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Jeanne d'Arc von Walter Braunfels |
Allegorisches Welttheater
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Berufung, Triumpf, Leiden
Musikalische Leitung:
Ulf Schirmer;
Idee und Konzeption
Christoph Schlingensief;
Kurzkritik
Die Oper wird zwar in deutscher
Sprache gesungen, aber dennoch ist es dankenswert, den Text in
Übertiteln anzuschreiben; so versteht man jedenfalls annähernd, was sich
die Sänger in ihren Rollen zu sagen haben, denn das Gewusel auf der
Drehbühne verwirrt eher, als dass es den Handlungsablauf erleuchtet. Soll es
wahrscheinlich auch gar nicht; wer die Hand-Arbeit von Christoph Schlingensief kennt, weiß, dass sich hier Phantasie
abstrus und überbordend entlädt,
ständig Kulissen unruhig hin- und herbewegt werden, neue Requisiten
auftauchen, skurrile Einfälle oft mit dem, was gesungen und erzählt
wird, nichts oder nur mit Hilfe einer tief schürfenden Analyse etwas zu tun haben; dennoch ist
diese Inszenierung ausgesprochen kurzweilig, was man von der zwischen
Romantik und Expressionismus unentschieden pendelnden, leicht hölzernen, niemals an ferne Ufer strebenden musikalischen Umsetzung des
Themas kaum zu sagen vermag. |
Die wunderbare, grausame Geschichte der Heiligen Johanna, jenem unschuldigen Mädchen vom Lande, das, unter seinem Lieblingsbaum träumend, die ungeheure göttliche Vision hat, es solle zum König eilen, Pferd, Helm und Schwert begehren und sich an die Spitze der geschlagenen Truppen setzen, um Frankreich zu retten, konnte man vor kurzem in Reinversion noch im Berliner Ensemble bestaunen. In dieser Operninszenierung nun wird der Baum zu zwei herabschwebenden Lungenflügeln, die wohl die Lebendigkeit des Mädchens symbolisieren. Vielleicht schlägt auch ihr Herz, derart beflügelt, fortan schneller, denn ebenso artig wie unbeirrbar setzt sie ihr Vorhaben gegen den Willen des Vaters durch. Der entsteigt in grünem Bischofsornat nebst Mitra und Hirtenstab einer weihnachtlichen Kleinkutsche, die von einem Rentier gezogen wird. Und er gibt dem drängenden Mädchen schließlich den getreuen Diener Colin mit, dass er sie auf der gefährlichen Reise zum beschützenden Ritter Baudricourt begleite. Dort streng unter Kuratel gehalten, sinnt Jeanne, ihrer Weisung sicher, auf Eingebung und Einsicht des gestrengen Vormunds - derweil sterben alle Hühner und Schweine, und auch die Kuh krankt schon. Alles live auf der Bühne oder zumindest blutig drastisch auf der Videoeinspielung, die orakelhaft an bestimmten Stellen auf den Opfertod Johannas hinweist, indem man das alte immerwährende hinduistische Verbrennungsritual eines Toten großformatig ausstrahlt. Das ist grauslich (glücklicherweise verzichtet man hier auf den Ton!) und läßt alle Installationen und weiteren Illustrationen als historisches Chaos abstrus erscheinen. Denn Verbrennung und Folter sind das unbewältigte Thema der Inquisition, die sich die Visionen eines kleinen unbedeutenden Mädchens, dass plötzlich zum nationalen Superstar aufsteigt, nicht bieten lassen kann. Doch das kommt später. Zunächst reitet die Kleine doch zum König, den sie auch unter seiner Verkleidung ohne Zögern identifiziert, und, sich der Rufes als wundersame Seherin gewiss, darf sie nun für Frankreich siegen. Immer brav im weißen Kleidchen, denn den Harnisch tragen Models für die Jungfrau; Johanna bleibt unberührt bis sie jedoch am Ende ganz schwarz vermummt aus einer riesigen dreigetürmten, mit Wunderkerzen dekorierten rosa Torte steigt, um vor den tafelnden Richtern ihren Widerruf zu widerrufen. Und immer wieder die Chatts, auf Holz geschichtete Verbrennungsstätten in Indien und Nepal, nun auch live auf der Bühne; als ständige Erinnerung- aber unpassendes Symbol; denn die Verbrennung von Toten, deren Asche in Indien in den Ganges gestreut wird, damit die Seele eingehe zur Mutter Ganga, der großen Lebensspenderin, das hat mit dem christlichen Märtyrertod des europäischen Mittelalters nichts gemein! Das große Rittergelage, das Johanna feiern soll, wird als Abendmahl zelebriert, bei dem der dornengekrönte Christus als Puppenkonstruktion in den Bühnehimmel aufsteigt, was, will man es nicht als Blasphemie bezeichnen, eher eine abstruse Einlage in diesem brodelnden Welttheatereintopf ist. Denn man weiß ohnehin, dass Johanna den bitteren Kelch bis zur Neige trinken und Christus auf dem dornigen Weg folgen wird. Eine Heilige fürwahr. Und was hätte man aus diesem Thema für ein musikalisches Drama machen können!? Vom zarten berauschenden Tupfern der frühen Jugend, den ersten zaghaften Visionen, dem sich immer mehr verfestigenden Glauben, berufen zu sein, dem Widerstand gegen die Familie, dem leise trotzenden Standhalten gegen alle Feinde und Gefahren, dem tosenden Jubel der Massen, dem Taumel der Siege, der schrecklichen Gefangenschaft, dem gerichtlichen Tribunal, wo der Widerruf aus Angst vor den Martern, die man dem jungen Mädchen schonungslos beschreibt, alle Ängste der Welt in ihr auslöst. Die Reue, die Umkehr, die endgültige Hinwendung zu Gott, zur Berufenen und dem Gang ins Feuer... Sicher, es gibt all diese Momente in den hingebungsvoll sich darstellenden Sängern vor allem bei der zauberhaft lyrischen und stimmstarken Mary Mills als Johanna, dem klagenden König von Valois (Daniel Kirch), dem liebevollen Behüter Colin (Paul Kaufmann), vor allem aber mit dem einfühlsamen Tenor von Morten Frank Larsen als schmerzhaft zerrissener Ritter Gilles de Rais, der den Kampf um Johanna gegen die höheren Mächte nicht gewinnen kann. A.C
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