Ihre Bohème

nach

Giacomo Puccini

 
 

 

Kunst kennt kein Alter

 


in einer Neufassung der


Neuköllner Oper
 

von Rainer Holzapfel (Szenario, Text) und Tobias Schwenke (Musikalische Einrichtung)
 
Ensemble: Gabriele Schwabe, Roberta Cunningham, James Clark, Renate Dasch, Volker Schunke, Eckhard Hedke, Wieland Lemke, Dejan Brkic

Orchester
unter der Leitung von Kristiina Poska

Klavier: Tobias Schwencke, Markus Zugehör; Violine: Kirsten Harms/Ekkehard Windrich; Viola: Nikolaus Schlierf/Chang-Yun Yoo, Kirsten Pientka, Cello: Rahel Bader/Cosima Gerhardt; Klarinette: Dörte Sehrer/ Christian Vogel; Oboe: Simon Strasser/Antje Thierbachj

 

 

 

 
Mehr Mut zur Moderne, zum eigenen Profil, zur zeitgemäßen Abstraktion alter musikalischer Klischees - das forderte jüngst der Intendant der Berliner Opernstiftung, Stefan Rosinski, in einem Zeitungsinterview. Wobei er sich für die Staatsoper unter den Linden  einen Stagione-Betrieb, für die Berliner Oper ein klassisches, deutsches Repertoire und für die Komische Oper ein experimentelles Theater á la Hau-Bühnen vorstellt. Die kleine Neuköllner Oper läßt er dabei außen vor; das zeigt u.a. die den Berliner Kunstgewaltigen eigene Arroganz gegenüber allen Häusern, die sich auf privater Ebene samt Sponsorenengagement durchsetzen müssen!

Es mag beruhigen, dass es in dieser Stadt genügend Publikum gibt, das sich nicht nur in seinem "Kiez", sondern auch nach seinem Geschmack zu orientieren weiß - da können die staatlichen Bühnen noch einmal soviel Kinder- und Jugendprogramme auflegen; gegen dies mühsam gewollte Suchen, das mehr an eine werbende Anbiederei (um künftige Portemonnaies zu erleichtern) erinnert, finden die freien Bühnen tatsächlich zu ihrem Publikum - und das ist ganz natürlich, weil Kunst eben an keine Altersgrenzen gebunden ist - durchaus Generationen übergreifend. 
Jetzt hat beispielsweise die Neuköllner Oper in eben dieser Absicht und Einsicht ein neues Stück nach altem Vorbild kreiert, und es ist ebenso rührend wie amüsierend; es stimmt nachdenklich und führt gleichermaßen behutsam in eine neue Hörweise ein. La Bohème, das Künstlerdrama einer lebendig-bunten Pariser Außenseiterszenerie, das der italienische Altmeister Giacomo Puccini, nicht ohne auf Verdis La Traviata zu schielen, 1896 auf die Turiner Bühne brachte und das ein Jahr später in Berlin erstmalig aufgeführt wurde, hat eine wesentliche Veränderung erfahren. Denn an dieser Fassung haben Rainer Holzapfel und Tobias Schwenkecke mit scharfen Strichen und neuen frechen Einfällen gearbeitet, und eine blutjunge Dirigentin - Kristiina Polska - leitet das mit echter Hingabe musizierende kleine Kammerensemble, das mit jedem Instrument zweifach besetzt ist.

Die Künstlermannschaft der alten Bohème-Clique hat sich mittlerweile aufs Altenteil begeben hat, scheinbar ziemlich gebrechlich und gebrochen an Vitalität: Die drei Herren Rudolfo, Marcello und Colline werden von dem jungen Pfleger Schaunard ( im Original der Dichter) eher anspornend und schwungvoll, denn mitleidig und mitleidend betreut. Und er ist es, der ihren matten Erinnerungen mit baritonaler Festigkeit zur Auferstehung verhilft; Zwar müssen sie sich nun einem recht jungen und eigenwilligen Orchester und einer neuen, für ihre alten Ohren schrill klingenden, Musik unterordnen, aber sie dürfen ihre Bohème wieder aufleben lassen, mit allen ihren Gefühlen, Erinnerungen, dem Stolz und der Trauer über vergangene Zeiten und mit voller Hingabe an die großen Freuden und Erfolge ihrer unruhigen Bühnenlaufbahn. Indem sie ihre Partien noch einmal durchleben und   durchsingen dürfen, bewältigen sie Vergangenheit und Gegenwart    lebendig und gefühlvoll.
Dass hier ein mit älteren Sängern besetztes Ensemble spielt, dessen Künstler nach vielen Karrierejahren zwar durchaus noch aktiv sind, wenngleich wohl auch nicht mehr auf der Bühne stehen, ( denn diese sind nun, wie zu allen Zeiten üblich, von den nachfolgenden Sängergenerationen besetzt), hat einen überraschenden Effekt: Ihre stimmliche Präsenz und ihre von langer Erfahrung geprägte und stets neu überdachte differenzierte Darstellung der Rollen zeigt in persona die reife Entwicklung eines Künstlers, der überwiegend nur für eines lebt: für seine Kunst!
Vielleicht ist das auch die Botschaft, die von der Neuköllner Bühne ins breite Opernpublikum hineingetragen werden soll: dass alle Mühsal und Qual, alle Alterserscheinungen, alle vermeintlichen und tatsächlichen körperlichen und geistigen Ausfallerscheinungen, die den älter werdenden Menschen befallen können, nicht zwingend in Depression enden müssen, wenn er sich seiner Fähigkeiten erinnert und sie, seinen Möglichkeiten entsprechend, wieder auffrischt!.
Für die kleine, stimmkräftige, hingebungsvolle Mimi, die von Gabriele Schwabe und Roberta Cunningham gespielt wird, ist es die Rolle ihres Lebens, und sie verglüht noch immer in ihrer kurzen und leidenschaftlichen Liebe zu dem armen Rudolfo, der hier in der Besetzung von James Clark nicht so sehr ein armer Schlucker, sondern der sich eher als ein eleganter Lehrmeister der Sangeskunst für alle jetzigen und künftigen Tenöre als Meister seines Fachs empfiehlt. Für die flotte Musetta ist Renate Dasch - ohnehin in der Neuköllner Oper zeitweilig zuhause -  eine Idealbesetzung: wie sie im roten Organzafummel ihre beiden Männer betört und nicht nur den tumben und liebestollen Tor Alcindor (Dejan Brkic ist auch als Hausbesitzer Benoit eine wahrhaft Moliere'sche Ausgabe) an der langen Leine führt, ist rundweg bezaubernd. Gezeichnet ist der altersschwache Colline, der entkräftet und entmutigt im Rollstuhl sein Leben, so scheint es, beenden soll. Aber nicht nur der wundervoll kräftige Bass von Eckhart Hedke ( was für ein Sarastro!) spricht dagegen, sondern indem mit dem Spiel und der Erinnerung an seine Fähigkeiten auch sein Lebenswille zurückgekehrt ist, kann er am Ende seinen Rollstuhl und den alten Mantel mit einem schneidigen weißen Anzug vertauschen. Für Volker Schunke, der den von Marcella schnöde verlassenen Liebhaber Marcello mimt, allerdings ist die Erinnerung an die große Liebe nicht ganz so berauschend, verlässt sie ihn doch ein zweites Mal, und ihm bleibt nichts anderes übrig, als ihr schmählich das Wort "Soubrette" nachzurufen, was sie kokett mit Schlagersänger und Rentner! pariert. Die Lacher sind leider auf der Seite der temperamentvollen Musette...

Was bliebe noch zu sagen - zur kompositorischen Verfremdung sicher sehr viel, vor allem das Eine: dass sie zwischen Spaß und Leid hin- und hertanzt, ansetzt, aufhört, neu entfacht wird von den Lebens- und Liebesgeistern der Protagonisten, dann wieder in Schwermut versinkt - alles mit neuer Frische und farbigem Glanz aufpoliert, dabei stets im Erbe Puccinis haftend: in der "Poesie der kleinen Dinge" und im "Zauber der musikalischen Stimmungskunst"

Sehenswert! A.C.