Platonow

von
Anton Tschechow

Deutsch von Wolf Christian Schröder

 

 

Ein Prosit auf den Untergang

 

Maxim Gorki Theater

 

Fassung und Regie: Uwe Eric Laufenberg

Bühne: Kaspar Glarner

Kostüme: Jessica Karge

Musik: Wolfgang Böhmer

Dramaturgie: Remsi Al Khalisi

mit: Leslie Malton, Felix Rech, Regine Zimmermann, Rainer Kühn, Norman Schenk, Rosa Enskat, Manfred Borges, Hans-Jochen Wagner, Wolfgang Hosfeld, Eckhard Strehle, Michael Wenninger, Anna Kubin, Silvio Hildebrandt, Christian Mark, Karl Schneider, Frank Günther, Gitta Lachmann

Kurzfassung:

Der Aufbau des Dramas ist genial, die Regieführung ebenso, die Charaktere trefflich ausgeleuchtet, die Entwicklung des Dramas Stück für Stück konsequent fortgesetzt; die Szenen zeugen von literarischer Stärke, und die darstellerischen Möglichkeiten für die Schauspieler sind weit gefasst.

Hier darf - wieder einmal - ein Ensemble zeigen, welche Potentiale in einer homogenen Aufführung und Besetzung stecken. Auch für den Intendanten eine Bestätigung seiner künstlerischen Leitungskompetenz.

 

Zurück

 

 "Wie soll ich sagen? Meiner Meinung nach ist Platonov der perfekte Vertreter der zeitgenössischen Orientierungslosigkeit. Er ist der Held des besten leider noch nicht geschriebenen Gegenwartromans."

Mit dieser, Anton Tschechow's eigener klarer Personen- und Stückanalyse ist eigentlich schon alles gesagt.

Das Stück ist hochaktuell, wenn man es auf diese Aussage bezieht; es ist aber vor allem bestes russisches Drama mit allen gesellschaftlichen Auswüchsen und Ausfällen, unter denen in jener Zeit das zaristische Russland zu leiden hatte, und es ist eine Gelegenheit für Regisseur und Ensemble, höchst abwechslungsreiches, melodramatisches Geschichts- und Gesellschaftstheater zu spielen. Für die Bühnen- und Kostümbilder ist dies zudem eine prächtige Aufgabe, abgeblätterte Eleganz und verstaubtes großbürgerliches Ambiente zu dekorieren sowie die Protagonisten in dem (durch Wände und Spiegel) großzugig aufgeteilten Raum in immer neuen Konstellationen hin- und her zuführen.

Es hätte die Chance bestanden, ein Jugendstück des Autors durch energische Streichungen in ein zumutbares Spektakel zu verwandeln. Leider dauert die Verwandlung einer oberflächlich hübsch garnierten Amüsiergesellschaft hin zur totalen Vernichtung dieser aller Würde und Hoffnung beraubten Menschen noch immer ganze vier Stunden - aber, und das muss deutlich gesagt werden: Es wird niemals langweilig!

Ursprünglich hießt das Stück "Die Vaterlosen" (1878) als der 18jährige Tschechow es nach seiner Beschäftigung mit Turgenev`s Essay "Hamlet und Don Quijote" niederschrieb. Für Turgenev war Hamlet einer jener "überflüssigen Menschen, an denen Russlands Gegenwart krankt: Er (Hamlet) kennt alle seine Fehler, und zwar sehr genau, und er verachtet sie; er verachtet sich selbst, doch gleichzeitig könnte man sagen, lebt er und nährt er sich von dieser Verachtung."

So auch Platonov, der 27 Jahre alte Lehrer, Frauenheld des kleinen Dorfes, verheiratet mit einer naiven Kindmaus (Anna Kubin) und aller übrigen Frauen Liebhaber: ein Don Juan, der tändelt, betört und buhlt, ein Sexbesessener, haltlos, unentschlossen und zynisch. Ursache und Wirkung sind hierbei eines. Eingebunden in eine Gesellschaft, die erfüllt, was zur Zeit in ganz anderer Version in der "Arena" unter dem Titel "Süchtig" von Stefan Jürgens expressiv dargeboten wird. Auch bei Tschechow sind alle Beteiligten beinahe allen Süchten gleichzeitig verfallen: Verschwendungs- und Vergnügungssucht, Alkoholsucht, Nikotinsucht, Sexsucht, Selbstsucht und/oder Gefallsucht - gibt es noch mehr? Und sie alle, die ganze russische bürgerliche Gesellschaft samt des selbsternannten Grafen (Norman Schenk richtig schön fies), saufen sich in einem permanenten gemeinsamen Exzess ihrem Untergang entgegen. Ziel- und Entschlusslosigkeit sind ihre teuflischen Ratgeber, leeres Geschwätz, falsche Nostalgie und Langeweile umkreisen ihr Dasein, das weder Hoffnung, noch Ehrgeiz, weder Altruismus, noch irgendeine Ethik und Moral kennt; ihr Lebensalltag wird von einer einzigen großen Lebenslüge getragen.

Doch noch schimmert zu Beginn ein schöner Schein an der Oberfläche (während doch die Schäbigkeit des Hauses deutlich sichtbar ist!). Die kapriziöse, charmant flirtende Generalswitwe (Leslie Malton in maßgeschneiderter Rolle) umgarnt den Freund und Arzt (mit großer Ausstrahlung: Hans Jochen Wagner - vielleicht Tschechow ähnlich?), der ihr galant den Hof macht, sie um Beistand für seine unerwiderte Liebe zu einer intelligenten jungen Frau (eckig und blaustrumpf-überzogen Rosa Enskat) bittet. Bei Liebeständeleien mischt man gerne mit. Ein noch nicht verarmter Gutsbesitzer (Rainer Kühn ist ein wirklich vornehmer alter Herr), der in Nostalgie schwelgt und der hübschen Witwe den Hof macht, wird abgewiesen und geht nach einem leichten Schlaganfall mit seinem nichtsnutzigen Sohn nach Paris. Nun kommen nach und nach die anderen Gäste, und ziemlich spät auch Platonow selbst (Michael Wenninger als in Charakterlosigkeit zerfließender Antiheld). Er findet in der jungen, eigenwilligen Frau des Sohnes der Gastgeberin seine einstige Geliebte wieder und gibt nicht eher Ruhe, als bis er ihre abwehrende Scheinmauer durchbrochen hat. (Regine Zimmermann kann mit ihrer distanzierten und wohlartikulierten Spiel- und Sprechweise eine seltsame, fremdartige Aura produzieren). Auch die flirrende Gastgeberin liebt Platonow und wird mit allen Mitteln versuchen, ihr Ziel zu erreichen. Dass ihm auch die intelligentere Schulleiterin trotz aller Brüskierungen verfallen ist, versteht sich (oder auch nicht). Ebenso, dass nicht alle Männer ihn darum gut leiden können, als da ferner sind: der Sohn der Gräfin (erschütternd naiv-dekadent: Felix Rech), Platonows Schwiegervater, der jüdische Geldverleiher, der verelendete Dieb und Wilderer (beeindruckend: Silvio Hildebrandt), der reiche Kaufmann, der die Gräfin mit windigen Tricks um ihr Vermögen bringen wird. Platonow ist der Labilste unter ihnen, das schwächste Glied einer längst brüchigen Kette. Er leidet an dem Mangel menschlicher Gefühlsregungen und unter den moralischen Defiziten seiner Spezies, die einem um sich greifenden Fatalismus verfallen ist, der einer alles vernichtenden Depression den Weg ebnet. Aber Platonow sieht sich selber nicht.

Dass dieser Abend tief bewegt, den Zuschauer aber nicht völlig deprimiert, ist zum einem der distanzierten und auch amüsierten Betrachtungsweise Tschechow's zu verdanken, zum anderen dem Regisseur und dem Ensemble, die diese beiden Vorgaben zu beachten wissen. A.C.