Die Fledermaus 


von
Johann Strauss

 

Eheliches Lotterleben

 

 

Hans-Otto-Theater  

Regie:  Adriana Altaras, 
Bühne und Kostüme:  Yashi Tabassomi, Choreographie: Marita Erxleben; Chöre: Ud Joffe, Dramaturgie: Carola Gerbert, Musikalische Einstudierung: Rita, Herzog, Inge Lindner, Christian Deichstetter, Marc Spiess

Neuer Kammerchor Potsdam, Mitglieder des Ballettstudios Erxleben, Brandenburger Symphoniker unter der Leitung von Igor Budinstein
 

Ensemble: 
Uwe Eric Laufenberg, Dagmar Manzel/Ingeborg Schöpf/Dresden, Helmut G. Fritzsch, Philipp Mauritz, John Heuzenroder, Robert Putzinger, Klaus Uhlemann, Katrina Krumpane, Nadine Chori, Jewgenij Gratsch, Jockel Tschiersch

 

 

 

 

 
Erstmals nach 18 Aufführungen ist der Star des Abends und dieser Inszenierung überhaupt ausgefallen: Für die erkrankte Dagmar Manzel stand die Sopranistin Ingeborg Schöpf aus Dresden als Rosalinde auf die Bühne: eine femme fatale, die ihren ungetreuen Ehemann in köstlichster Weise hinter das Licht führt, obschon sie selbst auch nicht so ganz tugendrein ist - wie überhaupt niemand in diesem Zeitbild, das viel Möglichkeiten zu neuen Interpretationen enthält, aber leider selten in moderner Varaiante ausgeschöpft wird.

Ingeborg Schöpf also, hübsch anzusehen, mit schöner, glanzvoller Operettenstimme, leidenschaftlich und glutvoll - all das, was man sich von einer anerkannten Sängerin verspricht. Dass sie schauspielerisch nicht identisch ist mit Frau Manzel, ist nicht ihrem Unvermögen, sondern ihrer musikalischen Ausbildung und Ausrichtung zu zuschreiben; damit tritt natürlich auch die Crux des abends zutage, das Manko dieser Inszenierung, das unter dem Licht des Hauptstar stets verdeckt wurde: Diese Inszenierung ist nicht Fisch und nicht Fleisch, nicht reine Operette, nicht reines Schauspiel; sie schwingt sich mit den weiten Flügeln der Fledermaus durch ein Halbdunkel, das Tag und Nacht, Musiktheater von Theater trennt.

Somit bleibt die leichtfüßige Geschichte auch in hübschen Geplänkel um betrügerische Ehe- und Lebemänner, süße Ballettmäuschen und willige Partygespielinnen, um ein ambitioniertes Bürgertum, das es gar zu gern dem Adel gleichtun möchte und dabei eben doch jene Grandezza und selbstverständliche Arroganz vermissen läßt, die den echten, an Reichtum gewöhnten Müßiggänger und Gesellschaftslöwen ausmachen.

Dass der degenerierte Fürst Orlowski, der sich mit dem Advokaten Dr. Falke  verschworen hat, dessen peinliche Demütigung als trunkene "Fledermaus" wieder wettzumachen, sich trotz und alledem tödlich langweilt, ist durchaus verständlich; denn seine Ballgäste sind alles andere als amüsant, sie kleben und liegen übereinander, trippeln hierhin und dorthin, singen ein bisschen und sind vorwiegend hungrig und nur am Rande gespannt auf das Versteckspiel, dass sich Rosalinde mit ihrem Gatten, dem Herrn von Eisenstein, erlaubt. Nun könnte sich ja auch einmal ein Choreograph  ins filmische Abseits begeben und dort ein bisschen Phantasie stibitzen - wie wäre es beispielsweise mit "Dirty dancing", dem erotischsten Tanzspiel, das es je zu sehen gab? Hungry eyes also eher weniger auf dieser Bühne, desto mehr wohl hungrige Mägen. Doch bis der bleiche Graf zu Tisch bittet, muss man noch den Auftritt der ungarischen Gräfin ertragen, die wohl sehr verführerisch anzusehen und anzuhören ist, aber Temperament, Leidenschaft, Wut gegen den ungetreuen Ehemann, der ihr jetzt offene Avancen macht, sind nicht so recht zu spüren.

Dass die darstellenden Schauspieler das Beste aus ihren Rollen herausholen, ist anzuerkennen; aber der famose Laufenberg ist eben kein degenerierter Weichling und Fremdgänger, sondern ein eher biederer Ehemann, der trotz aller Kaspereien und Eskapaden nichts an männlicher Würde einbüßt; eher schon der Gefängnisdirektor Frank,  dem Helmut G. Fritsch die schmale Figur und die Senilität des alten Schwerenöters gibt, der noch einmal gerne nach jungen Mädchen hascht und ja in der Kammermieze Adele (Katrina Kumpane mit vollem Sopran) ein kesses Girlie gefunden zu haben glaubt. Die "Fledermaus"  kann sich hier nicht so ganz entfalten, die Rolle des beiseite stehenden Intriganten bleibt irgendwo im Raum, und würde sein Part nicht irgendwann einmal erklärt, man hätte den Racheakt gar nicht als solchen wahrgenommen, denn so einfallsreich und komisch ist dies Spiel um Liebe und Betrug dann doch nicht. 
Wer sticht noch heraus aus diesem um Quirligkeit bemühtem Ensemble? Neben dem wandlungsfähigen Philipp Mauritz, der sich als Orlowski um grelle Kastratentöne bemüht, vor allem wohl der "Frosch", der Gefängnisdiener, der es seinem Vorgesetzten an Promille gleichtut und dessen glänzender Part vor allem in einer aktualisierten und politisierten Kabarettnummer besteht. Dies und das modern chice Schlafzimmer der Eisenstein-Eheleute sind aber dann auch das einzig Heutige an dieser Fledermaus, die ja vor allem mit ihren evergreens  Hof hält. A.C.