Die Piraten von Penzance

nach
W.S.Gilbert (Text)
und Arthur Sullivan (Musik)

 

 

Ein Jüngling im Bade

 


Satirische Oper in zwei Akten
Neuköllner Oper
 
Eine BeBerlinette
bearbeitet von Andreas Bisowski (Text) und Andreas Unsicker (Arrangements)

Musikalische Leitung:
Hans-Peter Kirchberg; Inszenierung: Andreas Gergen; Bühne/Kostüme: Andrea Nolte; Choreographie: Nini Stadlmann; Dramaturgie: Bernhard Glocksin

Mit: Aris Sas, April Haller, Christoph Reiche, Gerard Michel, Stephan Wolf-Schönburg, Anne Görner, Dorothea Breil, Nini Stadlmann, Ulrich Lenk

 Urfassung: Cornwalls wilde Küste. Die Amme Ruth ist an allem schuld. Eigentlich sollte sie ihren achtjährigen Schützling Frederic nach dem Willen seines Vaters in eine private Lehre geben, doch leicht schwerhörig und wirr im Kopf gab sie ihn in die Piraten-Lehre. Mit 21 Jahren hat Frederic seine Ausbildung beendet, doch ergreifen will er diesen Beruf nicht. Im Gegenteil: Hieß ihn seine Pflicht 13 Jahre lang seinen Lehrvertrag zu erfüllen, so ist er nun ebenso pflichtbewusst entschlossen, seine ehemaligen Ausbilder auszurotten, ungeachtet der Tatsache, dass er sie eigentlich sehr mag; zumal auch die Piraten einen ausgeprägten Ehrenkodex haben – würden sie sich doch nie an Schwächeren oder Waisen vergreifen. Nur hat sich das bei ihren potentiellen Opfern herumgesprochen, so dass alle überfallenen Schiffe seltsamerweise ausschließlich mit Waisen bemannt sind ...
Am Strand, wo das Piratenschiff vor Anker liegt, taucht die Töchterschar des Generalmajors Stanley auf. Frederic versucht sie aus der Gefahrenzone zu bringen, doch die Piraten stürzen sich auf die Mädchen und wollen sie – heiraten. Im letzten Moment erscheint der Generalmajor und gibt sich, da er von der Schwäche der Piraten gehört hat, als Waise aus. Ganz zuletzt nimmt die Geschichte – dank Queen Victoria – eine unerwartete Wendung ...
 

 
Der Ergänzungstitel lautet: "Eine BeBerlinette" und soll an den neuen Image-Slogan für Berlin anknüpfen: "Be Berlin". Ob das nun gut und richtig ist und diese Version über die "Weltstadt" hinaus bekannt macht, dürfte fraglich sein. Obschon: "Autonome", wie sich die Lederfreaks und tatooverzierten Außenseiter im Underground nennen, gibt es ja nicht nur in Berlin; gleichwohl hier: eine vom Senat ausgewiesene Touristenattraktion. So befinden sich die Alt-Rocker, die einst ICE's lahm legten, Sitzstreikes gegen Atommüll-Transporte inszenierten und allerhand "Freiheiten", für sich in Anspruch nahmen, um die Wohlstandsgesellschaft zu bekämpfen - auf einem leeren Gelände irgendwo in Karlshorst, biergestärkt, mit zeitweiligen kriminellen Aktionen und gelegentlichem Wannenbad beschäftigt.  Da wird der Jüngste in der Runde plötzlich volljährig, 18 Jahre alt, und lehnt das großartige Präsent der Gruppe, eine Wurfkralle als Zeichen ihrer permanent schwelendem Kampfbereitschaft, zum Entsetzen der Zieheltern und der übrigen Familien-Mitglieder ab: Er will studieren, bürgerlich werden, möglichst im feinen Zehlendorf ein Häuschen mit Garten und Familie anstreben und sich von seiner Marx-Engels-Lenin-Jugend verabschieden.

Soweit, so gut. Und eigentlich freut man sich darauf, wie es nun weitergeht; zumal ja die hinreißenden Arien und musikalischen Arrangements von Sullivan auch nach hundertzehn Jahren nichts an ihrem musikalischen Reiz verloren haben! Aber leider ist nicht nur die Piratenfarce der Engländer verändert (was man noch verschmerzen könnte), aber was mehr enttäuscht, das ist die schwache gesangliche und musikalische Auf- und Neubearbeitung; Wollten Gilbert&Sullivan durch eine humorvolle Mixtur aus Oper und Operette mit anspruchsvollen Koloraturarien, szenischem und musikalischem Aberwitz die leichte Muse mit der ernsten vereinen, so konzentriert sich die Neuköllner Fassung, leicht albern, auf politisch-gesellschaftliche Polaritäten: arm gegen reich, ehrlich kriminell gegen heimlich kriminell, gewaltbereite Außenseiter gegen bürgerliche Baulöwen und Immobiliengangster. Der erklärte Klassenfeind wohnt in Zehlendorf, und die drei kleinen verwöhnten jungen Damen von dort finden auf der Suche nach etwas Koks für die Party im Lager der Großstadt-Piraten zwar keine Rauschmittel, dafür einen attraktiven jungen Mann in einer Badewanne vor. Für Frederic - Aris Sas als naiver Anti-Held - der einst von seiner Zieh-Mutter Ruth aus der Babyklappe gestohlen wurde, beginnt ein neues Leben; Er verliebt sich in Mabel, wird von deren Papa sogleich in dessen Bebauungspläne einbezogen und befindet sich nun auf der Gewinnerseite des Lebens. Er ähnelt - wohl nicht ohne Absicht -  durchaus dem smarten Karibik-Helden, Will Turner, gutaussehend und ein bisschen softy, der vergeblich gegen die Autorität der Engländer (hier ist es die  energische Yvonne Ritz Andersen als furiose Gang-Leaderin Ruth) ankämpft. Doch in der Neuköllner Karibik fehlen leider Komik, Pepp und Pistole!
Frederic's Braut Mabel ist zwar reizend, aber noch nicht überzeugend in den schwierigen Gesangspartien, und auch das weibliche Terzett, dass sich eigentlich als köstliche Persiflage auf die "Drei Damen" in Mozarts Zauberflöte versteht und schmachtend um den nackten Jüngling wirbt, klingt noch etwas teeniehaft. In dies musikalische Korsett müssten die jungen Darsteller noch etwas hineinwachsen, das von den hervorragenden Neuköllner Musikern wie gewohnt unter der Regie von Kirchberg einfühlsam und zeitadäquat angeboten wird. A.C.