|
Trilogie der schönen Ferienzeit
von |
Wenn die Komödie zur Tragödie wird
|
|
|
Regie: Toni
Servillo;
|
Italienurlauber werden vergeblich nach Möglichkeiten suchen, eine Theateraufführung zu sehen; im Sommer findet man außerhalb der großen Festivals und Arenen während der Theaterferien nur wenige Ausnahmen. Man sollte also die Gastspiele anschauen, wie sie jetzt an leider nur zwei Abenden vom Teatro di Milano angeboten wurden, das - mit deutschen Übertiteln - mit einer überwältigen Goldoni- Komödie das Publikum in seinen Bann zog! Mit Hingabe und Lust, Freude und tiefer Empathie, Temperament und ernsthaft betriebener Komik, die sich im absolut banalen Wortwechsel und dennoch tief greifender Analyse gesellschaftlicher Verhaltenmuster offenbart. Goldoni ließ den Trivialschwank der "Commedia dell'arte" hinter sich und erweiterte die oberflächliche Darstellungsarten von rohem Schabernack und schlichtem Verwechslungsspiel um eine Molière'schem Witz nahestehende scharfe Konturierung seiner Mitmenschen. Er hielt ihnen gleichsam einen Spiegel vor, in dem sie sich gar nicht gern erblicken mochten und dem Autor so sehr zusetzen, dass dieser sich enttäuscht nach Paris begab, wo er die 37 Jahre bis zu seinem Tode lebte und weitere Komödien verfasste... Das italienische Ensemble spielt hier im Hause vor klassisch stilisierten Kulissen in einer atemberaubenden Sprachbrisanz, mit einer so selten wahrgenommenen körperlichen und darstellerischen Hingabe, dass deutlich wird, wie eine echte Komödie, die zugleich eine wahre Tragödie ist, inszeniert werden kann! Dass deutlich wird, warum die Komik immer eine Kehrseite hat, dass Licht und Dunkelheit das Leben selbst sind und die Schärfeneinstellung des künstlerischen Objektivs die jeweiligen zeitbedingten Moral- und Idealvorstellungen, die Scheinwelten im Spinnenetz, in dem sich die Schicksale verfangen, unverfälscht einfängt. Die unglücklich Liebenden, die in
diesem Spiel - das in seiner ähnlich strukturierten, aber mediterran
sehr viel leichteren Darstellung die Antipode zu Anton Tschechows
schwermütigen russischen Gesellschaftsdramen sein könnte - müssen
während ihrer Ferien auf dem Lande feststellen, dass sie sich jeweils an
den falschen Partner gebunden haben. Umwuselt von allerlei Karikaturen
der Gesellschaft, Honigschleckern, Abstaubern, naiven Gutsbesitzern,
gerissenem Kaufleuten, wahren und falschen Freunden, kurzum dem
Kaleidoskop von zeitlosen Individuen, die sich an den Rockzipfel der
Reichen und Erfolgreichen zu hängen belieben, erleiden die stolze
Giacinta, des Gastgebers Tochter und der charmante Guglielmo, ein junger
Freund von Filippos Familie, mit brechenden Herzen und in leisen Tönen
ihren Liebestod - eine klassische Tragödie ist nichts dagegen... Natürlich gibt es dazwischen jede
Menge heiterer Wortwechsel, Einfälle und netter Flirts, die
beispielsweise den Schmarotzer Ferdinando (erstaunlich wirklichkeitsnah
ist Toni Sevillo) bei der reichen Witwe Sabina (Betti Pedrazzi als
Karikatur der von einen Mann abhängigen Frauen) landen lassen; das
reizende Dienerpaar Brigida und Paolino, das ohne jede Komplikationen,
wie sie die bedauernswerten Herrschaften durchleben müssen, einander in
die Arme fallen darf; ein Trottel, dessen akademischer Grad eine jungen
Schöne ins Bett lockt und zwei ältere Herren, die sich mit cleverem
Geschäftssinn einen genussvollen Lebensabend ermöglichen.
|