Iphigenie auf Tauris

von
Johann Wolfgang von Goethe

 

 

Kampf um die Menschenwürde auf dem Tempeldeich

 

 

Schaubühne am Lehniner Platz

 

Regie: Jossi Wieler Bühne: Jens Kilian; Kostüme: Anja Rabes; Musik: Biber Gullatz; Licht: Erich Schneider
 

mit: Thomas Bading, Judith Engel, Urs Jucker, Burghart Klaußner, Ernst Stötzner

 

 

 
  Eine selten dargebotene, kunstvolle Deklamation des Goethe-Klassikers "Iphigenie auf Tauris" erwartet das Publikum in der Schaubühne - dabei verlässt man sich interessanterweise auf die artifizielle Sprachfertigkeit der "Alten" wie Burghart Klaußner als König Thoas und Ernst Stötzner als Orest. Judith Engel, deren Zartheit und Kindlichkeit eher zum Mitleid verführen als ihr jahrelanges Priesterinnentum im Exil und Thomas Bading, der als verkleideter bürokratischer Berater des taurischen Königs agiert sowie Urs Jucker, der den schnell denkenden und logistisch klugen Orest-Freund Pylades spricht, vervollständigen ein einzigartiges Schauspielerteam, das vom Zuhörer eine anspruchsvolle und rasche Reflexion verlangt.

Denn wer führt sich heute noch den komplex erscheinenden hypotaktischen Satzbau zu Gemüte, in dem sich, eingebettet in einen reichen Wortschatz und prägenden Rhythmus, die gesamte grausame Götterwelt und Herrscherdynastien der Antike mit aufgeklärtem Zeitgeist verbindet. Aber warum hat man den ohnehin sehr komplexen Stoff, in dem sich die unsterblichen Helden wie der Vaterrächer und Muttermörder Orest, die von der Göttin Diana in Obhut genommene und bei Nebel auf die Insel Tauris gezauberte Schwester Iphigenie (die vom Vater Agamemnon für günstige Fahrtwinde gen Troja geopfert werden sollte) und alle anderen in so unpassende Kleider gesteckt? Warum muß der große König Thoas, den barbarischen Gebräuchen seiner Altvorderen noch kaum entwöhnt, im eleganten dunklen Anzug mit einem frisch von Blume 2000 zellophanverpackten Blumengebinde um die kindliche Priesterin so unbeholfen werben? (die ihn allerdings ganz schön zappeln läßt und leicht lolitaartig herausfordert).  Warum muß sein Diener Arkas als Schlips- und Kragenkarikatur nervös zuckend böse Ahnungen und gut gemeinte Brautwerbung verkündend, um Iphigenie so unbeholfen herumschleichen? Warum trägt Orest einen Anorak mit hoch geschlagener Kapuze   und stapft wie alle anderen auch mühsam-  über den grünen Deich, der anstelle von Tempelstufen den Gemeinsterblichen das schwarze Allerheiligste der Göttin Diana verwehrt? Wozu ist überhaupt dieser hohe Nordseedeich mit seinen schweren Placken, die unter den Füßen der Schauspieler immer mehr zu Matsch mutieren, nötig? Wer mag, kann sinnbildlich alles deuten: das Herumrutschen signalisiert die Suche nach dem festen Halt der alten Welt, in der alles vorbestimmt und von den Göttern verordnet schien.

Vorerst aber rutschen und deklamieren sie sich - Deich rauf, Deich runter - tapfer durch Erinnerungen und Streitgespräche, die von philosophisch-politischen Gedanken und Wünschen geprägt sind, die vor allem eines versprechen: Die dumpfe Welt der Göttervorherrschaft zu beenden und- nach einem neuen humanistischen Weltbild - die Menschen zu befähigen, selbständig und verantwortungsvoll zu handeln, in einer neuen aufgeklärten Epoche. Auch Thoas ist ja noch nicht wirklich in der neuen Zeit angekommen, und Orest und Iphigenie werden sich zwar am Ende der Schuldverstrickung ihres Geschlechts noch entledigen, aber dann gemeinsam den Weg zurück zu den Ahnen antreten. Denn mit der Gnade, die Thoas in seiner großen Liebe zu der Priesterin über sich selbst hinauswachsen läßt, indem er der Grausamkeit seiner Tradition nun endgültig entsagt, die Neuankömmlinge auf seiner Insel sofort zu töten, ist der Kreislauf von Schuld und Rache endgültig besiegt. 

Doch wie armselig läßt Wieler seine Darsteller agieren, wie peinlich stolpert und fummelt der arme Thoas an der kindlichen Priesterin herum, die er nur gar zu gern und schnell umarmen und liebkosen möchte - die gebremste Zärtlichkeit müsste nicht so erbärmlich unbeholfen und frustriert, sondern zärtlich und leidend ausschauen. Tut sie aber nicht. Und Burghart Klaußner, ein großartiger Schauspieler ohne Frage, bleibt auch später als verzichtender, wahrhafter königlich Handelnder eher bemitleidenswert als großartig. Für meinen Geschmack ist die an Mimik überaus reiche und begabte Judith Engel einfach in zu läppische Fummel gesteckt, als dass sie die Würde und die Erhabenheit einer Priesterin ausstrahlen könnte; kindlich kleingehalten stapft sie im weißen kniefreien Kleidchen daher, später in bunten Leggins und Strickjacke, an den Ärmeln zupfend, frierend und irgendwie unsicher, was sie denn nun mit den vielen Männern um sie herum anfangen soll. Denn dem dramatischen Anspruch einer Konfliktbewältigung zwischen Pflicht und Neigung, zwischen den Aufgaben als Priesterin auf Tauris und ihrer Verantwortung dem Bruder gegenüber wird sie in dieser Inszenierung nicht gerecht. Zuweilen scheint sie Thoas' Werben gegenüber doch gar nicht so abgeneigt, doch letztlich obsiegt ihr Ehrgefühl, und sie steht zum Diebstahl des Dianabildnisses wie auch zu der geplanten Geschwisterflucht. Mit Lüge und Betrug will sie von dem Mann, dem sie ihr Leben und ihren Einfluss auf Brauchtum und Ethik verdankt, nicht verbergen. 

Doch Thoas ist zutiefst enttäuscht und gekränkt, und er weiß in einfältiger Rache nichts Besseres, als den alten grausame Brauch,     jeden Fremdling auf der Insel sofort Diana zu opfern, wieder einzuführen. Die ersten, die das alte Schicksal wieder zu ereilen droht, sind nun ausgerechnet Orest und Pylades, die auf Geheiß des Orakels das von der Göttin beschützte Heiligtum nach Griechenland zurückbringen sollen. Dass damit nicht das Bildnis der Diana, sondern das lebende Abbild Iphigenie gemeint ist, gehört zum unverständlichen Wesen jeden Orakels. Orest nun plötzlich bringt Leben in die langweilige Rasenszenerie; Erich Stötzner gehört zum alten guten und bewährten Schlag der Schauspieler, die noch tragische Rollen auf der Bühne ausleben und auf ihr Publikum übertragen können; Wenn er auch nicht gerade wie ein jüngerer Bruder von Iphigenie wirkt, so übertrumpft er in seiner dramatischen Todessehnsucht und Sühnebereitschaft alle bisher mehr oder minder leidenschaftslos dargestellten Schicksalsepisoden und übersteht eine Wahnsinnsattacke, die man keinem Therapeuten zumuten möchte. Allein Goethe und Iphigenie finden hier in dichterischer und   geschwisterlicher Eintracht den rechten Weg. Danach ist Orest gestählt und in Demut neu geboren. Er huldigt und anerkennt die Großmütigkeit von Thoas, während Iphigenie recht unsensibel noch unerfüllbare Forderungen an ihn stellt, und Pylades sich überhaupt verzieht. Der Atriden Befreiung und Thoas Einsamkeit stehen am Ende dieses Versdramas wie eine neue bedrückende Lebensphilosophie, nach der das Glück des einen durch Verzicht des anderen erkauft wird. A.C.