Penthesilea

von
Heinrich von Kleist

 

 

Der Mensch - ein Opfer der Liebe

    

  Vaganten

  mit: Katharina Hofmann (Penthesilea); Rea Kumann (Prothoe); Jürgen Bierfreund (Odysseus); Joey Bozat (Achilles); Elmar Börger (Antilochus)

Regie: Gabriele Gysi;
Bühne und Kostüme: Nicole Riegel

 

Kurz gesagt: Es ist Krieg, Die Griechen ziehen gegen Troja - da taucht ein dritter Gegner auf: die Amazonen. Sie kämpfen gegen beide Heere, um junge Männer als Beute zur Fortpflanzung ihres Frauenstaates zu rekrutieren. Die Geschichte von Penthesilea, der Amazonenkönigin und Achill, dem Kriegshelden der Griechen ist eine Geschichte der Liebe und des Kampfes. Es ist die schrecklichste und schönste Liebesgeschichte der Weltliteratur. Aber sie ist nicht adäquat inszeniert.Zurück

 

In dem Urmythos der weiblichen Herrschaft der Amazonen, Frauen, die Männer lediglich zur Begattung in einem heiligen Ritus akzeptierten, die neugeborenen Jungen töteten, um den Frauenstamm reinzuhalten, die kriegerisch und tapfer, grausam und unerbittlich ihre männlichen Feinde bekämpften, war die schöne Penthesilea einst ihre Königin. Zu einer Zeit des Umbruchs, als sich kaum merklich das männlich dominierte Göttergeschlecht der Griechen ankündigte und dem Matriarchat die Vorherrschaft nahm, fand der Krieg der Griechen gegen Troja statt. Die Griechen rächten den Raub der schönen Helena, der Gattin des Menelaos, durch den Königssohn der Trojaner, Paris, und belagerten die Stadt zehn Jahre lang bis eine List des Odysseus die Festung der Trojaner besiegte und ihr Reich in Schutt und Asche legte. Die griechische Mythologie läßt sich an sogenannten Heldensagen und Grausamkeiten in Nichts überbieten.

In eben jenen urfernen Tagen begab es sich also, das die Amazonen sich ( auf Raten ihrer Göttin!) auf die Seite der Trojaner schlugen und den Griechen erhebliche Verluste zufügten. Doch als der mächtige Heerführer der Helenen, Achill, in einer Schlacht die Amazonenkönigin niederstach und anschließend das Visier der Feindin hob, war er von ihrer Schönheit derart ergriffen, dass er sich unsterblich in sie verliebte. Zu spät, aber die Mythen blühten weiter, und Heinrich von Kleist, der Sensible, Depressive, höchst anspruchsvolle Geist und Künstler einer hehren Sprache, ließ Penthesilea nicht sterben, sondern führte diese einmalige und vielleicht größte und schwierigste Liebesgeschichte der Welt fort: In seiner Geschichte wütet das Schlachtgetümmel weiter, Penthesilea überlebt und verliebt sich in Achill, nicht wissend, das er sie besiegt hat. Der Kampf der Heere wendet sich zum Kampf der Geschlechter - wer siegt, wer ist der Mächtigere, wer fügt sich wem? Für Achill, den Sieggewohnten und Königssohn ist das keine Frage,. Er wird die Geliebte in seine Heimat führen und mit ihr den Thron teilen - aber wer teilt schon gern die Macht? Denn für die Königin der Amazonen sieht es da schon etwas schwieriger aus - in ihrem Reich herrschen die Frauen, und nach der Begattung pflegten die Männer verstoßen zu werden. Ohne Ausnahme.

Was ist das für ein Stoff! Was für Dialoge!, Was für Szenen - voller Gewalt, Liebesglut und Leidenschaft, voller Kampf und Härte, voller Sehnsucht und Todesahnung. Und da wagt sich die kleine Vagantenbühne mit gewiss nicht unbegabten Darstellern an dieses große Thema. Trotz aller Enttäuschung ist es dennoch ein lehrreicher Abend, nämlich wenn man darüber nachdenkt, warum man ein Stück dieser Ausprägung, dieser Gestalt nicht in den Griff bekommen kann. Da ist einmal die reizlose Bühne, seitenverkehrt übernommen von der Inszenierung des "Endspiels": eine Treppe führt im hinteren Raum steil nach oben, schrägt bestückt mit roten verblichenen Plüschsesseln. Darunter und davor erzählen die Kriegsbeobachter Odysseus und Antilochus vom Kampfgetümmel, das von furchtbarem Gedonner moderner Kriegsmaschinen übertönt wird, so dass nicht nur die Worte der Beiden verloren gehen, sondern auch an der Glaubwürdigkeit und Faszination eines mit Pfeil, Bogen und Schwertern auf schnellen Pferden elegant, wenngleich nicht minder grausam geführten Amazonenangriffs arg gerüttelt wird. 
 Die blonde, sehr weiblich wirkende und dennoch recht energisch auftretende Penthesilea von Katharina Hofmann umhüllt ein weißes schlichtes Kleid, nur Stiefel kennzeichnen ihre kriegerischen Ambitionen. Die Höhen und Tiefen ihres Gemütszustandes, ihre Verwirrung, ihre Leidenschaft und letztlich ihre Ohnmacht, die in glutvolle Gier umschlägt und sie zur rasenden, den Geliebten verschlingenden Mänade macht - das alle kann sie wohl deklamieren, aber nicht personifizieren.

Und wenn Achill sie ehrfürchtig als "halb Furie, halb Grazie" bezeichnet, so liegt darin mehr ängstliche Anerkennung als Schrecken oder Lust und Begehren. Wie er überhaupt von Joey Bozart zwar mit echt südländischem Aussehen, aber mit äußerster Zurückhaltung, fast scheu und gar nicht heldenhaft draufgängerisch verstanden wird. Kein strahlender Held, kein grausamer Krieger, nicht der unerbittliche Rächer, der Trojas Held Hektor um die Tore der Stadt schleift, kein kühner Verführer. Demütig wirft er sich der stattlichen Amazone zu Füßen, wagt nicht einmal, ihr werbendes Liebesangebot anzunehmen. Er bleibt ein Rätsel für den wütenden Odysseus (machtvoll hier Jürgen Bierfreund) und den gleichfalls verliebten Antilochus (Elmar Börger), der sich zu der temperamentvollen Prothoe hingezogen fühlt (Rea Kumann eine Amazone aus Fleisch und Blut). Aber sie trägt auch nicht die Verantwortung der Stammesführerin! Und diese ewig gültige Dimension - der Verzicht auf die Erfüllung eigener Wünsche aus Gründen der Staatsräson - offenbart erst die Größe einer Führernatur.

Das alles ist gut gesprochen und verständlich -  bis auf den Kriegskrach - aber wirklich ergreifend oder mitreißend ist es nicht. Das sind keine Titanen, die hier mit aller Wucht eines kämpferisch lodernden Eros aufeinanderprallen. Nur, als Prothoe schluchzend vom letzten schrecklichen, mißverständlichen Kampf zwischen Achill und Penthesilea berichtet, breitet sich die ganze Tragik und Tragweite dieser unglückseligen Verbindung aus - die Liebenden werden einander erst im Tode ebenbürtig sein, und die wilde Grausamkeit, mit der Penthesilea den geliebten Feind vernichtet, der sich ihr, nicht ahnend, dass sie ihn töten wird, nur leicht bewaffnet nähert, läßt schaudernd erahnen, wie abgrundtief die Gefühle in diesen archaischen Gefilden wüten und wozu sie fähig sind. A.C.