Trauer muss Elektra tragen

von
Eugene O'Neill

 

 

 

Der Stoff, aus dem die Albträume sind

    

Eine moderne Version der Orestie

  Schaubühne

Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Bernd Skodzig, Musik: Lars Eidinger, Dramaturgie; Marius von Mayenburg, Licht: Erich Schneider

mit: 
Daniela Holtz, Susanne Lothar, Katharina Schüttler, Rafael Stachowiak, André Szymanski, Thomas Thieme, Axel Wandke

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  Tödliche Vergeltung ist das einzige Anliegen - Elektra, von Katharina Schüttler als eisenharte, eiskalt-naive Kindfrau ohne Mitleid und Melodie in der Stimme gespielt, ist hervorragend in diesem modernisierten Drama eingesetzt. Sie ist eine gnadenlose Rachegöttin, die erbarmungslos jene Menschen vernichtet, die ihre Gefühle verletzt haben. Sie hält das für Gerechtigkeit und setzt mit ihrer Racheaktion - bereits wie ihr klassisches Vorbild - eine routierende Vernichtungsmaschinerie in Gang. In der Antike wurde menschliches und göttliches Schicksal miteinander verwoben, Aufstieg und Untergang von Herrschergeschlechtern wurden metaphysisch gelenkt. Die Verstrickungen und Verfehlungen der Helden verknüpften sich in einem Generationen umfassenden Handlungsstrom. Ob und wann deren vorherbestimmte Un-Taten bestraft oder gesühnt wurden, das richtete sich einzig und allein nach dem Willen und der Huld der Götter. Bei O'Neill aber lastet die Verantwortung (wie bei Satre und Camus!) als Erbbürde zu allen Zeiten auf den Schultern des Menschen. Er allein richtet über sich und die anderen; wie auch seine Entscheidung ausfällt, er wird Schuld und Sühne stets mit sich nehmen. Hier gibt es keinen Gott und keine Götter mehr, die helfend und verzeihend eingreifen könnten. Der Verlust jeglichen Glaubens kommt damit einer schweren Strafe für die Menschheit.

Das Familienschicksal, wie es dem antiken Geschlecht der Atriden auferlegt ist, wird bei O'Neill in eine bigotte, prüde, hartherzig- moralische Gesellschaft verlagert, in das Amerika des Bürerkriegs. Mutter und Tochter erwarten die Rückkehr des Brigadegenerals Eszra aus dem Krieg - Lavinia, die Tochter, sehnsüchtig, Ehefrau Christine dagegen mit gemischten Gefühlen. Sie plant mit ihrem Geliebten, Kapitän Adam Brant, einem unehelichen und unerwünschten Neffen der Familie, den verhassten Ehemann umzubringen. Lavinia, die nicht nur den Vater abgöttisch liebt, sondern auch glaubte, sich Hoffnung auf die Liebe von Adam Brant machen zu dürfen, entdeckt Liebschaft und Mord, und als wenig später auch ihr Bruder  Orin aus dem Krieg heimkehrt, stiftet sie ihn, vor Hass in eine eisige Statue verwandelt, zum  Mord an Adam Brant an. Aus Verzweiflung nimmt Christine sich nun das Leben, und ihr Sohn, der von den Kriegsgräueln zusätzlich erschütterte sensible Orin, wird den Selbstmord der Mutter nicht verkraften können - und sich gleichfalls erschießen. Lavinia erkennt am Ende die lebenslange Verbannung in die eigenen vier Wände als die ihr auferlegte Strafe. Sie muss die Trauer aller Tode, allen familiären Unglücks allein aushalten.  
Bei Ostermeier und Co trägt die Familie einen deutschen Namen. Degenerierung und Wahnsinn sind bei den Geschwistern latent vorhanden sowie eine inszestiöse Neigung der Tochter zum Vater und der Mutter zum Sohn und werden mit scheinbar fundierter freudianischer Tiefenanalyse ausgespielt. Das geschieht plump und peinlich, und die Aufführung verliert damit alle Brisanz, die in der Unterschwelligkeit dieser verbotenen Gefühlsorkane lauert. Damit hat der Regisseur kurzerhand Ödipus in die Familientragödie der Atriden eingebaut und läßt Aischylos weit hinter sich. Allerdings stellt er auch die Intentionen des Amerikaners O'Neill   in den Schatten eigener zeitgeschichtlicher Absichten und verlegt die Tragödie in eine Zeit, die offensichtlich den zweiten Weltkrieg als Hintergrund benutzt ( und auf den den Verfall großer Familiendynastien und Wirtschaftsimperien anspielt), wobei er allerdings neue Kriegsherde in Kolumbien erfindet und weder exakte Zeitabfolge noch wahrhaftige historische Zuordnung seine Dramaturgen überprüfen läßt. Sonst wären hier nicht so viele eklatante Unstimmigkeiten.    

Auch stehen die Struwelpeterköpfe der beiden Frauen - Klytaimnestra alias   Christine und Elektra alias Lavinia - recht konträr zu der von ihren Männern verzückt gepriesenen Haarpracht. Desgleichen gibt die angebliche Schönheit der Christine im maskenhaft erstarten weißen Antlitz (mit einem viel zu roten Mund und düster umrandeten Augen), bereits vor der Heimkehr des verhassten Gatten die harte Pein familiär festgelegter Tradition und unausweichlichen Gehorsams wieder. (Diese unmenschliche Familienraison entspräche der Staatsraison, der Agamemnon auf der Hinfahrt nach Troja seine Tochter Iphigenie den Göttern opferte...): Ihre verhuschte Gestalt, gekrümmt und ängstlich, hat ohnehin alle klassische Größe und Grausamkeit ihrer Vorläuferinnen abgestreift. Sie ist nunmehr ein überaus gedemütigtes, verzweifeltes kleines Weibchen, das der tödlichen Eifersucht und Wut der Tochter ebenso wenig gewachsen ist wie der brutalen Autorität ihres Mannes und dass sich verzweifelt an Sohn und Liebhaber klammert. Als ihr Mann Eszra, schwerfällig, unsensibel und sexuell ausgehungert über sie herfällt, möchte man dieser armen Frau alle Sympathie schenken...  
Das ist ein gewaltiges, mitreißendes, aufwühlendes Stück, dessen Thema zwar seit Menschengedenken aktuell ist und von daher eigentlich niemanden mehr zu rühren vermöchte, aber in dieser Grausamkeit, in dieser unmenschlichen Atmosphäre von Hass, Neid, Wut, Liebe und Verrat ballt sich die Dynamik von verlorenen, verletzten, vergeudeten Leben zusammen wie ein einziger Urschrei . Die Aufführung dauert etwa drei Stunden und ist trotz mancher Einwände ziemlich spannend, vermag sie doch zwischen kühlen Glaswänden und schwarzen Böden eines gruftigen Bungalows inmitten der unerbittlichen Portraits der Familienpotentaten das Elend der seelisch verwundeten und leidenden Menschen, recht nahe zu bringen. Was eigentlich wollen sie alle, die nur ein bißchen Liebe suchen und, weil sie diese einander nicht gönnen, andere umbringen müssen, ihren Trieben ausgeliefert, wie O'Neill und Freud sagen, (der Staatsmacht wegen, wie es die Griechen  
postulierten).    

Aber trotz geschickter Kürzungen der als Chor agierenden Nachbarn sind in diese Inszenierung Längen eingebaut, auf die man gut und gern verzichten könnte. Ob Schwester und Bruder nach dem Selbstmord der Mutter kindlich-blöd durch die Wohnung golfen und dabei noch die tote Mutter als Stoffpuppe malträtieren müssen, um sich nachher  mit ihr zu verknäueln, ist eine der Fragen, die ungelöst bleiben. Die Musik dazu lässt an Geschmack zu wünschen übrig. Nach der Pause wird die Aufführung dann inhaltlich bestimmt von der von Orin aufgezeichneten Familienchronik, die seine Schwester in Angst und Schrecken versetzt. Die Perfidie, zu der diese Menschen in ihrer Hass-Liebe-Schuld-Verstrickung fähig sind, lässt das Blut in den Adern gefrieren. Aber die von Neill beabsichtigte Steigerung des Grauens in dem Moment als Lavinas/Elektras Eispanzer sich löst und sie sich in die Arme ihres Verlobten Peter, dem Freund des Bruders, wirft, um endlich geliebt zu werden, endet peinlich auf dem kakaoverschmiertem Boden, als das Paar sich auf der schmierigen Fläche vergeblich zu halten versucht: zwei verzweifelte Menschen, die sich aneinanderklammern und im nächsten Moment für immer verlieren. Elektra hat begriffen, dass sie den gutmütigen und liebestreuen Freund verlassen muss und weiß auch das vernichtende Mittel hierzu. Und Peters Schwester Hazel, die sich bis zuletzt um Orin bemüht, ohne ihre traurige Rolle wirklich zu begreifen, wird durch dessen Freitod zu einem weiteren Leidens- und Schicksalsopfer dieser Familie.

Peter und Hazel entfernen sich voller Entsetzen, und zum Schluss steht da nur noch ein arg dünnes Mädchen in BH und Slip und entsagt schniefend dem Leben, wohl wissend, dass es seine Erinnerungen nicht wegschließen kann. Tiefschwarze Gedanken werden nun ihre ständigen Begleiterinnen sein. Wie damals, bei der antiken Elektra. Aber dieser Abend wird weder Aischylos noch O'Neill gerecht. A.C.