Im Zweifel für den Angeklagten

von
David W. Rintels

 

Ein Plädoyer für Humanität
und Menschenliebe

 


Theater am Kurfürstendamm

Basierend auf Irving Stone's "Clarence Darrow für die Verteidigung"

Regie und Bühnenbild:: Christian Kohlund

Musik: Klaus Pruenster

Coaching: Franziska Kohlund

 

 

 

 
 
Ein Mann verharrt gebeugt im Dunkel seiner Erinnerungen; der Raum greift in seine Vergangenheit, zeigt ein Richterpult, das kleine Gatter, das die Geschworenen von allen anderen Menschen im Gerichtssaal in Amerika trennt, den abgewetzten Lederstuhl in der Wohnung des Mannes, einige Fotos und ein Klavier, auf dem Kerzen und Bilder stehen. Langsam hebt sich das Dunkel, der zart pastellfarben beleuchtete Hintergrund zeigt nach und nach großformative Lichtbilder wichtiger Personen aus Politik und Wirtschaft des ausgehenden 19.Jahrhunderts. Der Mann auf der Bühne wendet seinen tief gebeugten Kopf, der wie bei einer Schildkröte vorsichtig aus dem Panzer seiner schwer belasteten Schultern hervorlugt, nun freundlich dem Publikum zu. Das spielt als Partner in diesem Einpersonen-Stück die Nebenrolle; es ist Begleiter, Zeuge, Nachfahre, Chronist. Wir werden alle zu Geschworenen, die atemlos den brillanten, leidenschaftlichen, unbestechlichen Argumenten eines Mannes folgen, der im Amerika der Jahrhundertwende mit einer einzigartigen Zivilcourage gegen jedwede Form von Ungerechtigkeit den Degen führte.

Dieser Anwalt der Armen, der kleinen Leute, die Willkür und Ausbeutung in Zeiten eines gnadenlos aufstrebenden Kapitalismus', recht- und mittellos ausgesetzt waren, ist eine schillernde , mittlerweile historische, literarische und dramatische Figur. Und die Rückschau auf das Leben eines Mannes, der Erfolg und Misserfolg, Jubel wie Missachtung in seinem Beruf, aber auch persönliches Scheitern aushalten musste - doch daraus immer wieder neue Kraft schöpfte, das ist ein bühnenwirksamer Stoff. Der Hamburger Schauspielerstar Christian Kohland hat es für sich selbst in Eigenregie und dramaturgisch ausgefeiltem Monolog jetzt im Theater am Kurfürstendamm inszeniert.

Und Kohlund trifft diesen Charakter vorzüglich; rein äußerlich hat er die markanten Gesichtszüge und eine tief tönende, durchdringende leidenschaftliche Stimme, mit der er diesen vielleicht bedeutendsten, sicher aber menschlichsten aller Anwälte wieder auferstehen läßt; der niemals ein Vermögen gewann, weil er zuerst und später immer mehr vor allem jene verteidigte, die mittellos, hilflos, verachtet auf der Schattenseite des Lebens standen. Sein politischer Eifer kostete ihn das Glück seiner ersten Ehe; in einer zweiten Verbindung fand er eine Frau, die ihm als Journalistin gleichermaßen engagiert und tapfer in all seinen oft verheerenden Kämpfen gegen ungenügende Gesetze, aber gleichermaßen auch gegen die Skrupellosigkeit finanzstarker und politischer Gegner zur Seite stand.

Gebildet und engagiert, belesen und wachen Geistes, rhetorisch äußerst begabt und mit jenem Selbstbewusstsein bedacht, wie es nur und bis heute die Amerikaner besitzen, fand dieser Clarence Darrow seinen Weg vom juristischen Berater verschiedener Firmen, Unternehmen und Gewerkschaften schließlich zu seiner eigensten Berufung: der des Strafverteidigers.

Da war der große Prozess, der Darrow berühmt machte, als er seinem Lehrer John Scopes, den religiöse Fanatiker beschuldigten,  die darwinsche Evolutionstheorie zu lehren, in brillanter Gesprächsführung zum Sieg verhalf. Es war zugleich eine für die Wissenschaft unschätzbare Leistung, die er damit gegen alle Ignoranten errang. Es folgten andere Prozesse, stets Aufsehen erregend, aber auf anderer Ebene; immer stellte sich Darrow mit aller Treffsicherheit seiner Argumentation gegen die Todesstrafe, verteidigte Mörder und Straftäter, wohl die Gründe menschlichen Fehlverhalten ansatzweise ahnend, denn noch galten Ursache und Zielsetzung im Innersten eines Menschen sowohl unbegreiflich und waren noch weitgehend unerforscht. Es war erst der Beginn der empirischen Psychoanalyse von Siegmund Freud und Alfred Adler, die wenig später das menschliche Verhalten ursächlich und final aufschlüsselten und Motive für gesellschaftliche Fehlleistungen und Kriminalität, von persönlicher Fehlentwicklung und menschliche Abnormitäten aufzudecken vermochten.
Darrow erreichte, was er wollte: keiner seiner Klienten, die er gegen die wütende fanatische Meinung der Massen zu verteidigen hatte, die den Täter lieber heute als morgen Täter gelyncht sehen wollten, wurde zum Tode verurteilt.
Später, nach seiner Pensionierung, unterrichtete Darrow und verfasste mehrere Bücher, wie Crime, Its Cause,and Trawtment, The Story of My Life, Farmington, The Persian Pearl. 

Christian Kohlund läßt diese Entwicklung alle mitgehen; er zeigt keinen Helden, keinen Heiligen, sondern zunächst einen lebhaften Mann, der noch seine Identität sucht. Es ist die Liebe zu den Menschen, die Liebe zum Beruf, der es ihm ermöglicht, für Ethos, Recht, Menschenwürde und Wahrheit zu kämpfen: Sie leuchtet in seinen Augen auf, fließt über die eingemeißelten Züge seines Gesichts, sowie sich die Glut der Nächstenliebe -getarnt als Gerechtigkeitskampf - seine Bahn bricht. Er ist zwar nicht der leise, Zurückgenommene, in Wort und Diktion sparsam, sondern eher laut, dynamisch, eindrucksvoll, wortgewaltig. Aber er ist durchgehend glaubwürdig, ergreifend, humorvoll und mitreißend bis auf wenige Ausnahmen, wenn er das Stück in die Gegenwart des Hier und Heute verschiebt und mit den mittlerweile wohl obligatorischen antiamerikanischen Angriffen vermischt. Das ist nicht nötig; denn der Kampf gegen den Zynismus der Mächtigen, gegen die Unvollkommenheit der Gesetzgebung, gegen Uneinsichtigkeit, Egoismus und Lebensleere bleibt leider wohl stets aktuell. A.C.