Preussens Luise

  von
 
Marie Gräfin Voss, Königin Luise, Günter de Bruyn

 

Diese Königin ist doch mehr als eine Ikone!

 

 Eine Lesung in der Reihe: Berliner Geschichten

 
Theater im Palais

Leitung: Aljoscha Westermann, Fassung: Dörte Richter und Aljoscha Westermann, Bühnenbild: Dieter Kirchhof,

Mit: Gabriele Streichhahn und Franziska Troegner, Stimme: Carl Martin Spengler

Am Klavier: Ute Falkenau

 

 

 

 
Mit vielsagend verschmitztem Mienenspiel kommentieren Gabriele Streichhahn und Franziska Troeger ihre Lesung, die aus artigen Komplimenten, kleinen philosophischen Traktaten, Erinnerungen und sachlicher Kommentierung über die Zeit und das kurze Leben der allseits verehrten preußischen Königin Luise (1776-1810) besteht. Die Königin, die ihrem Mann Friedrich Wilhelm III. zehn Kinder gebar, war eine wohl erzogene, liebreizende Prinzessin aus dem Hause Mecklenburg-Strelitz, die, so hört man in eben diesen Schriften, ihrem Volk zugetan und von diesem ebenfalls geliebt und verehrt wurde bis in die heutigen Tage.

Es scheint nirgendwo textlich überliefert, wie genau sie in ihrer Rolle gelebt hat, wie sie am Hof agierte, was sie wirklich mit den klügsten Köpfen jener Zeit wie beispielsweise den bedeutenden Reformern, dem Fürsten Hardenberg und dem Freiherr vom Stein, besprach; ob sie überhaupt und in welcher Form sie gehört oder nur angehört wurde; was hat sie bewegt in den wenigen intimen Stunden, die ihr und ihrem Gemahl blieben, wenn alle Staatsgeschäfte erledigt, alle Bittsteller befriedigt, alle Höflinge fortgeschickt worden waren? Was hatte sie überhaupt für Muße und Intentionen, welche pädagogischen und christlichen Vorstellungen für die Bildung ihrer Kinder, oder waren die allesamt, wie es Brauch und Sitte war, den Erziehern und Verwandten ausgeliefert, die sie von kleinauf streng in die höfische Etikette einbanden?
Und wie letztendlich verliefen die vielen Gespräche, die sie mit dem Zaren in vornehm angedeuteter prickelnder Atmosphäre führte, wohl unwissend oder uninteressiert an den sozialen Zuständen im Zarenreich, wie wohl auch an denen im eigenen Land?
Was bleibt eigentlich abseits von all diesen wohlgesetzten höflichen Briefen und Gedanken, die die Königin selbst in reizvollster Manier zu Papier brachte oder die ihre Biographen wie der liebenswürdige Senior der Poesie Günter de Bruyn sorgfältig ausformulierte.

Es ist nichts, was man nicht schon wüsste, gelesen, gesehen hat von dieser schönen und klugen Frau, die wohl nach all den Grobheiten der Wilhelm- und Friedrich-Ära ihre Umwelt (und bedeutende Staatsmänner!) verzauberte. Zu Gehör gebracht wird eine elegante Kurzbiografie, die jedoch an der Oberfläche leicht dahinplätschert. Ein Abriss über ein zwar kurzes, aber doch an persönlichen und historischen Ereignissen so reiches Leben - was für ein Gemälde, wie hätte man dies ausschmücken oder zumindest skizzieren können! Denn schließlich handelt es sich hier um eine Bühne, die mit weitaus mehr Möglichkeiten ausgestattet ist, als zwei Stühlen, zwei Stehpulten und einer unterforderten Pianistin? Wo bleiben die dramaturgischen Geistesblitze und Gedankenströme, die ein Gespräch zwischen   Napoleon und Luise, oder Alexander und der Königin und natürlich die schwierigen Auseinandersetzungen mit den preußischen Staatsmännern in spannende Form gegossen hätten? Denn diese Königin hat nicht nur eine Menge Kinder geboren, eine angeblich wunderbare Ehe geführt und ihre Umgebung betört, sondern sie hat maßgeblich und entscheidend die preußische und die europäische Politik beeinflusst! Wo bleibt die Schauspielerin, die mit Charme und Anmut diese Frau verkörpern könnte, die vom unbeschwerten jungen Mädchen sehr schnell zur Herrscherin heranreift, sich schwer krank noch immer sich auf Reisen begibt und sich konsequent und diplomatisch um Staatsgeschäfte kümmert, um ihrem Gatten zu unter-stützen...

Eine anrührend bescheidene Lesung zum 17. Geburtstag dieser kleinen Bühne, die mit wenig Mitteln, vielen Freunden und ihrem zumeist überaus lobenswerten Repertoire all die großen Bühnen in die Schranken weist, die vorzugsweise aus dem Füllhorn der Staatskasse leben können. A.C.