDR) sowie die Gesichter der
Schauspieler, die uns auf der Bühne ihren Rücken präsentieren! Hinzu
kommt eine möglichst unbeteiligte, unemotionale bis ins lächerliche
gekippte Spielweise, die sowohl die Handlung als auch die Persönlichkeit
jedes Mitwirkenden in Distanz hält. So ist letztlich eigentlich nichts
und niemand mehr vollends glaubwürdig. Die Aufführung verliert sich in
sich selbst und gibt uns zu denken, ob wir sie denn wirklich empfehlen
können.
|