Die Fledermaus

von
Johann Strauß

 


Und wenn sie nicht gestorben sind,

so lachen sie noch heute

 


Text von Karl Haffner und Richard Genée

Komische Oper

 

Musikalische Leitung: Markus Poschner
Inszenierung: Andreas Homoki
Bühnenbild und Kostüme: Wolfgang Gussmann
Dramaturgie: Werner Hintze
Chöre: Robert Heimann
Licht: Franck Evin

mit: Klaus Kuttler: Gabriel v. Eisenstein, Rentier; Gun-Brit Barkmin: Rosalinde, seine Frau; Martin Winkler: Gefängnisdirektor; Karolina Gumos: Prinz Orlofsky; Christoph Späth: Alfred; Günter Papendell: Notar, Thomas Ebenstein: Advokat; Natalie Karl, Zimmermädchen; Saskia Krispin, ihre Schwester; Peter Renz: Gefängniswärter Frosch

 

 
 
Natürlich muss hier gelacht werden, auf der Bühne und im Publikum; denn es ist die Spaßgesellschaft, die hier fröhliche Urständ feiert; aus dem alten Spießertum inmitten seines Gelsenkirchener Barock wird ein feiner Opernschmaus, musikalisch herzhaft gewürzt durch das exakte und temperamentvolle Dirigat des leider nur vorübergehend eingesetzten jungen Markus Poschner. Herzhaft und unbeschwert untermalt sein Orchester das Gerangel einer Möchte-Gern-Gesellschaft im untergehenden Glanz einer äußerlich prüden Epoche, nunmehr zu Plüsch und Plunder entlarvten bürgerlichen Clique, die es zu gerne dem Adel gleichtun möchte und die doch nur ein schlaffes Abziehbild einst glanzvoller höfischer Exzesse darstellt. Denn was dem Edelmann in vielen Generationen anerzogen, kann der Bürger nur in schlechter Imitation erreichen! Die Operette ist das klassische Genre eben jener Ausgelassenheit, die sich fern aller Manieren und Sitten als Karikatur ihrer selbst präsentiert: Die Herren Galane und Kavaliere treffen sich im Edelbordell, wo das Amüsement als Opernball getarnt ist. Ehrbare Familiennamen verwandeln sich für das Inkognito in französische Titel, die man kaum auszusprechen vermag; der Champagner, den man nicht vertragen kann, wird schon gleich aus der Flasche geschlürft und die Edelkurtisanen entpuppen sich als Zimmermädchen, während die feinen Damen dem betörenden Tenor erliegen...

Das alles zeigt Johann Strauss jr. in seiner "Fledermaus", die, witzig und beschwingt, das Schwere leicht nimmt und die Moral mit dem Fächer fortwedelt nach dem Motto: Chacun á son goût. Es sind ja so viele schöne Schlager in dieser unsterblichen Operette enthalten, die seit Jahrzehnten wie Gassenhauer gesummt, in jedem Sonntagswunschkonzert für Oma und Opa wieder gewünscht und auf alten Rillen oder neu gepresst auf CD  Walzerseligkeit und walzige Seeligkeit versprechen...

Und, einmal abgesehen von der überflüssigen Schwejkiade des schwankenden Gefängnisdieners Frosch von Peter Renz, abgesehen von den dunklen und duffen Rüschgewändern der viktorianischen Steife, abgesehen von einer bedrohlich wankenden russischen Grafenimitation der knabenhaften Karolina Gumos - und abgesehen von der schrecklichen Dekoration, die aber im obigen Sinne recht zweckdienlich ist, weil sich in deren wuchtigen Schränken und kitschigen Kommoden so allerlei und jedermann gut verstecken läßt - also von dem allen abgesehen, ist die Darbietung der Fledermaus in erster Linie ein großer Ohrenschmaus! Und, was die mit Verve schauspielernden Sänger betrifft, auch eine köstliche Augenweide. Da  kaspert und kugelt Klaus Kuttler als der Herr von Eisenstein wie ein runder kulliger Käfer akrobatisch über Sofa, Tisch und Stühle, fällt über sich und jedermann und stolpert natürlich im übertragenen Sinne über seine Kurzsicht, Eitelkeit und Ignoranz; und da hat die bezaubernde Gun-Brit Barmin einen ganz großen Auftritt als seine kluge Frau Rosaline, deren raumfüllender und herzzertrümmernder Sopran dem jener russischen Diva gleichkäme, würde die öffentliche Sympathie nicht an allem hängen, was möglichst fern und fremd ist. Wie sie sich zaudernd und zögernd gebiert, turtelt, gurrt und flirtet, wie sie den schamlosen Gatten inkognito in die Schranken schmettert und mit aller listigen Weiblichkeit zärtlich ins Mauseloch lockt, wie sie allerdings als machtloses Weibchen dem frechen Alfredo dann doch Tisch und wahrscheinlich auch Bett einräumt, das ist herrlich anzuhören und anzuschauen. Wenngleich dessen tenorale Attacken auch etwas kurz und von fern nur erklingen, und sein Machogehabe nicht unbedingt verführerisch ist, so findet man diese Karikatur des früheren Liebhabers von Christoph Späth doch recht amüsant und gelungen dekadent.
Und der sonore, wunderbar wienernde Herr Direktor, bärenstark bassig und baritonal, je nach Wind - und Wetterlaune, ist mit Martin Winkler außerordentlich eindrucksvoll besetzt. Für die Herren Advokaten bleiben die heiteren Randpartien, die Günter Papendell und Thomas Ebenstein stotternd und gebieterisch mit akademischer Selbstherrlichkeit bewältigen. Und die hübsche kleine süße Soubrette Adele alias Natalie Karl ist hier ein zuckersüß überflutender Sopran, der sich nicht oder nur von ganz feinen Herren an die Wäsche kommen läßt.

Das alles schwingt und klingt und dröhnt aber nur in der Musik. Auf der Bühne hat man diesmal wohlweislich aufs Grobe und allzu plakative politische Parallelen und offenen Sex verzichtet, was manchen Besucher, der anderes gewohnt ist und erwartet hat, wohl auch enttäuschen mag. Aber die Spaß und Spielgesellschaft, die sich heute zwar nicht mehr duckmäuserisch und heuchlerisch jene Freiheiten nehmen muss, die ihren Großeltern noch die öffentliche Moral verwehrte, feiert ihre Auferstehung. Nur, dass die moderne Gesellschaft nun ihre Freiheiten grenzen- und schrankenlos auskosten muss - verdammt zum ewigen Gelächter. A.C.