Das Mädchen aus dem Goldenen Westen

von
Giacomo Puccini (1858-1924)

 

Ein mutiges Mädchen 

und viele wilde Männer

     

Deutsche Oper

La Fanciulla del West

Oper in drei Akten
Libretto von Guelfo Civinni und Carlo Zangarini
Uraufführung am 10.12.1910 an der Metropolitan Opera 
New York

   Premiere   

  am 27. März 2004

Wiederaufnahme anläßlich der Puccini-Festwochen  Januar/Februar 2006

Musikalische Leitung: 
Vjekoslav Sutej
Inszenierung: Vera Nemirova
Spielleitung: Martina Pickert;
Bühne und Kostüme: Klaus Werner Noack;
Chöre: Ulrich Paetzholdt

mit: 
Francesca Patané, Lucio Gallo, Frank Poretta, Clemens Bieber, Pier Dalas, Lenus Carlson, Paul Kaufmann, Guillaume Antoine, Markus Brück, Peter Maus, Jörg Schörner, Brnd Valentin, Roland Schubert, Carlos Krause, Ceri Williams, Harold Wilson, Volker Horn

 

 

 

 

 

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Es sind rauhe und rüde Männer, die da anno 1850 im "Wilden Westen" nach Gold schürfen. Sie wollen den Falschspieler in ihrer Runde ohne viel Federlesens hängen, und sie weinen wie Kinder, wenn sie das Heimweh nach der Mutter überfällt. Denn es ist ein Italiener, der dieses märchenhafte Opus komponiert hat, und auch zwei Italiener schrieben das Libretto - und die vielen italienischen Männer, die da in der Isolation verkümmern, sehnen sich vor allem nach ihrer Mama. Kein Wunder,  dass die einzige Frau in diesem Camp, Minnie, - bei Puccini führt sie den Saloon, in der neuen Inszenierung von Vera Nemirova steht sie mit ihrem Imbisswagen vor der Erzwaschanlage und verkauft vor allem Schnaps - vor allem Mutterersatz ist für die Männer. Und keiner wagt sie anzurühren. Denn ebenso feinfühlig wie energisch hat sie sich eine anerkannte Dominanz in dieser Männerwelt als Wirtin, Samariterin und Lehrerin erobert. Gleichwohl sind einige heftig in sie verliebt, wie der wilde Sheriff Jack Rance und ihr engster Mitarbeiter Nick, der sie noch vor manchem Unheil  bewahren wird. Aber, wie das Leben so spielt, Minnie will keinen der beiden, sondern fühlt sich jäh zu einem seltsamen Fremden hingezogen, der einfach so ins Lager hineinplatzt, unerwünscht und angefeindet - denn Fremde mag man hier nicht. Zumal sich schnell herumspricht, dass es sich hier um den langgesuchten Dieb Dick Johnson handelt, der augenscheinlich auf das angesammelte Gold abgesehen hat. Dass ihm nun die reizende Minnie über den Weg läuft und ihn von seinem schändlichen Vorhaben abhält, weiß vorerst noch niemand. Sonst hätte man wohl nicht so eine Hatz auf ihn veranstaltet. Bis auf den Sheriff, denn der hat sehr persönliche Gründe, den Nebenbuhler nun ein für allemal aus dem Weg zu räumen, und dabei ist er mit seinen Mitteln und Methoden nicht zimperlich.

Aber wenn sich eine Frau in einem Männercamp halten will, dann muss sie mehr als nur weibliche Qualitäten haben. Die Wiederaufnahme bringt eine interessante Umbesetzung der Minnie mit Francesca Patané. Gerade hier kann eine Sopranistin zeigen, wozu sie fähig ist, wenn ihre Stimmbänder Töne hergeben, die auch das härteste Eis zu sprengen vermögen. So mag Oscar Matzerath in Günter Grass' Blechtrommel die Scheiben zersägt haben, so vermochten antike Furien das Blut ihrer Opfer zum Gefrieren zu bringen und eine ganze Heerscharen in die Flucht geschlagen werden. Und  so weiß denn Minnie, wenn es denn sein muss, trotz rosarotem Plüschkleid und Kuscheltierambiente, trotz hingebungsvoller Verliebtheit, die erste Verwirrung zu bannen und den Tatsachen ins Auge zu sehen; Auch ihr Verstand hat unter ihrer Leidenschaft nur wenig gelitten, so dass sie als kluge Schankwirtstochter den Sheriff mit kühlem Kopf beim Kartenspiel schön aufs Kreuz legt. Doch ihr Geliebter  gerät leider doch in die Fänge der rachedurstigen, hasserfüllten Meute, die ihn an den Galgen bringt. Da gellt ein Schrei durch die Berge, der die Bergleute zum Innehalten zwingt. Minnie stellt sich, zum Tode bereit, schützend vor den Geliebten. Indem sie die Bergleute an ihre gemeinsamen Zeiten und all die Fürsorge erinnert, mit denen sie ihnen ihr Leben erleichtert hat, bezwingt sie die Männer schließlich, Johnson freizugeben und das Paar in eine neue Zukunft ziehen zu lassen: Ein happy end wie im richtigen Western.

Wie schwer und kapriziös Puccinis musikalische Gedankengänge und Sprünge sind, wird in dieser sehr schlichten, manchmal etwas albern überzogenen Inszenierung homogen herausgearbeitet. Äußerst wirksam werden die Handlungssprünge und Verdrehungen, die abrupten Stimmungswechsel und Situationen eingefangen, der Wechsel der Gefühle in ein dynamisches Zusammenwirken von Handlung und Musik eingebunden. Dabei mag die lyrische Befindlichkeit der heimwehkranken Männer zunächst verwirren, zeigt aber in ihrem Kontrast zu den grausamen Maßnahmen, zu denen sie ebenso schnell neigen, die andere Seite einer Realität auf, die es bislang nur selten in der Oper gab: nämlich schwache, labile Männer und eine starke Frau! Im Wechsel seelischer Stimmungslagen weisen umgekehrt die kraftvollen Arien der beiden männlichen Hauptfiguren auf den Fortlauf der Handlung. Die unwirtliche Schroffheit der abgeschiedenen Bergwelt und ihre persönliche Feindschaft lässt Rance und Johnson in ihren Liebeserklärungen an Winnie kaum Zeit für nachklingende Zärtlichkeit, da wird gefordert und kaum gezögert. 16 Holzbläser haben ihre kräftigende, durchsetzungsstarke Funktion in diesem Puccini-Werk, das den Anspruch erhebt, das umfangsreichste Orchester in allen Puccini-Opern zu instrumentieren. Der wechselhafte Dialog zwischen Singstimmen und Orchester verleiht der Musik zudem eine eigene kontrastreiche Dramaturgie.

Ob diese Minnie und ihre Männer in allem das ureigentliche Format und Potential haben, das der Komponist ihnen zugedacht hat, mag man in dieser Aufführung bezweifeln; sicher ließe sich noch wesentlich mehr  Dramatik und Intensität herausfiltern, ließe sich im ersten Teil die Darstellung noch verfeinern und die Psychologie der Hauptakteure noch durchscheinender gestalten. Aber in der Puccini-Reihe, der sich die Deutsche Oper verschrieben hat, gibt "Das Mädchen aus dem Goldenen Westen" dem Gesamtbild einen bezaubernden Touch. A.C.