Hamlet

von
Christian Jost

 

 

Welch edler Geist ist hier zerstört

 


12 musikdramatische Tableaux; Libretto vom Komponisten nach William Shakespeare

Ein  Auftragswerk 

Komische Oper

Musikalische Leitung: Carl St. Clair; Inszenierung: Andreas Homoki, Bühnenbild und Kostüme: Wolfgang Gussmann, Dramaturgie: Werner Hintze; Chöre: Robert Heimann; Licht: Franck Evin

Hamlet: Stella Doufexis; Horatio: Tom Erik Lie; Claudius: Jens Larsen; Gertrud: Gertrud Ottenthal; Polonius: Jürgen Sacher; Rosenkranz: Caren van Oijen; Güldenstern: Peter Renz; Ophelia: Karolina Andersson; Laertes: James Elliot

Zurück

Die Kühle von Raum und Zeit, die Übertragung der griechischen Orest/Elektra-Tragödie auf dänische, also christliche Zeiten, wenn diese auch - moralisch - genau so grau und düster wie in England waren, hat den Dichter einst inspiriert, den Königs- und Vatermord in das Schloss Helsingör zu verlegen - und wer je dort vorüber fuhr oder zur Besichtigung verweilte, kann unschwer die Atmosphäre jener Tragödie nachempfinden. In Jost' musikdramatischer Version wird der Nerv getroffen und das Herz zersägt, aber auch das Trommelfell arg strapaziert.,

 

 
  Das ist eine großartige und zugleich abschreckende Szenerie: eine helle Wendeltreppe windet sich durch eine Öffnung eines schräg herabfallenden Daches, das sich bei Bedarf senkt, um eine Scheibe freizugeben für die verschiedenen Gesamtszenen. Alles wird in weiß und schwarz gehalten: die Darsteller in der Oberwelt sind dazu noch mit weißblonden Perücken unisono maskiert und geschminkt, und die Toten, die Gnadenlosen, die Verfemten, die Erynien sind der Chor, ins Dunkle- unterhalb der Wendeltreppe - abgetaucht, von Zeit zu Zeit auftauchend, die Arme hochstreckend, Sühne fordernd als Boten der Untoten. Und dazu erklingt eine überwiegend  schrill-dramatische Musik für alle, die sich mit moderner Komposition nur selten auseinandersetzen müssen. Und doch muss alles so klingen, ist alles absolut stimmig und kongruent: Christian Jost, der neue Hauskomponist der Moderne an der Komischen Oper, hat genau so komponiert, wie es die grausliche Leidensgeschichte von Hamlet und seinem ihm als Geist erscheinenden und Vater gebietet, der Rache für den Mord fordert, den seine Frau und sein Schwager an ihm verübten. Für den sensiblen Hamlet ist das kaum zu verkraften - eine Rolle, die die Mezzosopranistin Stella Doufexis hingebungsvoll und eindringlich mit großer Klarheit formt. Sie läßt mit jeder Bewegung, mit jedem Ton die Tortur deutlich werden, die der Prinz durchleidet seitdem er von dem Vatermord weiß: Er ist zerrissen zwischen archaischer Sohnespflicht (Rache) und der Unfähigkeit, einen vorsätzlichen Mord zu begehen, Genau das spiegelt die Musik wider, genauso zerhackt sind die atonalen Tonsequenzen, die schrillen Dissonanzen, die schrecklich dröhnenden Posaunen und tief-trauernden Streichinstrumente, die hohnsprechenden Klarinetten und die tückisch lyrischen Flöten. Leicht, beinahe wie zufällig hineingewoben in dieses emotionale Dauergewitter klingen auch Choralelemente an, überspielen die mystischen Anflüge mittelalterlicher Mönchsgesänge, die eben aus einer anderen Welt aufsteigen und wohl den Gedanken christlicher Vergebung, Leid in Demut zu ertragen, verkünden.

Es ist nicht einfach, dem von Jost sehr kompliziert gedanklich neu entworfenen Text so rasch, wie er auf den Schrifttafeln erscheint, zu folgen und gleichzeitig zu analysieren, obwohl er dankenswerterweise überhaupt den Einstieg in dies komplizierte Poesiegeflecht ermöglicht. Zwar artikulieren die bewundernswerten Darsteller sehr deutlich, aber Jost verlangt von ihnen, wie alle neuen Komponisten, schier Unmögliches; da gibt es keinerlei schwingende Sanftmut, kein in sich verhaltenes Klagen, kein schmerzvolles tonales Schluchzen mehr, da werden alle Gefühle zu Wahnsinnsattacken, das Leid zu unerträglicher Pein. Die Musik kennt keine Gnade, kommt zunächst aus dem Bewusstsein, dringt dann tiefer ein in dunkle Bereiche, um sich letztlich als unbarmherziger psychischer Albtraum zu manifestieren. So wie eine Untat die nächste nach sich zieht - Claudius intrigiert gegen den Neffen, dessen Schwermut ihn mit ahnungsvoller Angst erfüllt - so schleudert das Schicksal den unentschlossenen Hamlet, bevor er begreift, zu welchen Bösartigkeiten das Mörderpaar fähig ist, in die nächste Leidenshölle. Als seine geliebte Ophelia sich das Leben nimmt, wird er an ihrem Tod mitschuldig, weil er sie zuvor verhöhnt und im Affekt ihren verleumderischen Vater tötet als er die Intrige durchschaut. Auch Ophelia ist ist ein Teil dieses Pakts gegen Hamlet, und obgleich sie ihn liebt, willigt sie ein, ihm die Ursachen seiner Schwermut zu entlocken.

Nun ist aber, sieht man von dem ewig zaudernden und mit sich und der Welt hadernden Hamlet einmal ab, das Ensemble mit dieser neuartigen Version des alten Klassikers noch nicht so ganz im Reinen; mag sein, dass zuviel Konzentration noch auf die tonalen Aberwitzigkeiten, den ständigen emotionalen Wechsel in verflochtenen Gesangslinien liegt, die sich im Hier und Jetzt um eine Antwort einer schier unlösbaren Aufgabe bemühen: wie rächt man seinen Vater, ohne selbst zum Mörder zu werden? Man kehrt sich in sich selbst zurück, wickelt sich ein wie eine Schnecke, geht in die Depression. Damit ist der Weg aber frei für die anderen zum Handeln, die in dieser wäscheweißen inszenatorischen Diszipliniertheit  zu keinerlei Eskapaden neigen, höchst artig auf- und nebeneinander rangeln, und sich hauptsächlich aber die Wendeltreppe rauf, die Wendeltreppe runterhangeln, vielleicht um die fortschreitende Zeit und die eigene Unschlüssigkeit zu markieren. Denn auch als Hamlet die Schauspielertruppe auffordert, den Mord an einem König darzustellen und in der Geschichte anschließend das Mörderpaar miteinander zu verheiraten,  gibt es zwar ziemlichen Ärger im Königshaus, aber es bleibt doch alles hygienisch einwandfrei, man kann aber auch sagen, in hoher Ästhetik verhaftet, die ein wenig auch an die entlarvende Kostümierung des Inszenierungskünstlers Wilson am Berliner Ensemble erinnert. Damit gelingt Homoki ein guter Effekt: die Protagonisten sind keine barbarischen Berserker, sondern sie hängen eher wie Marionetten an den Fäden ihrs eigenen Seins oder Nicht-Seins, ihres Handelns, ihrer Absichten, auch, wie Hamlet, ihrer ungetanen Taten. Dass am Ende allesamt vergiftet werden, der Bruder Ophelias, Laertes, die Königin Mutter Gertrud, der Onkel-König Claudius - Ophelia ist ja ohnehin schon gestorben - und somit nur Hamlet allein noch im Königsreich zurückbleibt, dass zur Zeit zudem einen sinnlosen Krieg führt, was irgendwie störend in dieser Konzeption wirk, ist neu. Es hat den Anschein, als ob der junge Anti-Held es eigentlich gar nicht fassen kann, was da so alles passiert ist, und nun hat man ihn mit der Verantwortung für Gegenwart und Zukunft belastet. A.C.