Jeanne d'Arc

von

Walter Braunfels
(1882-1954)

 

Allegorisches Welttheater  

 


Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna

Berufung, Triumpf, Leiden
 
Deutsche Oper Berlin

 

Musikalische Leitung: Ulf Schirmer; Idee und Konzeption Christoph Schlingensief; Regieteam nach Aufzeichnungen von Christoph Schlingensief: Anna-Sophie Mahler, Carl Hegemann, Søren Schuhmacher; Bühne, Konzeption: Thomas Goerge Thekla von Mülheim; Kostüme: Aino Laberenz; Ausstattung Mitarbeit: Bernd Damovsky; Film / Video: Kathrin Krottenthaler;Videotechnik: Konstantin Hapke; Dramaturgie: Carl Hegemann, Katharina John;Chöre: William Spaulding ; Einstudierung Staats- und Domchor Berlin: Kai-Uwe Jirka Sänger: St. Michael: Paul McNamara; Catharina:Anna Fleischer, Margarete: Julia Benzinger, Karl von Valois, König: Daniel Kirch; Erzbischof von Reims: Nathan Myers, Cauchon, Bischof von Beauvais: Peter Maus; Vicar Inquisitor: Simon Pauly, Johanna: Mary Mills, Jacobus von Arc: Ante Jerkunica,   Colin: Paul Kaufmann, Gilles de Rais: Morten Frank Larsen, Herzog de la Trémouille: Lenus Carlson, Herzog von Alencon: Jörg Schörner, Ritter Baudricourt: Markus Brück, Lison: Nicole Piccolomini, Bertrand de Poulengy: Clemens Bieber, Florent d'Illiers: Nathan Myers, Page: Laura Borgwardt Salisbury: Nathan Myers; Hohepriesterin: Karin Witt, Tänzer Marcos Abranches; Chor der Deutschen Oper Berlin Orchester der Deutschen Oper Berlin

Kurzkritik

Die Oper wird zwar in deutscher Sprache gesungen, aber dennoch ist es dankenswert, den Text in Übertiteln anzuschreiben; so versteht man jedenfalls annähernd, was sich die Sänger in ihren Rollen zu sagen haben, denn das Gewusel auf der Drehbühne verwirrt eher, als dass es den Handlungsablauf erleuchtet. Soll es wahrscheinlich auch gar nicht; wer die Hand-Arbeit von Christoph Schlingensief kennt, weiß, dass sich hier Phantasie abstrus und überbordend entlädt, ständig Kulissen unruhig hin- und herbewegt werden, neue Requisiten auftauchen, skurrile Einfälle oft mit dem, was gesungen und erzählt wird, nichts oder nur mit Hilfe einer tief schürfenden Analyse etwas zu tun haben; dennoch ist diese Inszenierung ausgesprochen kurzweilig, was man von der zwischen Romantik und Expressionismus unentschieden pendelnden, leicht hölzernen, niemals an ferne Ufer strebenden musikalischen Umsetzung des Themas kaum zu sagen vermag.
Der Komponist war als Halbjude zunächst von den Nazis verfemt, und dann, Deutschland treu geblieben, von der neuen Avantgarde auf dem Abstellgleis vergessen worden. Aus dem Lebens- und musikalischen Zeitablauf geworfen, gelang es Braunfels allerdings durchaus in anderen Werken, eine kunstvoll schillernde, illustrativ angereicherte Tonsprache durchzusetzen, die noch vor der Zwölftonmusik angelegt ist und sich näher bei Strauß als bei Wagner befindet, jedoch nicht so reich an Variationen ist; eher kommt sie klangschwer und getragen, düster und martialisch daher, was das Orchester unter Ulf Schirmer temperamentvoll und mit kontrastreichem Farbspiel in dieser Aufführung zeitweilig durchaus dramatisch umsetzt.

 
Die wunderbare, grausame Geschichte der Heiligen Johanna, jenem unschuldigen Mädchen vom Lande, das, unter seinem Lieblingsbaum träumend, die ungeheure göttliche Vision hat, es solle zum König eilen, Pferd, Helm und Schwert begehren und sich an die Spitze der geschlagenen Truppen setzen, um Frankreich zu retten, konnte man vor kurzem in Reinversion noch im Berliner Ensemble bestaunen. In dieser Operninszenierung nun wird der Baum zu zwei herabschwebenden Lungenflügeln, die wohl die Lebendigkeit des Mädchens symbolisieren. Vielleicht schlägt auch ihr Herz, derart beflügelt, fortan schneller, denn ebenso artig wie unbeirrbar setzt sie ihr Vorhaben gegen den Willen des Vaters durch. Der entsteigt in grünem Bischofsornat nebst Mitra und Hirtenstab einer weihnachtlichen Kleinkutsche, die von einem Rentier gezogen wird. Und er gibt dem drängenden Mädchen schließlich den getreuen Diener Colin mit, dass er sie auf der gefährlichen Reise zum beschützenden Ritter Baudricourt begleite. Dort streng unter Kuratel gehalten, sinnt Jeanne, ihrer Weisung sicher, auf Eingebung und Einsicht des gestrengen Vormunds - derweil sterben alle Hühner und Schweine, und auch die Kuh krankt schon. Alles live auf der Bühne oder zumindest blutig drastisch auf der Videoeinspielung, die orakelhaft an bestimmten Stellen auf den Opfertod Johannas hinweist, indem man das alte immerwährende hinduistische Verbrennungsritual eines Toten großformatig ausstrahlt. Das ist grauslich (glücklicherweise verzichtet man hier auf den Ton!) und läßt alle Installationen und weiteren Illustrationen als historisches Chaos abstrus erscheinen. Denn Verbrennung und Folter sind das unbewältigte Thema der Inquisition, die sich die Visionen eines kleinen unbedeutenden Mädchens, dass plötzlich zum nationalen Superstar aufsteigt, nicht bieten lassen kann. Doch das kommt später.
Zunächst reitet die Kleine doch zum König, den sie auch unter seiner Verkleidung ohne Zögern identifiziert, und, sich der Rufes als wundersame Seherin gewiss, darf sie nun für Frankreich siegen.
Immer brav im weißen Kleidchen, denn den Harnisch tragen Models für die Jungfrau; Johanna bleibt unberührt bis sie jedoch am Ende ganz schwarz vermummt aus einer riesigen dreigetürmten, mit Wunderkerzen dekorierten rosa Torte steigt, um vor den tafelnden Richtern ihren Widerruf zu widerrufen. Und immer wieder die Chatts, auf Holz geschichtete Verbrennungsstätten in Indien und Nepal, nun auch live auf der Bühne; als ständige Erinnerung- aber unpassendes Symbol; denn die Verbrennung von Toten, deren Asche in Indien in den Ganges gestreut wird, damit die Seele eingehe zur Mutter Ganga, der großen Lebensspenderin, das hat mit dem christlichen Märtyrertod des europäischen Mittelalters nichts gemein! 
Das große Rittergelage, das Johanna feiern soll, wird als Abendmahl zelebriert, bei dem der dornengekrönte Christus als Puppenkonstruktion in den Bühnehimmel aufsteigt, was, will man es nicht als Blasphemie bezeichnen, eher eine abstruse Einlage in diesem brodelnden Welttheatereintopf ist. Denn man weiß ohnehin, dass Johanna den bitteren Kelch bis zur Neige trinken und Christus auf dem dornigen Weg folgen wird. Eine Heilige fürwahr.
Und was hätte man aus diesem Thema für ein musikalisches Drama machen können!? Vom zarten berauschenden Tupfern der frühen Jugend, den ersten zaghaften Visionen, dem sich immer mehr verfestigenden Glauben, berufen zu sein, dem Widerstand gegen die Familie, dem leise trotzenden Standhalten gegen alle Feinde und Gefahren, dem tosenden Jubel der Massen, dem Taumel der Siege, der schrecklichen Gefangenschaft, dem gerichtlichen Tribunal, wo der Widerruf aus Angst vor den Martern, die man dem jungen Mädchen schonungslos beschreibt, alle Ängste der Welt in ihr auslöst. Die Reue, die Umkehr, die endgültige Hinwendung zu Gott, zur Berufenen und dem Gang ins Feuer...

Sicher, es gibt all diese Momente in den hingebungsvoll sich darstellenden Sängern vor allem bei der zauberhaft lyrischen und stimmstarken Mary Mills als Johanna, dem klagenden König von Valois (Daniel Kirch), dem liebevollen Behüter Colin (Paul Kaufmann), vor allem aber mit dem einfühlsamen Tenor von Morten Frank Larsen als schmerzhaft zerrissener Ritter Gilles de Rais, der den Kampf um Johanna gegen die höheren Mächte nicht gewinnen kann. A.C