Katja Kabanowa

von

Leos Janacek 

 

  

Sire, geben sie Bewegungsfreiheit!

 In der Zwangsjacke von Regime und Regie

   Uraufführung der Oper 1921 in Brünn; 1922 in Köln

Staatsoper
unter den Linden

Musikalische Leitung: Michael Gielen; Julien Salemkour

Das Orchester der Staatsoper unter den Linden; Chöre: Eberhard Friedrich

Regie: Michael Thalheimer

Bühne: Olaf Altmann

Kostüme: Michaela Barth; Dramaturgie: Andreás Siebold

mit: Melanie Diener als Katja; Dikoj, ein mürrischer Kaufmann, mit gutsherrlichem Bass: Jaco Huijpen; Boris,sein Neffe und Geliebter Katjas, ein wunderbarer facettenreicher Tenor: Stephan Rügamer; Kanaicha, die grässliche Schwiegermutter Katjas:  Ute Trekel-Burckhardt mit durchdringendem Alt, der keinen Widerspruch zulässt; Tichon, der blässliche Sohn und Ehemann Katjas: Burkhard Fritz, kann seinen festen Tenor nicht zum Widerstand durchbringen;   Kudrjasch, der Lehrer, liebt Barbara: Paol Breslik ist mehr ein distanzierter Erzähler als Liebhaber; Barbara, die Schwägerin Katjas: Katharina Kammerloher verführt mit vollem Sopran und starker Persönlichkeit; Kuligin, ein Freund des Lehrers, kommentiert nur kurz den Ablauf der Ereignisse: Matthias Vieweg mit angenehmen Bariton; Glascha: Carola Nossek und Fekluscha: Borjana Mateewa sind Mägde mit Mezzo und dem Habitus von strengen  Aufseherinnen.

 

 

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Der tschechische Komponist Leo Janacek hat nach der sozialkritischen Schauspielvorlage von A.N. Ostrowskij (Das Gewitter, 1860)) ein Milieudrama in traumhafte Musik umgesetzt. Wer dieses leider selten aufgeführte Werk noch nicht gehört hat, sollte eilen, es zu fassen - man kann die Augen schließen und die wunderbare, nurnoch ansatzweise als folkloristisch erkennbare, ansonsten in vollkommener Harmonie abstrahierte Musik erleben - in einer Welt voller Gefühle, die in naturalistischer Symbolik schwelgen. Da, wie bei Regisseur Thalheimer üblich (siehe "Faust" und "Emilia Galotti" am Deutschen Theater) im dramatischen Sinne keine Inszenierung stattfindet, sondern den Sängern lediglich eine zurückgeschraubte Emotionalit und eine minimalistische Gestik erlaubt ist, vollzieht sich alles Geschehen allein aus der Musik heraus, die Handlung und Schicksal in Einem ist.
Innerhalb der kubistisch aufgeteilten Bühnenräumlichkeit bewegen sich die Darsteller statuettenartig, steif und unbeholfen; die Herren haben ihre Hände tief in den Hosentaschen vergraben, lehnen sich singend eher unbeteiligt an die Wand oder sitzen lässig am vorderen Bühnenrand, während die Damen in 5oer-Jahre-Kostümen jenseits und diesseits der Begrenzung entlang wandern. Die Chöre bleiben unsichtbar im Hintergrund, geheimnisvoll raunend und rauschend wie der Fluss... Langsam schiebt sich die große linksseitig mit Blumen bemalte Bühnenwand von Akt zu Akt weiter nach vorne bis zuletzt - auf der Bühne wie im Leben für Katja Kabanova - kein Raum  mehr vorhanden ist. Sie steigt, endlich von ihrem ausweglos vereinsamten Dasein erlöst, in die ewig fließende Wolga, die der hochgefahrene Orchestergraben symbolisiert -ein wenig überraschend, aber nicht gänzlich unpassend symbolisiert.

Katja Kabanowa, die in einer unglücklichen Ehe Gefangene, aber sitzt entweder gramgebeugt oder mit letzter Kraft aufrecht die ganzen pausenlosen anderthalb Stunden auf einem Stuhl an der rechten Bühnenseite, wie festgekettet in der armseligen Verbindung mit dem willensschwachen Tichon, der wie sie unter der Knute seiner tyrannischen Mutter leidet. Beider Aufbegehren ist nur schwach, sie haben sich in ihr Schicksal einer Abhängigkeit gefügt, die hier an einer Einzelperson - eben der Gutsherrin - festgemacht wird, aber letztendlich auf eine Gesellschaftsstruktur weist, die nicht nur in Russland eine menschenverachtende Feudalherrschaft zementiert hatte.
Katja weiß, dass ihre heimliche Liebe zu Boris ein schreckliches Ende nehmen wird. Gegen ihren moralisch vorgegebenen Willen zur ehelichen Treue ( "geh nicht weg, sonst werde ich sündigen!") jedoch fühlt sie sich zutiefst zu diesem Mann hingezogen, und ihrer beider Liebe kommt mit Hilfe einer List seitens der mitleidigen und lebensfrohen Schwägerin Barbara azur Vollendung, als Tichon von der herrischen Mutter zu einer Geschäftsreise fortgeschickt wird.
Da ist nicht von Selbstbestimmung oder Auflehnung der geknechteten Frau die Rede, sondern lediglich von Leidenschaft und Angst, von unerfülltem Glück und einer Liebeskraft, die stärker ist als alle Vernunft. Für Katja, das weiß sie in ihrer idealistischen Gottesfürchtigkeit und depressiven Schicksalsergebenheit, wird die Erfüllung ihrer Sehnsucht tragisch enden.
Das alles wäre nur eine kleine Erzählung, aber sie wird hier hineinkatapultiert in die Dramatik  einer großer Leidenschaft, die gesellschaftliche Zwänge durchbricht und über menschliche Mittelmäßigkeit hinauswächst. Es ist vor allem die große Hingabe einer Frau an einen Mann, den sie liebt, vorab um die Konsequenzen ihres Verhaltens wissend. Die Erfüllung wird mit dem Tod geahndet. Katja geht diesen Weg ebenso wenig freiwillig wie sie ihrem Gefühlen freiwillig nachgab, sondern sie ist jeweils eine Getriebene - von Leidenschaft und von Schuld. Letztendlich ist sie zu schwach, um aus dem Gefängnis dieser  Knechtschaft auszubrechen. Auch ihr Geliebter, bereits im Vorgeplänkel als schwacher Neffe eines bösartigen Onkels dargestellt, hat nicht die Willenskraft, sich mit Katja für einen gemeinsamen Weg zu entscheiden und fügt sich in des Onkels Weisung, nach Sibirien zu gehen.

Aber was für ein Wunderwerk hat der Komponist aus diesem traurigen Sujet gezaubert! Er hat der Liebe und der über alle Kleinlichkeit erhabenen Natur ein Denkmal gesetzt und das Naturgesetz herausgehoben, nach dem sich Leben und Tod miteinander stets aufs Neue verbinden.   Jedes Wort, jeder Satz, jede ausgesprochene und nicht gesagte Konsequenz erlebt ihre musikalische Umsetzung in feinst gewobene Strukturen. Aus der Sprache, aus dem Geschehen entfaltet sich die Melodie, verdichtet sich mit Zärtlichkeit oder Vehemenz, begleitet die geschundene Seele, ballt sich gegen Unrecht und Zwang furios zusammen. Das Orchester lässt immer wieder die herrliche Wolga, dieses Wasser des Lebens auch nach dem Tode, an uns vorbeirauschen, plätschern, springen, und verleiht den Spannungen der jeweiligen Situation eine einzigartige Kraft. Und das ist das Seltsame an Janaceks Musik: Selbst, wenn das Geschehen in seiner Grausamkeit kulminiert und die arme Katja zu vernichten droht, bleibt der Klang vorauseilend versöhnlich, verbindet seelischen Aufruhr sogar mit zärtlich-zarten Visionen, wie um zu zeigen, dass die reine Seele nicht zum Kämpfen fähig ist und der Geist sich letztlich nicht von irdischen Widerwärtigkeiten vernichten lässt.

Thalheimer hat mit seiner eigenen Zurücknahme der Musik den Vortritt gelassen, das ist ein kluger und einfühlsamer Weg. Aber er hat die Menschen da oben auf der Bühne noch in eine Zwangsjacke gesteckt, die die Aufführung seltsam steif und abstrakt macht. Wenn  es um Menschen geht und diese ihre Gefühle voll entfalten sollen, dann brauchen sie Bewegungsfreiheit und Spielraum. Und dann könnte sich auch die Gedankenfreiheit, die ja bereits im Ansatz vorhanden ist, daraus   in einer neuen Perspektive entfalten. A.C.