Friendly Fire

 
von Klaus Arp

 (Musik) und

Andreas Bisowski (Libretto)

nicht mehr im Programm

 Wenn die Seele zerstört ist... 

  

Neuköllner Oper

Musikalische Leitung:

Hans-Peter Kirchberg/Thomas Hennig

Inszenierung: RobertLehmeier

Bühnenbild: T om Musch

Kostüme: Markus Meyer

mit:
Christian J. Jenny, Jeannine Hirzel, Dieter Goffing, Helena Köhne, Donna Lee, Katja Ladentin, Anja Taube, Eike-Harriet Riga

 

 

Kurzbeschreibung

Wenn die Töne unerträglich lang wie Raketensalven auf uns niederprasseln und der Kick des zum Töten mutierten menschlichen Wesens, das manche noch Soldat nennen, wenn all dieses seine unfassbare Aktualität durch die Antiharmonik erhält, liegt die Vermutung nahe: Nur durch noch mehr Aufpeitschen aller Sinne ist noch an unsere Seele heranzukommen, die tagtäglich im Fernsehsessel mit Tod und Folter in unserer Gegenwart konfrontiert wird. (Und als ob das noch nicht reicht, wird unaufhörlich und oft auch sehr publikumswirksam Vergangenes wieder hervorgezerrt).

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Der Mut der Neuköllner Oper ist immer wieder erstaunlich. Mit welch brisanten Themen und riskanten Inszenierungen man hier experimentiert, das verlangt zumindest Aufmerksamkeit und Anerkennung. Begeisterung kann, vor allem, wenn es sich um so schwierige Sujes handelt wie die Story von CDU/CSU-Politgrößen oder die Krankheit einer Kanzlergattin. Mit "friendly fire" wird uns der Krieg, der moderne Terror und Antiterror, der uns ja seit Jahr und Tag permanent quält, präsentiert und uns unsere eigene Hilflosigkeit vor Augen geführt. Es ist alles nicht so neu: Was den Realismus der Darstellung anbetrifft - eine adäquate künstlerische Form für Kriege jedweder Art, für Machtkämpfe und Überlebensstrategien zu finden, allerdings muss - mangels Distanz und Objektivität - auf Grenzen stoßen.

Die Neuköllner Oper erhält immer wieder Fördermittel, mit deren Hilfe sie sich an neue Einstudierungen und Kompositionen wagen kann, ohne auf Publikumserfolge zielen zu müssen; das setzt viele Kräfte frei und lässt auch auf manch neues junges Talent hoffen, das sich durch die stets wechselnde Besetzung des Ensembles eine Chance erhält, auf sich aufmerksam zu machen. Manchmal sind alles, was eine derartige Produktion bieten kann, nur Überraschungseffekte und ein fast akademischer Anspruch an die Hörer, sich - haben sie es bislang noch nicht getan - nun ernsthaft mit neuer Musik zu befassen und deren Übereinstimmung mit dem Inhalt zu prüfen.

Klaus Arp, der Komponist, nutzt auf der Grundlage von minimalistischer und Zwölftontechnik die Einflüsse der Musik Nordamerikas, sowohl in der Orchestrierung (Jazz) als auch im rhythmischen wie melodischen Material (Anklänge an Folk- und Popmusik). Robert Lehmeier, der auch das sehr anspruchsvolle moderne Musiktheater "Angela - eine Nationaloper" inszenierte, stellt das von Markus Meyer teilweise pinkfarben gekleidete, ansonsten unauffällig ausgestattete Ensemble in eine von Tom Musch gebaute kleinstädtische amerikanische Wohnwelt, angedeutet mit Küchenzeile und Gartenidylle.     

Hierher, in sein Elternhaus, wo auch die Freundin und die Schwester ihn sehnsüchtig erwarten, kehrt der junge Soldat Tommy (Chrstian J. Jenny) aus dem Wüstenkrieg zurück. Was er mitbringt, sind Sprachlosigkeit, Schüttelfrost, Traumata und last not least - den Verlust seiner Persönlichkeit. Das reicht für ein Kriegsdrama, wie wir es von Wolfgang Borchert, Arthur Miller und Ernest Hemmingway ua. in kunstvollsten, erschütternden Varianten kennen. Auch die Bildende Kunst hat da Einiges an Schreckensbildern zu bieten. Damit können Arp und Bisowski nicht konkurrieren. Zwar genehmigt man dem Orchester nur selten warmherzige Akkorde, meistens sticht es schrill und brutal in unser auf Vergebung hoffendes Gemüt; aber dass ein Barbeque mit verbranntem Fleisch plötzlich dem unglückseligen Tommy an ein verbranntes Baby im Krieg erinnert, das wird so schrecklich von der Musik hochgepeitscht, das es schon an die Grenze gerät.

Da sich die Sänger gegen diese Musik nur schwerlich durchzusetzen vermögen, versuchen sie es auch erst gar nicht, sondern lassen sich führen. Der traurige, aber auch kräftige Tenor von Tommy wie auch der sonore Bariton seines ebenfalls kriegsgeschädigten Vaters (Dieter Goffing) können sich dabei besser durchsetzen als der sanfte wohltönende Sopran von Jeannine Hirzel als leidender Mutter und der warme Mezzo von Helena Köhne ( als übersensible Schwester). Die volle Tragik ihrer (durch Tommys Verletzung) für immer geschädigten Seele aber kann Donna Lee als seine Braut mit tragender Stimme und tiefstem Schmerz zum Ausdruck bringen. Die Beiden wären ein ergreifendes Sangespaar, wenn    das Drehbuch in dieser Hinsicht nicht gar so minimalistisch wäre! Mit einer einzigen Szene wird bereits alles dramatische Pulver verschossen!

Ansonsten tingeln ein paar freche, sogenannte "Revolutionstöchter" herum und necken die Freundin Shelly; die Familienmitglieder wiederum kreiseln irgendwie ratlos um den armen Tommy, ahnen Schreckliches, doch keiner wagt die Dinge beim Schopf zu packen und den todkranken Jungen endlich zum Arzt zu verfrachten. So muss denn auch das Drama seinen zwangsläufigen tragischen Ausgang nehmen. Solche Komposition lässt keine Hoffnung mehr zu.

Aber eindrucksvoll ist es in jeder Hinsicht. A.C.