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Held Müller von
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Kleiner Mann - was nun? |
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Musikalische Leitung: Hans-Peter Kirchberg/Tobias Bartholmeß Inszenierung: Bernd Mottl Kurz gefasst: Kurz gefasst Wenn ein alter Arbeiter, die nie zuviel, aber meistens zu wenig gesagt hat, jäh vor dem Aus steht - kein Job mehr, keine Familie - und wenn er plötzlich ungewollt im Mittelpunkt eines äußerst zweifelhaften Ereignisses steht, dann ist das eigentlich eine traurige Geschichte. Die Neuköllner Oper, speziell ihr Autor Peter Lund, stehen dafür ein, dass selbst die größten Miseren wie Arbeitslosigkeit, Korruption und eine ungleiche Verteilung der Güter im Laufe der Geschichte eine brisante Sache waren, und dass in unserer Zeit aber durchaus auch mit Humor und naiven Lösungsvorschlägen angegangen werden dürfen. Jedenfalls macht dieser Abend mal wieder einen Heidenspaß. Die Musik ist schwungvoll, und nach bester Musical-Art zusammengestellt, die Schauspieler und Sänger identifizieren sich temperamentvoll mit ihren Rollen, und so geht ein fast kabarettartiges Programm mit Verve über die Bühne. |
Da steht ein Mann im Titel und im Mittelpunkt einer abendfüllenden Story, und er sagt kein einziges Wort. Irgendwann flüstert er mal der couragierten TV-Reporterin etwas ins Ohr, aber das hört ja auch niemand. Ansonsten schlurft Herwig Müller, einer von gerade 2000 entlassenen Arbeitern einer Automobilfirma über den Fabrikhof, gebeugt, passiv, ergeben, fährt nach Hause, wo der erwachsene und arbeitsscheue Sohn wie gewohnt bei Bier und TV herumlungert. Das ist schon eine herbe Mischung: Für Eckhard Strehle und Dagmar Biener - gestandene Schauspieler im Berliner Theaterleben - wunderbare Rollen: Strehle sagt stumm mehr als tausend Worte und die Biener garantiert resolut Mutterwitz und Schlagfertigkeit. Zunächst allerdings erleidet Herr Müller den nächsten Schock, als seine Frau ihm eröffnet, dass sie ihn verlassen wird, ohne, dass er auch nur eine Sekunde Gelegenheit hätte, ihr von seiner am Tage erhaltenen Kündigung zu erzählen. Resigniert greift er zu seiner abgewetzten Tasche und verlässt die Wohnung - sein Körper verrät das unbestimmte Ziel: er wird sich treiben lassen... Ungerührt von allem bleibt der lasche Bengel Mischa ( der von Gerd Lukas Storzer als echt verhauender Sozialtyp karikiert wird): Die Mutter hat ja Arbeit, und Stütze gibt es ja auch. Wer wird schon jeden blöden Job in dieser blöden Gesellschaft auf sich nehmen! Auch eine Einstellung. Die Autoren verstehen durchaus, alle Seiten des Lebens zu beleuchten. Jedenfalls besteht kein Zweifel: Ihr Herz schlägt für die Kleinen Leute. Denn der Vorstandschef der gewinnträchtigen Branche ist natürlich korrupt und scharf auf chinesische Mädchen. Und während die Firma hohe Gewinne erzielt, entlässt er die langjährigen treuen Mitarbeiter. So einer verdient den Tod, den er durch ein technisches Versehen sehr bald erleidet. Dass gerade der arme Müller dringend tatverdächtig ist (war er es doch, den man zuletzt mit diesem Friedemann von Tilsit sah), gibt der Story den tragikomischen Touch. Uwe Drewes verleiht dem Chef jedoch menschliche Züge und zeigt die unausweichliche Situation auf, die ihn zum Erfolg zwingt, will er nicht jäh abstürzen. Dabei wollte er doch eigentlich seit seiner Jugend nur eines: Autos bauen! Das ist rührend, aber da ihm die Zecke in Gestalt der höchst attraktiven, eiskalten Managerin Heidlinde Waghausen im Nacken sitzt, kann er seinen edlen Gefühlen leider nicht nachgeben. Nach seinem jähen Dahinscheiden verabschiedet diese Dame noch einmal rasch 4000 Arbeiter und katapultiert sich mit dieser "Rationalisierungsmaßnahme" in die internationale Konzernspitze nach Boston. Wieder zwei glanzvoll besetzte Rollen: Uwe Dreves als der alte Chef könnte glatt als Double für überarbeitete Vorstände geleast werden, und der attraktiven Franziska Becker möchte man wohl nicht gerne als Chefin begegnen. Sie ist übrigens zur Zeit zusammen mit Dagmar Biener alternativ als singende und swingende Nonne im Schloßpark Theater zu bestaunen!) Gegen so eine Frau wäre man chancenlos, vor allem als Mann, wie der Cheftechniker Hinrichsen, dem Marco Billep Hilflosigkeit und einen voll tönenden Bariton verleiht. Gewachsen ist ihr nur Sabrina van Dresen, die Doris Prilop mit schöner Altstimme und sehr großem Einsatz verkörpert: eine kühle und kühne TV-Journalistin, die sowohl Karriere machen als auch der Menschheit gerecht werden will. Wie unvereinbar diese Dinge sind, zeigt dies Musical (unter andern vielen Lebensweisheiten) auch. Wer könnte schließlich solch einen Rambo besser darstellen, der keinerlei Beherrschung, dafür aber jede Menge Vokabeln der Gossensprache und gängige antikapitalistische Klischees draufhat, als Ulrich Wiggers als der frisch entlassene Automechaniker Kalle Kornowski, ein ausgeflippter Möchte-gern-Kommunist mit viel Herz und wenig Disziplin. Dass er aus dem seltsamen Häuflein plötzlich eine Terroristenzelle macht, geht ihm selbst über den Verstand. Die einzige, die Realität in die verkorkste Sache bringt, ist die kluge Freundin des schlaffen Mischa, Jule, die Roswitha Stadlmann mit großer Ausstrahlung spielt. Nach diesem Firmenunglück ereignen sich nämlich noch weitere schreckliche Terrorakte in anderen Automobilkonzernen: Eine Warnung der Radikalen an die mächtigen Manager, die Entlassungen rückgängig zu machen. Es geht nun ein bisschen sehr durcheinander, aber das ist bei den überbordenden Einfällen bei Lund ja immer so - und, besser zuviel, als zu wenig. Man muß nur staunen, wie sich alles mit der Hilfe von Schwingtüren, die im Halbrund die Bühne umrahmen, und mit einer ausgeklügelten Choreographie so gut und nahtlos aneinander reiht. Denn oft spielen drei Szenen an verschiedenen Orten nebeneinander und garantieren dennoch einen reibungslosen Ablauf und das Ineinandergreifen der sich rasch abspulenden Geschichte. Irgendwie entstehen am Ende drei neue Paarkombinationen, und Herwig Müller, der Held und Terrorist wider Willen, wird entlastet, die Opfer singen mit blinkendem Engelskranz weiterhin im Kammerchor, und man könnte meinen, diese Geschichte ließe sich täglich fortschreiben. A.C.
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