Kauf dir ein Kind

von
Thomas Zaufke (Musik)
und Peter Lund (Text)

 

Frech, frisch, fröhlich und frivol 


 Koproduktion mit der UdK Berlin

Neuköllner Oper

Inszenierung: Peter Lund, Musikalische Leitung: Hans-Peter Kirchberg/Tobias Bartholmeß;
Choreographie: Newa Howard;
Ausstattung: Daria Kornysheva

 

mit: Andreas Röder (Pino); Jeanette Claßen (Felicity), Juliane Dreyer (Kristin); Sebastian Smiulders (Mark); Camilla Kallfas (Kitten); Franciso del Solar (Fox);
Lars Redlich (King);
Karolina Kubiak (Pearl)

 

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Thomas Zaufke hat ein flottes Musical mit tollen Beatrhythmen geschrieben, das Newa Howard in eine schwungvolle Choreographie umgesetzt hat, die einmal mehr beweist, wie viele Talente ein Musicalstar besitzen muss, um auf der Bühne bestehen zu können. Ein mitreißendes Orchesterteam  versteht unter bewährter Leitung  der Herren Kirchberg und Bartholmeß das Ensemble taktsicher zu lenken.

Und Peter Lund ist es gelungen, ein schwieriges Thema so leicht und locker, so lebendig, witzig und gleichermaßen nachdenklich darzustellen, dass man nicht nur von einem Schock in den anderen fällt, sondern sogar seine Freude daran haben kann! Und obschon es im Nachklapp heißt, dass Ähnlichkeiten mit echten Personen oder Vorkommnissen ausgeschlossen seien, wird man doch die Vermutung nicht so ganz los, dass der Autor sehr wohl das Weltgeschehen und den Klatsch um die VIPS gespeichert hat...

Aber man sollte sich dieses Spektakel selbst ansehen und dann seinen Assoziationen freien Lauf lassen; denn hier dreht sich - wie im richtigen Leben - alles um Liebe, Leid und Menschlichkeit. Da ist das Thema Kinder - die Einen haben welche, die Anderen nicht, für die Einen ist die Familie die wahre Freude, für die Anderen steht die Karriere im Vordergrund. Und überhaupt, darin sind sich wohl alle einig, Kinder aufzuziehen, das ist schon eine schwierige Angelegenheit. Aber da gibt es ja (gentechnisch in den USA seit vielen Jahren praktiziert) das Kind nach Maß, mit allen Eigenschaften, die man sich nur wünschen kann: freundlich, liebevoll, intelligent, hübsch und handlich - und einfach per Knopfdruck zu steuern. Das heißt: reparabel, kompatibel, je nach Bedarf. Das Glück von Kristin und Mark scheint vollkommen, als ihnen die geschäftstüchtige Felicity im Katalog das Kind ihrer Träume verkauft. Und dieser Pino ist ein wahrer Prachtkerl. Natürlich ist er auch mit Andreas Röder eine Starbesetzung, der, unberechenbar, wie der Kobold Pinocchio, mit großen dunklen Knopfaugen und artistischer Behändigkeit streng nach Computer-Vorgabe von den Erwachsenen einfordert, was ihm als Kind zusteht: Liebevolle Betreuung, ein harmonisches Familienleben, Fürsorge und Verständnis. Doch auch das alles gibt es, genau wie das ideale Kind, nur in der Software.

Seine neue Mama, die Juliane Dreyer als coole, überanstrengte und nervige Karrierefrau bestens karikiert, sucht eigentlich gar kein Kind, sondern jemanden, der ihr Kraft und Zärtlichkeit gibt. Doch das begreift sie erst, als sie am Ende allein dasteht. Während der zarte Papa, völlig überfordert von seiner vitalen Gattin, sexuelle Befriedigung im professionellen Vergnügungsgewerbe sucht. Er könnte mit Sebastian Smulders nicht hilfloser als der Typ des "neuen Haus-Mannes" gezeichnet werden. Als Klasse-Paradenutte stiefelt Camilla Kallfaß kaltschnäuzig, doch mit großem Herzen, jäh in die gute Stube dieser neuen Familiengründung und bringt nicht nur die neurale Steuerung des kleinen Pino kräftig durcheinander.
Die Geschichte zwischen Menschen und Maschinen nimmt ihren Lauf. Brutal ist das Milieu der Zuhälter und Dirnen hier gezeichnet- mit den famosen "Miezen" Kitten und Pearl (Karolina Kubiak), die sich später in eine ideale Barbie-Marionette verwandelt, und die alle Verhaltensmuster, die sich in Männerträumen manifestiert haben (Mutter, Geliebte, Psychologin), auf Band gespeichert hat.
Perfekt funktioniert auch die stets lächelnd sanfte Felicity, die von Jeanette Claßen hinreißend mit professionellem Charming gespielt wird, so dass ihr Reiz beinahe von einem Band gesteuert sein könnte... Denn was unterscheidet ihr Funktionieren von dem der brutal geprügelten Dirnen, die von ihren Zuhältern Fox (Fransisco del Solar) und King (Lars Redlich) derart schikaniert werden, dass es einem fast das Herz umdreht? Hier werden die Mädchen wie Maschinen behandelt, während die Maschinen besser "gepflegt" werden als die Menschen.

Doch wer kann die Puppen bedienen, wenn der große Crash einsetzt? Und der findet leider jeweils statt, wenn die Anforderungen der echten Menschen an die Möglichkeiten der Computermenschen mit Moral und Gesetz nicht mehr übereinstimmen; Die Vorstellung, dass ein innerer Draht zu glühen beginnt und dem Geschehen jäh ein Ende setzt, wenn unser Handeln mit unseren moralischen Gesetzen nicht mehr kompatibel ist, zeigt eine geniale Variante für alle Bereiche der menschlichen Gemeinschaft auf. Allerdings können ja gute Techniker jeden Schaden in Ordnung bringen - es sei denn, die Liebe trägt den Sieg über alle Drähte und künstlichen Leitungen davon...

Wie gewohnt, wieder eine Vielzahl bizarrer Gedankengänge, die Peter Lund in diesem Musical anbietet, und die er mit Witz und Furore gewürzt hat. A.C.