Trommeln in der Nacht

von

Bertold Brecht

 

Make Love No War

 


Berliner Ensemble

Regie:Philip Tiedemann
Bühne: Etienne Plus
Kostüme: Stephan von Wedel
Musik: Jörg Gollasch

mit: Krista Birkner, Claudia Burckhardt, Charlotte Müller, Melanie Schmidli, Ferdinand Dörfler, Alexander Ebeert, Manfred Karge, Michael Kinkel, Peter Luppa, Detlef Lutz, Thomas Niehaus, Uli Pleßmann, Steffen Schroeder, Martin Seifert und den Musikern: Lukas Fröhlich und Matthias Trippner

 

 

 

 
 

Bert Brecht war 24 Jahre alt und schrieb sein zweites Theaterstück, dem von Herbert Jhering der Kleist-Preis verliehen wurde. Otto Falckenberg hat es später in München und Berlin inszeniert und damit dem jungen Brecht die Laufbahn als Theaterautor geebnet. Sah er hier doch ein völlig neues, bahnbrechendes Genre in der Bühnenkunst!  Denn kein anderer hat so wie Brecht das Lehrtheater mit amüsanter Distanz umgesetzt, hat massive Sozialkritik und Anklage (gegen die gesellschaftlichen Mißstände in dem Deutschland der 20er Jahre) in einen so effektvoll zugeschnittenen theatralischen Mantel gekleidet, hat gegen Krieg und Verelendung der Massen mit Wort und Witz gekämpft, den egoistischen Individualismus mit neuen Stilmitteln  entlarvt und hat später gemeinsam mit Kurt Weill seine Stücke mit musikalischer Schärfe gewürzt. Brecht hat immer wieder, in all seinen späteren und ausgereiften wie ausgefeilten Dramen jene Leute an den Bühnenpranger gestellt, die aus der Not der zu kurz Gekommenen Gewinn gezogen und sie durch Hochmut und Arroganz verspottet haben. Aber er hat auch die "kleinen Leute" nicht geschont und ihnen den Spiegel der Selbstzufriedenheit vor das Gesicht gehalten, wenngleich er ihr unsoziales oder gar kriminelles Verhalten mit den gesellschaftlichen Ungleichheiten in einem kapitalistischen System zu entschuldigen versuchte.

Bertolt Brecht war zunächst ein aufbrausender, zorniger Poet, der mit noch wirren, auseinander driftenden Sentenzen und Gedankensplittern, doch bereits mit einem viel versprechenden Ideenreichtum eine neue Form der Fragestellung über das Hier und Heute, über Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Handelns - immer vor dem Hintergrund der marxistischen Heilsehre - aufzuschäumen verstand. Die "Trommeln der Nacht" verstehen sich als erste Anklage gegen das Elend nach dem 1. Weltkrieg und den Hochmut der Bourgeoisie. Es ist in der Duktion scharf und vulgär, ohne Hemmnisse und Hindernisse ganz noch vom Expressionismus gezeichnet, doch wohl eher hastig und besessen niedergeschrieben, in der Sorge, dass ihn niemand hören würde, wenn er die Eindringlichkeit nicht übertrieb...

In der Inszenierung des Berliner Ensembles hat Philip Tiedemann dieses Stück, das für uns nun eigentlich aus der Zeit gefallen ist, auch dankenswerterweise in eben dieser Epoche nach dem ersten Weltkrieg belassen. Es ist die leidvolle Geschichte des Andreas Kragler, der schwer verwundet an Leib und Seele aus dem ersten Weltkrieg heimkehrt. Der Verlauf der Handlung ist stark gekürzt, aber unverfälscht in seiner Authentizität, und die Darstellung bewegt sich auf der Ebene (nicht erst seit Tiedemann) fast Ionesco'scher skurriler Abstraktion in den ersten Szenen. Da hält ein bürgerliches Ehepaar über die Tochter Anna sozusagen moralisch Gericht und versucht mit herbem Zynismus ihr die Liebe zu dem seit vier Jahren   verschollenen oder im Krieg gefallenen Mann auszureden. Ihre Gebärden und Gesten werden von seitlich sitzenden, nicht einsehbaren Musikern am Mischpult mit passendem Klang unterstrichen; die Sätze stoßen abgehackt, befremdlich und somit verfremdet in den Raum. Es vergeht einige Zeit, bis deutlich wird, was hier gespielt wird: Fabrikant Balicke, Kriegsgewinnler, hat einen wohlhabenden Schwiegersohn für die Tochter erkoren, den diese aber längst im Bett begrüßt und akzeptiert hat. Und doch, so wie dieses Mädchen Anna (Charlotte Müller ganz hinreißend) hilflos abwehrend und hoffend in die Nacht und in sich selbst hineinhorcht, dann doch wieder hintergründig-sphinxhaft an ihren Schicksalsfäden zieht, ist außerordentlich beeindruckend. Wie Claudia Burkhardt als Frau Balicke nur mehr als ebenso schrille wie schlichte Karikatur mütterlichen Gluckenhaftigkeit daherkommt, nimmt bereits die später geschriebene Kleinbürgerhochzeit vorweg. Bulicke wird als "breit" von Brecht im Text gekennzeichnet, und eben  genau diese Haltung macht Manfred Karger, allen anderen die Luft und den Atem raubend, sicht- und spürbar: Wo er waltet und schaltet, wächst weder ein Grashalm noch ist Widerspruch geduldet. Auch Steffen Schröder hat als Schwiegersohn Friedrich Merk, ein unsympathischer Streber zu sein, der als großmäuliges Bürschlein wichtigtuerisch den großen Zampano zu spielen.

Die scheinheilig-freundliche Familienfarce endet abrupt, als hinter der   Bühne - deren vorderer Raum abwechselnd als Wohnraum und Gaststätte dient, abgetrennt durch eine helle durchscheinende Gazewand von der Außenwelt - Schatten aus Vergangenheit und Gegenwart bedrohlich vorüberhuschen. (Man   spürt stets den fantastischen Einfluss des Bühnenzauberers Robert Wilsons!) Wenn die Wand rückwärts ausschwingt, gibt sie eine weite tiefe Ebene frei, auf der sich später der Zeitungskrieg in Berlin abspielen wird.

Auf dieser Bühne des realen bürgerlichen Lebens und Trinkens taucht jäh Kragler wie ein Geist aus dem Nichts auf: bleich und blutig, abgerissen und zerschunden, ein menschliches Wrack. Mit Thomas Niehaus als Andreas, den die Hoffnung auf seine Anna vorwärts nach Berlin getrieben hat, verlässt die Regie die Karikatur der Bürgerlichkeit und wechselt in eine brutale Realität. Denn von den entsetzten Eltern grob verleugnet und aufs Widerwärtigste verhöhnt, stolpert er wieder hinaus in die Nacht, die ihn wie Strandgut weitertreibt. Wieder steht er wie der Kriegsheimkehrer Beckmann in Wolfgang Borcherts späterem Drama "draußen vor der Tür". 
Kragler hat in der "Sonne Afrikas" die Sensibilität, die Wirklichkeit in ihrer Grausamkeit wahrzunehmen, verloren. Er findet vage Zuflucht bei den Randexistenzen dieser Gesellschaft, den Säufern und Huren, den Proletariern im Großstadtuntergrund. Sie ziehen ihn mit in die Revolution, wollen mit den Spartakisten gegen die Zeitungshäuser kämpfen, die manipulierte Macht und Seher des Vorhersehbaren vernichten; doch die Artillerie donnert ihnen bereits entgegen...

Andreas stößt auf Anna, die ihn die ganze Nacht gesucht hat und entscheidet sich für ein bürgerliches Leben. Ein Happyend sozusagen, dass sich junge Menschen wünschen und dass nicht nur in diesem Zeitstück Bert Brechts politische und poetische Visionen offenbart: make love not war; oder: die Revolution verrät ihre Kinder oder: wie die Liebe über alles Elend triumphiert, auch, wenn sie mit argen Dellen behaftet ist. Denn Anna erwartet ein Kind von Murk, und Andreas wird sein Leben lang an seinen Erinnerungen und Verletzungen leiden. Dass Brecht zeit seines Lebens in seinem tiefsten Herzen und auch in seinem äußeren, von Liebschaften durchglühten Leben ein Romantiker war, sollte ihm anhand dieses Jugendstückes nicht von hartgläubigen Sozialisten vorgeworfen werden. Für das Einklagen einer strengen sozialistischen Ideologie ist es nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zu spät. A.C.