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Trauer muss Elektra tragen von
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Der Stoff, aus dem die Albträume sind |
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Eine moderne Version der Orestie Regie: Thomas Ostermeier mit: |
Tödliche Vergeltung ist das einzige Anliegen - Elektra, von Katharina Schüttler als eisenharte, eiskalt-naive Kindfrau ohne Mitleid und Melodie in der Stimme gespielt, ist hervorragend in diesem modernisierten Drama eingesetzt. Sie ist eine gnadenlose Rachegöttin, die erbarmungslos jene Menschen vernichtet, die ihre Gefühle verletzt haben. Sie hält das für Gerechtigkeit und setzt mit ihrer Racheaktion - bereits wie ihr klassisches Vorbild - eine routierende Vernichtungsmaschinerie in Gang. In der Antike wurde menschliches und göttliches Schicksal miteinander verwoben, Aufstieg und Untergang von Herrschergeschlechtern wurden metaphysisch gelenkt. Die Verstrickungen und Verfehlungen der Helden verknüpften sich in einem Generationen umfassenden Handlungsstrom. Ob und wann deren vorherbestimmte Un-Taten bestraft oder gesühnt wurden, das richtete sich einzig und allein nach dem Willen und der Huld der Götter. Bei O'Neill aber lastet die Verantwortung (wie bei Satre und Camus!) als Erbbürde zu allen Zeiten auf den Schultern des Menschen. Er allein richtet über sich und die anderen; wie auch seine Entscheidung ausfällt, er wird Schuld und Sühne stets mit sich nehmen. Hier gibt es keinen Gott und keine Götter mehr, die helfend und verzeihend eingreifen könnten. Der Verlust jeglichen Glaubens kommt damit einer schweren Strafe für die Menschheit. Das
Familienschicksal, wie es dem antiken Geschlecht der Atriden auferlegt ist, wird
bei O'Neill in eine bigotte, prüde, hartherzig- moralische Gesellschaft
verlagert, in das Amerika des Bürerkriegs. Mutter und Tochter
erwarten die Rückkehr des
Brigadegenerals Eszra aus dem Krieg - Lavinia, die Tochter,
sehnsüchtig, Ehefrau Christine dagegen mit gemischten Gefühlen. Sie plant mit ihrem Geliebten,
Kapitän Adam Brant, einem unehelichen und unerwünschten Neffen der Familie, den verhassten Ehemann umzubringen. Lavinia, die
nicht nur den Vater abgöttisch liebt, sondern auch
glaubte, sich Hoffnung auf die Liebe von
Adam Brant machen zu dürfen, entdeckt Liebschaft und
Mord, und als wenig später auch ihr
Bruder Orin aus dem Krieg heimkehrt, stiftet sie ihn,
vor Hass in eine eisige Statue verwandelt, zum Mord an Adam Brant
an. Aus Verzweiflung nimmt Christine sich nun das Leben, und ihr
Sohn, der von den Kriegsgräueln zusätzlich erschütterte sensible Orin, wird den Selbstmord
der Mutter nicht verkraften können - und sich gleichfalls erschießen. Lavinia
erkennt am Ende die lebenslange Verbannung in die eigenen vier Wände als die
ihr auferlegte Strafe. Sie muss die Trauer aller Tode,
allen familiären Unglücks allein aushalten. Auch stehen die Struwelpeterköpfe der
beiden Frauen - Klytaimnestra alias Christine
und Elektra alias Lavinia - recht konträr zu der von
ihren Männern verzückt gepriesenen Haarpracht. Desgleichen gibt die
angebliche Schönheit der Christine im maskenhaft erstarten weißen Antlitz
(mit einem viel zu roten Mund und düster umrandeten Augen), bereits
vor der Heimkehr des verhassten Gatten die harte
Pein familiär festgelegter Tradition und unausweichlichen Gehorsams wieder. (Diese unmenschliche
Familienraison entspräche der Staatsraison, der Agamemnon auf der Hinfahrt nach Troja seine
Tochter Iphigenie den Göttern opferte...): Ihre verhuschte Gestalt, gekrümmt
und ängstlich, hat ohnehin alle klassische Größe und Grausamkeit ihrer Vorläuferinnen
abgestreift. Sie ist nunmehr ein überaus gedemütigtes, verzweifeltes kleines Weibchen, das
der tödlichen Eifersucht und Wut der Tochter
ebenso wenig gewachsen ist wie der brutalen Autorität ihres Mannes
und dass sich verzweifelt an Sohn und
Liebhaber klammert. Als ihr Mann Eszra, schwerfällig, unsensibel und
sexuell ausgehungert über sie herfällt, möchte man dieser armen
Frau alle Sympathie schenken...
Aber trotz geschickter Kürzungen der als Chor agierenden Nachbarn sind in diese Inszenierung Längen eingebaut, auf die man gut und gern verzichten könnte. Ob Schwester und Bruder nach dem Selbstmord der Mutter kindlich-blöd durch die Wohnung golfen und dabei noch die tote Mutter als Stoffpuppe malträtieren müssen, um sich nachher mit ihr zu verknäueln, ist eine der Fragen, die ungelöst bleiben. Die Musik dazu lässt an Geschmack zu wünschen übrig. Nach der Pause wird die Aufführung dann inhaltlich bestimmt von der von Orin aufgezeichneten Familienchronik, die seine Schwester in Angst und Schrecken versetzt. Die Perfidie, zu der diese Menschen in ihrer Hass-Liebe-Schuld-Verstrickung fähig sind, lässt das Blut in den Adern gefrieren. Aber die von Neill beabsichtigte Steigerung des Grauens in dem Moment als Lavinas/Elektras Eispanzer sich löst und sie sich in die Arme ihres Verlobten Peter, dem Freund des Bruders, wirft, um endlich geliebt zu werden, endet peinlich auf dem kakaoverschmiertem Boden, als das Paar sich auf der schmierigen Fläche vergeblich zu halten versucht: zwei verzweifelte Menschen, die sich aneinanderklammern und im nächsten Moment für immer verlieren. Elektra hat begriffen, dass sie den gutmütigen und liebestreuen Freund verlassen muss und weiß auch das vernichtende Mittel hierzu. Und Peters Schwester Hazel, die sich bis zuletzt um Orin bemüht, ohne ihre traurige Rolle wirklich zu begreifen, wird durch dessen Freitod zu einem weiteren Leidens- und Schicksalsopfer dieser Familie. Peter und Hazel entfernen sich voller Entsetzen, und zum Schluss steht da nur noch ein arg dünnes Mädchen in BH und Slip und entsagt schniefend dem Leben, wohl wissend, dass es seine Erinnerungen nicht wegschließen kann. Tiefschwarze Gedanken werden nun ihre ständigen Begleiterinnen sein. Wie damals, bei der antiken Elektra. Aber dieser Abend wird weder Aischylos noch O'Neill gerecht. A.C. |