Die Hochzeit des Figaro

von Wolfgang Amadeus Mozart

 

  

 Wenn Herzen und Hormone verrückt spielen...

 

   

Komische Oper

Opera buffa in vier Akten

Libretto von Lorenzo Da Ponte

Deutsche Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühnenbild: Klaus Grünberg
Kostüme: Marianne Häntzsche, Birgit Wünschmann
Dramaturgie: Werner Hintze
Chöre: Peter Wodner
Licht: Franck Evon

Mit: Tom Erik Lie, Maria Bentsson, Brigitte, Geller, Carsten Sabrowski, Stella Doufexis, Caren von Oijen, Bent-Ola Morgny, Peter Renz, Jens Larsen, Hans-Martin Naus, Miriam Meyer, Saskia Krispin, Mechthild Sauer, Chorolisten der Komischen Oper Berlin und Kleindarsteller. Orchester der Komischen Oper Berlin Am Hammerflügel: Lutz Kohl

 

 

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Der Graf spielt Golf, die Gräfin trägt einen Nobelpelz über orangefarbener Jogginghose, und Susanna flüchtet im schwarzen engen Minikleidchen von einem grapschenden Verfolger zum anderen. Figaro nimmt Maß an Susannas körperlichen Rundungen anstelle des zu vermessenden Raumes, des Grafen Handlanger Basilio spielt sich im grell grünen Sportdress mit bandagierten Gliedmaßen und orthopädischer Halskrause ungebührlich in den Vordergrund, und das Volk der Bediensteten schwingt Kochtöpfe am Vorabend der Hochzeit (und der Revolution) und küsst dem Grafen die Hand.
Alle Spieler drängeln sich zunächst eng zusammengepfercht auf dem schmalen Terrain eines beengten Guckkastens, der mit zwei Luken - eine seitlich, ein nach unten - die Abgänge in die übrigen Schlossgemächer andeutet. Das ist noch der Anklang an die ursprüngliche Intention von Beaumarchais, DaPonte und Mozart: Die Enge der gesellschaftlichen Verhältnisse, die radikale und fatale Abhängigkeit der Leibeigenen vom Adel und das Aufbegehren gegen das schändliche jus primae noctae darzustellen.
Dieses Recht hat der Fürst Almaviva nun allerdings gerade erst abgeschafft, wofür er von seinen Leuten frenetisch gefeiert wird. Das behagt ihm allerdings gar nicht. Denn schon seit einiger Zeit verwirren ihn die Reize der Kammerzofe Susanne, und nun möchte er doch gar zu gern seine Großzügigkeit wieder rückgängig machen... Allerdings sind seine Untertanen aus ihrem Jahrhundertschlaf endgültig aufgewacht und stellen sich quer, und auch die Gräfin Rosina hat da so einige Einwände.
Das alte Thema verwandelt Barrie Kosky mit Hilfe einer neuen, lässigen Übersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze zum sexistisch aufgeheizten Treulosigkeits-Verwirrspiel heutigenrTage. Aus dem alten Almaviva wird ein fescher jugendlicher Macho im Morgenmantel, der Susanna recht aufdringlich an die Wäsche geht, singend, tätschelnd, dabei ungeniert die Zähne putzend. Und wer's noch immer nicht begriffen hat, was der Graf von Susanna will, der soll den zusätzlichen Hinweis erhalten, das sogar eine Zahnbürste nicht nur die Errungenschaft einer fortschrittlicher Körperpflege darstellt, sondern auch als Phallussymbol gelten kann. (Für Tom Erik Lie insgesamt eine etwas unausgewogene gesangliche Aufgabe, die er zwischen Komik und erotischem Heißhunger mit gymnastischen Verrenkungen zu absolvieren hat).
Da sich nun bekanntlich alles um die Liebe, besser um die heutzutage erkannten Hormonaufwallungen aller Beteiligten dreht, ist man ohnehin nicht zimperlich. Da wälzt sich Figaro mit seiner Liebsten verschlungen am Boden, auch Musikmeister Basilio giert gleichermaßen nach deren Reizen. Derweil sogar schon der kleine Page Cherubino (Stella Doufexis) gleich beide Damen betörend anschmachtet: "Sagt, holde Frauen..." So zart und zärtlich hörte man das schönste aller Liebeslieder von Mozart selten! Susanna und die Gräfin können im Übrigen auch nicht so recht die Finger von dem aparten Knaben lassen...
Es folgt die erste, allerdings leider zum Scheitern verurteilte Intrige, in der der als Mädchen verkleidete Page Cherubino anstelle von Susanna zum heimlichen Rendezvous mit dem Grafen geschickt werden soll. Mitten in das fröhlich-verführerische Verkleidungsspiel der Frauen platzt nämlich plötzlich Almaviva. Ab in den Schrank mit Cherubino, der Schlüssel bleibt im Pelzmantel der Gnädigen. Leider neigt der eifersüchtige Gatte zu gewalttätigen Zornesausbrüchen, die ihm augenscheinlich manchmal selbst den Atem rauben: Denn felsenfest ist seine Überzeugung, dass der Page im Schrank steckt, doch nachdem der rasende Almaviva mehrere elektrische Pressluftbohrer herbeigeschafft und den Wandschrank damit aufgebrochen hat - (unsinnigerweise, denn der besteht ja doch sichtlich nur aus leichter Pappe!) hüpft nun  wirklich Susanna da heraus, wie die Gräfin behauptet hatte. Der Graf ist verwirrt, aber da kommt ihm der Gärtner Antonio zu Hilfe, ein lustiger Vorgarten-Zwerg-Typ mit einer Schubkarre, in der ein zerbrochener, pinkfarbener Flamingo eine frevlerische Tat bezeugt: Jemand ist aus dem Fenster der Gnädigen gesprungen, hat das Tier zerstört und dummerweise noch seinen Einberufungsbefehl als Leutnant zur See hinterlassen. Das kann natürlich nur der dumme Cherubino sein; aber Figaro, nun ebenfalls durch das allgemeine Gezeter herbeigelockt, nimmt alle Schuld auf sich. Was der Graf nicht so recht glauben will, denn schließlich hat er selbst ja den Einberufungsbefehl für den lästigen Pagen ausgestellt! So geht es bekanntlich munter weiter.
Susanna, die in vielen anderen Inszenierungen eher die Rolle einer koketten, raffinierten Kammerkatze spielt, die den Grafen auf Abstand halten, die Gräfin als Verbündete gewinnen und Figaro von ihrer Unschuld überzeugen muss, irrt und schwirrt hier vielmehr wie eine Jungmanagerin umher ((Brigitte Geller, sehr flexibel), wobei sie gleichzeitig versucht, sich all der Grabbeleien und Fummeleien zu erwehren und gleichzeitig der Diener zweier Herrschaften - Graf und Gräfin - zu sein. Zudem muss sie dem Grafen noch Geld abluchsen, um ihrem Figaro aus der Patsche zu helfen, der sich in einem Rechtshändel mit Marcellina ( furios Caren von Oijen) und Bartolo (hilflos tolpatschig Bengt-Ola Morgny) auseinander setzen muss; denn deren Geld- beziehungsweise Heiratsansprüche drohen seine Hochzeit mit Susanna zunichte zu machen...
Der prächtige Park schließlich, in dem sich die verqueren Stelldichein-Veranstaltungen mit der letzten Intrige von Gräfin und Susanna endlich auflösen sollen, erschöpft sich hier in der Dekoration von grünen Lämpchen, die mal als Leuchtkäfer, Büsche, Beete, Bäume und Taschenlampen dienen. Ein viereckiger Turm dreht sich in der Mitte, öffnet Türen für die pausenlos hinein- und herausschlüpfenden Leute, und zeigt ein gläsernes Eckfenster mit einer schwimmenden Qualle. Verständlicher dagegen ist ein Berg mit herrlichen, bis ins Parkett hinein duftenden Äpfeln, der sowohl paradiesische Unschuld als auch die sich gleich anschließende Verführung andeuten soll. Der Garten der Wünsche und Lüste verwandelt sich alsbald in ein musikalisch-wundervolles Happyend-Areal, in der die allzu wilde Liebesglut des Grafen erheblich gedämpft und den Frauen ob ihrer Überlegenheit ein nie endendes Lob gezollt wird.

Der Tag, an dem Figaro seine Susanna heiraten möchte, ist von einigen Turbulenzen durchzogen, und da sich der Wirbelsturm um Treue und Untreue erst nach vielen Verwirrungen, Irrungen, Verdächtigungen und harter Aufklärungsarbeit legt, scheint es dem Regisseur auch angebracht, die gesamte Inszenierung selbst als ein einziges wildes Durcheinander zu konzipieren. Da sind allerhand Einfälle gesammelt, gebündelt und durchgesetzt worden, die zeitgerechte Übertragung von Vorgestern auf Heute ist jedenfalls nicht konsequent durchgeführt. So ist ein amüsantes Sitten-Sammelsurium der Zeiten daraus geworden. Das gilt vor allem für die Doppelhochzeit, die diesmal unter zwei Baldachinen vollzogen wird. Sie ist jedoch enttäuschend langweilig, obwohl doch Barrie Kosky einige klezmerische Klänge in der Partitur dazu verleitet haben, eine echt jüdische Hochzeit zu inszenieren mit all ihren Zeremonien. Aber der Schwung, den man sich auch angesichts der vielen vorab erfolgten Versprechungen gemacht hat, fehlt gerade auch hier.  

Glücklicherweise aber schwirren Mozarts Noten über alledem, und der Zauber dieser commedia per musica wird niemals enden, bringt er doch stets von Neuem die geniale und subtile Charakterdramatik und Dynamik aller Personen zum Klingen und Leuchten. Wie große, bunte Seifenblasen schillern die Solo- und Chornummern, die Duette, Terzette bis hin zum finalen Oktett und ergreifen mehr Besitz von unseren Sinnen als das ganze Spektakel auf der Bühne. Die Ovationen des Publikums aber gelten vor allem Maria Bengtsson, die als Gräfin strahlend schön, stimmlich warm und glänzend sehr schnell die Hauptpartie an diesem Abend übernimmt. Auch Carsten Sabrowskis Figaro ist ein Mann, der sich nicht nur temperamentvoll gegen Tyrannenwillkür (und szenische Langeweile) durchzusetzen vermag, sondern auch dynamisch und wohlklingend in der Hitze des Gefechts den Ton angibt. Dass Figaro von der listigen Susanna beinahe doch noch beim Versuch der Untreue überführt wird, kontert er äußerst geschickt. Hier ist eine gute Voraussetzung für ihre Ehe gegeben: Gleichwertigkeit. Brigitte Gellers kräftiger Sopran spiegelt dann auch passend Kontinuität und Substanz wider, während sie die lyrischen Spielereien dem rasterlockigen Traumtänzer Cherubino (Stella Doufexis) und seiner kecken Barbarina (Miriam Meyer) überlässt. Ein mozart'sches Durcheinander von der feinsten Rokoko-Art. Dass Kirill Petrenko es schafft, über all den szenischen Turbulenzen unbeirrbar diese Flut von Gefühlen, Leidenschaft, Eifersucht, Liebe, Verwirrung auszuschütten, verhilft dann doch zu einem vergnüglichen Abend. A.C