Kommander Kobayashi

eine Opern-Saga 

von  Novoflot

 

  

 Auf der Suche nach neuen Welten - Gott - und uns selbst

 

 

   

eine Produktion von Novoflot

mit der Hamburgischen Staatsoper

und Sophiensäle Berlin & dem Festival für Neue Musik

Idee und Konzept: Sebastian Bark, Sven Holm;

Texte: Tobias Dusche

Musikalische Leitung: Vicente Larranaga

Regie: Sven Holm

Bühne: Leonie von Arnim

Video: Phillip Kießling, Alexandra Grieß u. Carsten Schmidt, Jo Rychlik

Kostüme: Bettina Latsha

Dramaturgie: Sebastian Bark

Mit Sibylle Fischer,Mezzosporan,

Guiseppe Giuranna,( ein Gebärdenkünstler und das alter ego des Kommandanten)

Julia Henning, Sopran,

Soichi Kobayashi, Bariton/Tenor;

Meik Schwalm, Bariton,

Hanna Dora Sturludottir, Sopran

Jörg Wilkendorf, Sologitarre, Sprecher

 

 

 

 

 

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Schon der titelgebende Name klingt geheimnisvoll, dabei ist er eben wegen seiner fremden Klangschönheit entstanden. Es könnte auch ein anderer, x-beliebiger Name sein, der für eine gleichermaßen nach innen wie außen wirkende Kraft steht. Kobayashi, das ist der Lenker des Raumschiffs Menschheit, in dem sich vier Persönlichkeiten, vier Astronauten auf einer Reise zu sich selbst, in das Archetypische ihres Unterbewusstseins befinden. Sehr metaphysisch, sehr deutungsschwer und sinnfällig sind die Gedanken, die allen Assoziationen freie Bahn lassen und aber dennoch das Spiel vorwärts bewegen – oder doch nur im Kreis, in einer sich wellenförmig ausbreitenden Zeit, die im Irgendwo endet?

Musikalisch ist das Geschehen um den Flug der Evolution nicht minder spannend und aufregend wie der sich in drei Akten entwickelnde, verwirrende Handlungslauf. Da ist, wie gesagt, zum einen der Führer des Raumschiffs, Kobayashi, von einem japanischen Sänger gleichen Namens gespielt, der zwischen Bariton und hohem Tenor genau auch die Spannbreite seiner Existenz ( oder Nicht-Existenz) zu verkörpern versteht – ein Lenker aus einer anderen Welt oder der Lenker d e r Welt? Er ist nicht wirklich präsent, löst sich auf, um sich wieder neu zu schaffen, er ist nicht fassbar. Aber die Astronauten glauben an ihn und seine Führungskraft, bis sie merken, dass allein sie selber es sind mit ihren eigenen Fähigkeiten, Wünschen, Hoffnungen, Ängsten, die „ihr Schiff“ aus der Gegenwart in die Zukunft lenken... Für die beiden großen Sopranistinnen „Go“ (Hanna Dora Sturdottir) und „Tii“ (Julia Henning) sowie für das nichtsnutzige kleine Monster „Scabble“ (die Mezzosopranistin Sibylle Fischer) und „Ma’“, (Meik Schwalm) der seinem kräftigen Bariton die quäkende Weltraumsprache eines Roboters entgegensetzt, ist die Musik ihr Ausdrucksmittel. Denn ihre Sprache besteht letztlich nur aus Wortschnipseln, einem Multikulti- Kauderwelsch mit angedeuteten Phrasen.

Die vier Kosmonauten sind Charaktere, Persönlichkeiten, die für verschiedene menschliche Eigenschaften stehen: Go“ ist die liebende, zur Verteidigung bereite, aber letztlich hilflose Frauenfigur, die angesichts der Gefahr – nämlich als ein Komet auf das Schiff zurast – nicht die Kraft aufbringt, zum Kommander durchzudringen. Ein bisschen vermutet man hier die Anlehnung des Autors an Franz Kafka, der ja auch auf seiner Suche nach Gottes Hilfe stets vor verschlossenen Türen steht... Neben der Träumerin „Go“ steht die geheimnisvolle „Tii“ – man traut ihr nicht, denn sie gibt ihre Identität nicht preis. Alle lieben und fürchten das Geheimnisvolle an ihr, denn sie hat – in den Augen und im Fühlen der anderen – die Kraft, den Kometen, die Gefahr, die von außen droht, zu lenken, abzulenken. Das kann Tii tatsächlich, aber nur bis zu dem Augenblick, als sie das Vertrauen der anderen verliert. Das aber braucht ein Mensch, um sich entwickeln, um wirken zu können. Erst als Tii sich von der Lähmung und der Identitätskrise befreit und wieder sie selbst wird, kann sie den Kometen zerstören.

Auch der Mann in dieser Runde, ist ein Ebenbild der Menschheit – er ist Vater und Mutter-Figur zugleich, Betreuer, Bewacher, Beschützer, Poet und Dichter. Er weiß, mit dem Feind umzugehen; Er kennt die Macht des Bösen, er kennt vor allem die eigene Kraft und den Mut; er stellt sich dem Schicksal und rettet die anderen.

Eine unendliche Geschichte, voller Phantasien und Anspielungen auf Science Fiction, auf Sinn- und Gottsuche, Philosophie, Psychologie. Sie dauert drei Stunden und zwei Pausen und bietet in den drei Bildabläufen völlig verschiedene Perspektiven an. Immer aber ist es das Grundthema, das die Autoren und die verschiedenen Komponisten zu fassen versuchen, wobei sie sich in viel zu vielen Einzelheiten und Ideen verhaken und verhaspeln: Wohin treibt die Menschheit mit ihren technischen und wissenschaftlichen Turmbauten zu Babel, ihrem unermesslichen Drang, zu sein wie Gott, die Schöpfung selbst in die Hand zu nehmen ( unendlich viele Kabayashis zu klonen...), den Lauf der Gestirne (Kometen) zu erforschen und zu beeinflussen, um dann vor hilflos vor den Konsequenzen zu stehen, die jeder Forschung auf dem Fuße folgen... Doch das Streben zur Allmacht wird misslingen, denn der Mensch erfährt letztlich doch nur seine Ohnmacht, seine Begrenztheit in einem grenzenlosen Weltall. –

Vorzüglich fängt das Orchester diese Spannung ein, lässt Sphärenklänge nicht mehr sanft und hold erblühen, sondern zeigt die Evolution und unser sinnsuchendes Streben explosionsartig, widerwillig, kratzig, aufgerissen, schmerzhaft. Der Mensch soll seine Begrenztheit im unbegrenzten Kosmos erfahren, erfühlen und verarbeiten. Der Tod wird der Menschheit ihre Endlichkeit vor Augen führen, aber es wird auch ein neuer Anfang sein, wenn wir – die Kosmonauten auf unserer Flugbahn - unsere Mission begriffen haben.

Ein sehr langer, anstrengender Abend, aber Denk- und Höraufgaben sind immer anstrengend. A.C.