Trilogie der schönen Ferienzeit

von
Carlo Goldoni

 

 

Wenn die Komödie zur Tragödie wird

 


Gastspiel des
Piccolo Teatro di Milano  * Teatri Unitit

im

Berliner Ensemble

Regie: Toni Servillo;

mit: Andrea Renzi; Fransesco Paglino, Paolino,  Ricco Giordano, Eva Cambiale, Toni Servillo,  Paolo Graziosi, Tommaso Ragno, Anna Della Rosa, Chiara Baffi, Gigio Morra, Salvatore Cantalupo, Betti Pedrazzi, Mariella Lo Sardo, Giulia Pica, Marco D'Amore

 

 

 

 

 

 
Italienurlauber werden vergeblich nach Möglichkeiten suchen, eine Theateraufführung zu sehen; im Sommer findet man außerhalb der großen Festivals und Arenen während der Theaterferien nur wenige Ausnahmen. Man sollte also die Gastspiele anschauen, wie sie jetzt an leider nur zwei Abenden vom Teatro di Milano angeboten wurden, das - mit deutschen Übertiteln - mit einer überwältigen Goldoni- Komödie das Publikum in seinen Bann zog!  Mit Hingabe und Lust, Freude und tiefer Empathie, Temperament und ernsthaft betriebener Komik, die sich im absolut banalen Wortwechsel und dennoch tief greifender Analyse gesellschaftlicher Verhaltenmuster offenbart. Goldoni ließ den Trivialschwank der "Commedia dell'arte" hinter sich und erweiterte die oberflächliche Darstellungsarten von rohem Schabernack und schlichtem Verwechslungsspiel um eine Molière'schem Witz nahestehende scharfe Konturierung seiner Mitmenschen. Er hielt ihnen gleichsam einen Spiegel vor, in dem sie sich gar nicht gern erblicken mochten und dem Autor so sehr zusetzen, dass dieser sich enttäuscht nach Paris begab, wo er die 37 Jahre bis zu seinem Tode lebte und weitere Komödien verfasste...

Das italienische Ensemble spielt hier im Hause vor klassisch stilisierten Kulissen in einer atemberaubenden Sprachbrisanz, mit einer so selten wahrgenommenen körperlichen und darstellerischen Hingabe, dass deutlich wird, wie eine echte Komödie, die zugleich eine wahre Tragödie ist, inszeniert werden kann!  Dass deutlich wird, warum die Komik immer eine Kehrseite hat, dass Licht und Dunkelheit das Leben selbst sind und die Schärfeneinstellung des künstlerischen Objektivs die jeweiligen zeitbedingten Moral- und Idealvorstellungen, die Scheinwelten im Spinnenetz, in dem sich die Schicksale verfangen, unverfälscht einfängt.

Die unglücklich Liebenden, die in diesem Spiel - das in seiner ähnlich strukturierten, aber mediterran sehr viel leichteren Darstellung die Antipode zu Anton Tschechows schwermütigen russischen Gesellschaftsdramen sein könnte - müssen während ihrer Ferien auf dem Lande feststellen, dass sie sich jeweils an den falschen Partner gebunden haben. Umwuselt von allerlei Karikaturen der Gesellschaft, Honigschleckern, Abstaubern, naiven Gutsbesitzern, gerissenem Kaufleuten, wahren und falschen Freunden, kurzum dem Kaleidoskop von zeitlosen Individuen, die sich an den Rockzipfel der Reichen und Erfolgreichen zu hängen belieben, erleiden die stolze Giacinta, des Gastgebers Tochter und der charmante Guglielmo, ein junger Freund von Filippos Familie, mit brechenden Herzen und in leisen Tönen ihren Liebestod - eine klassische Tragödie ist nichts dagegen...
Denn leider hat Giacinta dem heftig um sie werbenden Leonardo ihre Hand frühzeitig versprochen- um des guten Rufes, der Ehre und der Normen willen, die jede Zeit ihren Mitmenschen gerne auferlegt. Und sie ist zu schwach, zu stolz, zu angepasst, um aufzubegehren, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, den Folgen, wie auch immer sie sein würden, wenn sie die Verlobung mit Leonardo löst, mit Zivilcourage zu trotzen. Anna Della Rosa verkörpert mit dieser Frauenfigur eine aus der Zeit brechende emanzipatorische Möglichkeit der Selbstfindung und Selbstbehauptung der intelligenten Frau, die sich nicht länger vom Mann abhängig macht. Ihre Giacinta denkt zwar schon in diesen Bahnen, meint allerdings auch, sie könne in der Ehe mit Leonardo ihre Unabhängigkeit behalten. Doch zerbricht ihre Fassade der kühlen Überlegenheit, als sie sich wahrhaft verliebt. Anna Della Rosa zeigt eine selten erlebte verhaltene Kraft; Jede Faser ihres entzündeten Körpers, mit der sie gegen das Verlangen ihres Gefühls bis zum Schwächeanfall ankämpft, liegt bloß. Und jeder, der sehen kann, sieht es. Natürlich auch die Partner, die Nicht-Geliebten. Und Guglielmo, der unbefangene, fröhlich-sympathische Ferienfreund? Tommaso Ragno kann tatsächlich den Große-Jungen-Charme gegen eine so leidvolle Miene vertauschen, dass er Steine erweichen könnte. Sein Leben liegt in tausend Scherben, sein Herz ist ein zuckender Muskel, für jedermann sichtbar. Doch sie haben keine Chance. Denn Leonardo kann und will nicht auf Giacinta verzichten, weil ihre Mitgift seinen Ruin verhindert, und Vittoria, seine Schwester ist bereits aus Anstandsgründen Guglielmo anverlobt und klebt an ihm wie eine Klette, nicht annähernd ahnend, wie ihre Ehre mit einem desinteressierten Ehemann aussehen wird.

Natürlich gibt es dazwischen jede Menge heiterer Wortwechsel, Einfälle und netter Flirts, die beispielsweise den Schmarotzer Ferdinando (erstaunlich wirklichkeitsnah ist Toni Sevillo) bei  der reichen Witwe Sabina (Betti Pedrazzi als Karikatur der von einen Mann abhängigen Frauen) landen lassen; das reizende Dienerpaar Brigida und Paolino, das ohne jede Komplikationen, wie sie die bedauernswerten Herrschaften durchleben müssen, einander in die Arme fallen darf; ein Trottel, dessen akademischer Grad eine jungen Schöne ins Bett lockt und zwei ältere Herren, die sich mit cleverem Geschäftssinn einen genussvollen Lebensabend ermöglichen.
Wobei der Dichter in unsere Welt warnend hinüberwinkt: Man mische sich niemals in das Geschick der anderen ein: selbst der best gemeinte Vorsatz kann missglücken, und, wie in diesem Spiel, tragische Folgen haben. Dafür steht hier der kleine, geschäftige und gutmeinende Fulgenzio als Freund Filippos (Gigio Morra), dessen Motive als Heiratsvermittler zunächst recht lauter erscheinen, der aber, so sieht man mit Erstaunen am Ende, wie Tschechows Gutsverwalter letztlich als einziger den großen Gewinn zieht. A.C.