Impromtus

von
 Sasha Waltz

Eine Choreographie zu Musik von Franz Schubert

 

 Zwischen Romantik und Realität

 

  Schaubühne 

Koproduktion mit Teatro Comunale di Ferrara

Tanz/Choreographie:

Maria Marta Colusi, Clementine Deluy, Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola, Luc Dunberry, Michael Mualem, Claudia de Serpa Soares, Xuan Shi

Klavier: Christina Marton

Gesang: Judith Simonis

Regie/Choreographie: Sasha Waltz

Bühne: Thomas Schenk, Sasha Waltz

Kostüme: Christine Birkle

Dramaturgie: Jochen Sandig, Yoreme Waltz

Licht: Martin Hauk

 

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 Auf zwei verschiedenen Ebenen, schräg angehoben und von einer asymmetrischen Rückwand teilweise begrenzt, tauchen aus dem Dunkel die Paare und Solisten des Abends auf. Sie werden die Welt der tänzerischen Wunder mit der sinnlichen, musikalisch erfahrbaren Welt des Franz Schubert verbinden. Schon das erste Paar, das sich mit einem unvergleichlichen Pas de Deux in vielerlei Variationen, zärtlichen Biegungen, Beugungen, Verschlingungen (und Verstrickungen der Gefühle?) zugetan ist, hätte als Teil des letzten großen Ballettensembles Berlins eigentlich Szenenbeifall verdient. Das Paar wurde einfühlsam begleitet von Christina Marton am Klavier und von dem volltönendem, sich zart zurücknehmenden Alt von Judith Simonis, die nicht nur hinreißend aussieht, sondern auch ebenso singen kann. Die Tänzer des Abends haben eine schwierige Choreographie zu bewältigen, die voller Abwechslung, voller Spannungsbögen und von immensem Einfallsreichtum ist, sieht man daneben vom Farbengekleckse und einem etwas langgezogenen stereotypen Marathonlauf über die Bühnen einmal ab (aber der Marathon hat eben seine Strecke!).

Schubert komponierte die hier getanzten Klaviersonaten im Jahre 1827 (ein Jahr vor seinem Tode), die später als „Impromtus“ (spontanes, aus dem Stegreif improvisiertes Stück) zusammengefasst wurden. Auch die Lieder der „Winterreise“ stammen aus dieser schaffensreichen Phase, die Sasha Waltz für ihre Choreographie nutzt. Mit der ihr eigenen Handschrift - Verbinden und Loslassen - durchbricht sie die Romantik und auch die Schwermütigkeit Schuberts, die ohnehin nicht von dieser Welt war, sondern eine Flucht in eine heimliche oder gar unheimliche Wirklichkeit darstellte. Die Tänzer ziehen in realen Bahnen über die Bühne, plantschen vergnügt in Gummistiefeln im pool und täuschen damit in schnellen, unerwarteten Tanzkonstellationen die gefühlselige Erwartung des Zuschauers, jedoch ohne jede Radikalität oder gar Feindseligkeit gegenüber der musikalischen Harmonik. In einer oft aus sich selbst heraus zur Ekstase steigernder Rhythmik entfernen sich die Tänzer von der musikalischen Vorlage, um sie abstrakt fortzuführen.

Diese Produktion ist ein großer tänzerischer Balanceakt zwischen Schubert`scher Schwermut und einer immerwährenden Lebenskraft des bewusst agierenden Menschen. Wie überhaupt immer wieder die aufgehobene Schwerkraft der scheinbar alles vermögenden Körper eine umfassende, große Faszination ausübt. Auf den Tanzenden sind die Blicke gerichtet; er fordert mit jeder Bewegung unsere Konzentration, unser Mitdenken und -fühlen heraus; er lässt uns oft verblüfft zurück ob der immer noch neuen Möglichkeiten, die der Menschenkörper als Maß aller Dinge in sich birgt. A.C.