Penthesilea (2008)
 
von
Heinrich von Kleist
(1777-1811)

 

 

Liebe in Zeiten des Trojanischen Krieges

 


 
Schaubühne
 

Regie:  Luc Perceval;
Bühne : Annette Kurz; Kostüme: Ursula Renzenbrink;
Musik: Jean-Paul Bourelly; Dramaturgie: Maja Zade

Ensemble: 
Katharina Schüttler, Bettina Stucky, Carola Regnier, Christina Geiße, Rafael Stachowiak, Heiko Raulin, Ulrich Hoppe, Michael Rastl, Manuel Harder

 

 

 

 

 
Im Krieg zwischen Griechen und Trojanern prallen die Amazonenkönigin Penthesilea und der Held Achill aufeinander und entbrennen in wahrhaft wilder Leidenschaft zueinander. Während eines Kampfes unterliegen die Amazonen, weil ihre Anführerinnen stürzen. Die Königin rast vor Wut über die verlorene Schlacht, aber gleichzeitig vor Liebesglut, seit sie Achill, der ihr von ihrer Mutter einst als Gatte vorhergesagt war, begegnete. Doch während sie ihn in ihrem Hauptquartier zum -jährlichen Begattungsfest der Amazonen- befiehlt, will er die Geliebte (als Sklavin) mit nach Griechenland nehmen. Trotz ihres heftigen Begehrens will sich die Königin weder der Unterwerfung beugen noch ihren Staat opfern  und stellt sich erneut an die Spitze ihres Frauenheeres, um gegen die Griechen zu kämpfen. Achill, nicht minder liebesblind und rasend, wirft sich der Königin scheinbar besiegt zu Füßen, um sie so endgültig von seiner Liebe zu überzeugen. Doch Penthesilea tötet Achill im Wahn ihrer Demütigung und im Rausch ihrer Liebe auf mörderische und grausamste Weise und stürzt sich anschließend gleichermaßen toll im Liebes- und Blutrausch in ihr Schwert.

Das ist der reißfeste Stoff, aus dem die alten Mythen sind und der für den großen deutschen Dichter Heinrich von Kleist als Vorlage für ein wort-gewaltiges, dynamisches, kunstfertig gewebtes Trauerspiel diente. Wer sich nun - textgetreu - goldbetresste Kampfelefanten, reich geschmückte, helmbewehrte Kriegerinnen, muskelstarke Recken auf mächtigen Rossen vorstellt, der wird in dieser Inszenierung von Luc Perceval eines gänzlich anderen belehrt und muss schon eine reiche Filmerfahrung oder Phantasie besitzen, um in dieser kahlen Bühnenhalle exstatische Leibes- und Liebesschlachten nachvollziehen zu können. Um ein bis an die Decke aufgetürmtes palisadenartiges Lattengerüst stampfen, laufen und grölen fünf Krieger - Achilles, Odysseus, Diomedes, Antilochus und ein Hauptmann mit weiß gekalkten Gesichtern und Oberkörpern, Kampfstiefeln und, mit einem Gürtel festgehalten, viel zu weiten kalkverstaubten Hosen. Mit olympiaverdächtiger Ausdauer und Tempo absolviert zunächst Achill, sozusagen als Vorkämpfer gegen die Amazonen, seine Runden durch die hohe kahle Bühnenhalle. Der Verlauf der schicksalsschweren Schlacht mit ihren wechselseitigen Attacken, Beobachtungen und Vermutungen wird von Achills Beobachtern, leider nicht immer verständlich für den Zuschauer, aufgeregt an Mikros kommentiert. Aber wer versteht schon etwas, wenn ein derart heftiger Kampf tobt, die Schwerter klirren, die Lanzen brechen, die Pferde schnauben, die Kämpfer schreien, die Verwundeten stöhnen. Mit Hilfe einer gewaltigen Verstärkeranlage startet der haitianische Jazzmusiker Jena-Paul Bourelly auf seiner Elektrogitarre eine Großoffensive kreischender Tonabfolgen, wirft sich gleichsam mit allen musiktechnischen Mitteln in die Schlacht, die  bisweilen die Schallgrenze der Zumutbarkeit durchbricht. Doch brennt sich somit bahn- und bannbrechend der Rhythmus des fortschreitenden Geschehens in unser Ohr. Musik und Regie bestimmen gemeinsam den Ablauf der unmenschlichen Kämpfe der Titanen. Denn auch die Amazonenriege um Penthesilea durchmisst locker mehrere Runden extremen Laufes bis alle erschöpft zusammenbrechen, und, wieder zu frischem Atem gelangt, mit neuer Kraft Hass und Wut und ewige Vernichtung des Feindes schwören. Keuchend noch vor Anstrengung nehmen die Schwester Prothoe und die Freundin Meroe sowie die stimmbrüchige Oberpriesterin ihren ewigen Schwur auf, den grausamen Mord an dem Volk der Skythen, an ihren Müttern und Vätern, durch die Äthiopier für ewig mit des Mannes Unterwerfung zu rächen. Und da nun ausgerechnet verliebt sich diese Königin - unfassbar, eine Katastrophe - ausgerechnet in den Anführer dieser verrohten, unbarmherzigen griechischen Besetzer, die ihren blutigen Sieg über Hector, des Priamos Sohn, um jeden Preis fortzusetzen wollen. 

Ob die kleine, kindhafte Katharina Schüttler in diesem Kriegsgeschrei und Getöse die rechte Besetzung für eine so gewaltige, grausam wütende und selbstzerstörerisch Liebende ist, kann nicht beurteilt werden, da ihr, wie auch ihrem ebenfalls kalbweiß geschminkten und hemdbekleideten weiblichen Kampftrupp in dieser eindrucksvollen Aufführungskomposition kein rechtes Spiel, sondern lediglich zumeist unverständliche dramatische Deklamation bis zur Erschöpfung erlaubt ist. Fern von Kleist's Intention, diese Amazonenkönigin als "halb Furie, halb Grazie" vorzuführen, die sich ihres Stolzes und ihrer Aufgabe als Anführerin der Amazonen bewusst ist, die gegen alle Liebe für einen einzelnen Mann steht, und in diesem für sie unlösbaren Konflikt zwischen Pflicht und Gefühl wahnsinnig wird.
Sicher, wenn die Musik es zulässt, schwingen die rhythmisch-romantischen Sprachgebilde des Dichters durch den weiten Raum und machen in dieser großen hohen Halle das archaische Bild kriegerischer Gesellschaften gegenwärtig. Doch das sind nur die wenigen Augenblicke, in denen die Füße nicht stampfen, die Männer nicht keuchen, die Todesfurien nicht hetzen. Und die flüchtige, alles umfassende Zweisamkeit der beiden Liebenden (Rafael Stachowiak ist ein eher sanfter Achill) läßt dann in den glühenden Liebesworten ("Du sollst den Gott de Erde mir gebären") das Leid und Ende dieses Paares, das aus einem Holz geschnitzt zu sein scheint, bekümmernd erahnen. A.H.