Leonce und Lena

von
Georg Büchner

 

 

 Vorreiter des absurden Theaters

 


Koproduktion mit dem Schauspiel Köln

Maxim Gorki Theater

Regie: Jan Bosse; Bühne: Stéphanie Laimé, Kostüme: Kathrin Platz

mit: Julischka Eichel, Maja Schöne; Jan-Peter Kampwirth, Ronald Kukulies, Mark Waschke, Michael Wittenborn

 
   Es waren zwei Königskinder, die wollten partout nicht zueinander kommen, geschweige denn heiraten. Und so flüchtete Leonce aus dem Reiche Pipi und Lena aus dem Reiche Popo, und beide überquerten unwissentlich die Grenzen, um einander inkognito zu begegnen und - natürlich - sich ineinander zu verlieben.
In wenigen Wochen, 1836, ein Jahr vor seinem Tode, brachte der geniale Georg Büchner dieses entzückende Lustspiel zu Papier  (angeregt durch ein Preisausschreiben des Cotta-Verlags) und zeigte sich dabei vielleicht als erster Dramatiker des absurden Theaters. Aber auch die Comedia dell'arte stand Pate, und die herrlichen Narren aus Shakespeares Lustspielen verirrten sich wie von selbst in diesen Schwank. Doch die scheinbar abstrakte Wortwitzelei und abstrusen philosophischen Gedankenspielereien  - die in dieser pointierten Inszenierung hervorragend herausgearbeitet sind -  entbehren nicht der schmerzvollen Einsicht eines jungen idealistischen Revolutionärs, dass die wenigsten Menschen denken und die anderen sich dahintreiben lassen. Ihr Reden und Handeln scheint ohne Sinn und Verstand zu sein. Diese Pointe bringen die Kölner und Berliner Schauspieler mit Verve heraus, und sie sind sich durchaus der Ernsthaftigkeit jedweder Parodie und politischer Anspielung bewusst, hinter der Büchner das Leiden an Ungerechtigkeit und Blödheit, an Stumpfsinn und Überdruss äußerst wahrhaftig und zeitlos sichtbar macht.

Das beweisen auch die mit allerlei Flitter und Flattertand dekorierten Schaufensterpuppen, die zum festlichen Anlass des Geburtstages des Prinzen Leonce die Party verschönen sollen. An diesem Tag nämlich will König Peter die Verheiratung und Thronübernahme seines Sohnes dem Volk verkünden. Doch der mit Reichtum und Müßiggang übersättigte Sprößling will nicht so wie der Herr Papa, und, allen Anforderungen und auch der Geliebten überdrüssig, ist er mental bereits ins Reich der absoluten Belanglosigkeiten abgedriftet.
Derweil sich der Herr Staatspräsident mit allerlei rhetorischen Verbeugungen und Verrenkungen bemüht, die Form zu wahren und das Volk bei Laune zu halten. Nicht leicht in so einem diffusen Haushalt, wo die Dekadenz sich bereits tief ins Wurzelwerk der Herrscherdynastie eingenistet hat. Jan Bosse hat das entzückend und mit leichter Hand verspielt in Bild und Wort gefasst und führt Jan-Peter Kampwirth als König Peter mit ernstzunehmender Verwirrung, den lebenslaxen Leonce von Michael Wittenborn und den um Würde und Amt kämpfenden Präsidenten von Mark Waschke in skurriler Fantastik - aber gänzlich unterschiedlich im Vergleich zur Wilson-Inszenierung am Berliner Ensemble! - durch die beinahe durchgehend ansprechende Aufführung. Die hübschen jungen Damen - Julischka Eichel als Rosetta und Maja Schöne als Lena - bezaubern durch die mimische und sprachliche Ausformung ihrer kopflastigen Texte, die andernorts schon mal wie Dörrfisch schmecken.

Um weder Gesicht noch Ansehen zu verlieren, läßt der König die vorbereitete Hochzeitsfeier aller fehlenden Brautleute zum Trotz dennoch zelebrieren und greift sich das erstbeste Paar, das maskiert am Hofe erscheint, um die Trauung zu vollziehen. Unnötig zu sagen, dass auch hier die Meister des absurden Theaters, wie Eugene              Ionesco oder Samuel Beckett ihre wahre Freude an dem Gestammel des Präsidenten, an dem kindlichen König, an der maulenden verlassenen Ex-Freundin und der Karikatur eines Präsidenten gehabt hätten. Den Vogel aber schießt Ronald Kukulies ab, diesmal als wortgewitzter Diener. Solche prallen, frechen, ausgebufften Charaktere, solche weisen Narren konnte nur einer erfinden, und Büchner hat von Shakespeare Wesentliches gelernt. Kukulies Valerio ist ein mit allen Wassern gewaschener, vorlauter, gotteslästerlicher Schalk, ein aufmüpfiger und dennoch treuer Diener seines Herrn, voller Stacheln und Renitenz, und ein mutiger Kritiker. Er blättert das volle Buch der Ungerechtigkeiten der gesellschaftlichen Verhältnisse, der erträumten Veränderungen auf, und er windet und weidet sich an der Liebesglut, die jäh den romantischen Leonce erfasst hat, der so weit von jeder Realität entfernt ist, das er sich darob das Leben nehmen will - schon das Gefühl selbst erscheint ihm wie der Himmel auf Erden. Valerio rettet und beschimpft ihn und somit auch das Stück, das seinen glücklichen Ausgang nimmt. Die vorbestimmten Brautleute finden einander - der alte König dankt ab, "um zu denken", der junge stammelt irgendwelchen Herrscher-Blödsinn, der Diener ernennt sich selbst zum Minister, der bisherige Präsident verlässt wütend die Bühne, die verlassene Geliebte bleibt, wo verlassene Geleibte bleiben. Irgendwo im Nirgendwo.

Der Spuk ist aus, und man geht, was nicht mehr oft vorkommt, angeregt nach Haus. Ein Stück, das sich oft wirklich nur als Langweiler zeigt, hat hier einen frischen Anstrich erhalten.  Sehenswert. A.C.