Konzert der Preisträger

2008
Bundeswettbewerb
  Gesang

 

 

Neue Diener einer hehren Muse

 

 

Deutsche Oper

 

Orchester der Deutschen Oper, Leitung: Daniel Klajmer;

Moderation: Roger Willemsen;

mit: Sophie Witte, Annika Sophie Ritlewski, Anne-Theresa Albrecht, Marie-Luise Dreßen, Denise Schönefeld, Julian Orlishausen, Sophie Harmsen, Julia Amos, Tareq Nazmi, Michael -Laurenz Müller, Ania Wegrzyn

 
Jung, schön und begabt - und doch sind sie nur wenige von vielen, die sich im Kampf um ein Engagement an einem der zahlreichen in- und ausländischen Opernhäuser der Konkurrenz ihrer Mitbewerber stellen müssen. Voraussetzung sind: eine hervorragende Ausbildung, die ständig noch durch neue Meisterkurse ergänzt wird, ein sicheres Auftreten, eine gute Ausstrahlung und die Bereitschaft, immer wieder von neuem in die Rollen hineinzuwachsen, sich zu verausgaben, ohne der Stimme Schaden zuzufügen. Die Kriterien nach denen die Jury - bestehend aus Mitgliedern des Ehrenpräsidiums, des Kuratoriums und des Fachausschusses alle zwei Jahre in Berlin den Nachwuchs der deutschen Gesangselite begutachtet und bewertet, sind vielschichtig und ganz sicherlich nicht in einem schnellen Durchlauf zu erfassen. So bewarben sich insgesamt auch 228 Künstlerinnen und Künstler, 48 von ihnen glückte der Einstieg ins Finale, und elf standen am letzten Abend auf der Bühne, um sich mit ihren Lieblingsarien einem großen Publikum und der Jury noch einmal eine Kostprobe ihres Könnens zu geben. Der Lohn harter Arbeit, mancher Aufregung, Hoffen und Bangen hat sich letztlich ausgezahlt: denn ihnen allen winken außer der Ehre zudem Engagements, Geldpreise und Stipendien. Roger Willemsen plauderte amüsant-charmant aus dem Nähkästchen der alten Meister und wusste, wie einst Victor von Bülow in seinen   tiefschürfend heiteren Opernanalysen, nicht nur das Publikum zu erfreuen, sondern auch den Sängern das letzte Lampenfieber zu nehmen. Dennoch: wer die Nummer eins und die Nummer elf in der Reihenfolge des Auftritts gezogen hatte, hatte schon mit einiger Aufregung zu kämpfen, umrahmten diese beiden Damen doch ein sehr buntes, nuanciertes Kaleidoskop einer hochtalentierten Konkurrenz. 

Natürlich machte Willemsen es spannend  mit der Verkündung der Placierung der ersten Preisträger, und erfreulicherweise gab ein locker entspanntes Orchester unter dem furiosen Dirigat von Daniel Klajner den Sängern Sicherheit mit seiner ermutigenden, einfühlsamen Begleitung, so dass man gewillt war, den Ernst der Konzertdarbietung beinahe zu vergessen und sich nur noch dem Klang der jungen frischen Stimmen und dem Anblick der schönen Kleider und den schmucken Fräcken der Herren hinzugeben. Wer weiß, ob jemals wieder einer der rigoros herrschenden Regisseure den Sängern erlauben wird, in ihren minimalistischen Inszenierungen so kleidsam aufzutreten...

Für die Zuhörer dieses Abends im vollbesetzten Opernhaus und auch für die Jury, die im ersten Rang wachsam auf ihrem Beobachtungsplätzen residierte, stand wohl ohne Zweifel sehr schnell fest, wer den ersten Platz und damit den Preis von 10 000 Euro (des Reg. Bürgermeisters) erhalten würde: Die 26jährige Sopranistin Denise Schönefeld aus Berlin. Sie hatte nicht nur ein Heimspiel, sondern überzeugte mit einer Naturstimme, wie man sie selten hört: kraftvoll und nuancenreich ausschwingend, dramatisch, aber gleichzeitig sanft und betörend alles und jeden umhüllend, eingebunden in so starke Emotionen, dass sie Eis zum Schmelzen und Steine zum Erweichen hätte bringen können. Sie sang aus der verkauften Braut von Friedrich Smetana die wohl unpassendste Arie, die sie sich hätte aussuchen können - alle anderen, Wagner, Verdi, Puccini, sie alle sind ihr auf den Leib geschneidert, und die Rollen werden vor ihr herpurzeln, so dass sie sie nur aufzuheben braucht. Solche Stimmen sind rar und kostbar, durchströmen mühelos weite Konzertsäle und müssen ihre Besitzerin stets daran gemahnen, welch ein Talent ihr gegeben ist und wie sie es verwalten und hüten soll.

Im Reigen der aufstrebenden jungen Sopranistinnen bestach Ania Wegrzyn, 25 Jahre, aus Hannover, und als letzte der vortragenden Teilnehmer spielte sie souverän und bravourös mit den schwierigen Koloraturen aus Rossinis "Il Barbiere di Seviglia" (Una voce poco fa), zeigte saubere Kantilenen und eine sichere Technik. Sie wurde als zweite Preisträgerin mit 8000 Euro bedacht und gleichermaßen ausgezeichnet für den besten Vortrag einer zeitgenössischen Komposition, den dieser Abend im Gegensatz zu den vormaligen Veranstaltungen leider nicht enthielt.

  Aber auch die dritte Preisträgerin (6000 Euro) wurde mit einem Zusatz geehrt, der ihr gut gefallen wird: Verbunden mit 6000 Euro sind ein Stipendium des Richard-Wagner-Verbandes Bayreuth zum Besuch der Bayreuther Festspiele 2009: Die Hamburgerin Annika Sophie Ritlewski, 25, zeigte eine ungewöhnlich zarte, sensible Manon, die sich in hingebungsvoll in eine Frauenrolle hineinversetzte, die viel gesungen, noch öfter strapaziert wird und nur selten ihre seelenvolle Vielschichtigkeit als Liebende, Verführerin und Ausgestoßene in vollendeter Darstellung erfährt.

Wie auch immer nun die Jury entschieden hat, auch die übrigen Teilnehmer in diesem großen Finale zeigten so viel Individualität und Möglichkeiten einer Rollenausgestaltung, dass man um ihre Zukunft wohl nicht bangen muss. Viel Beifall gab es für den wunderbaren vollen, noch nicht ganz ausgereiften Sopran von Sophie Witte; auch die leicht tief angesetzte Mezzo-Partie von Anne-Theresa Albrecht, die Camille Saint-Saens Dalila schön schauerlich transparent darzustellen verstand, stand im Widerhall großer Frauenrollen.   Marie-Luise Dreßen brachte mit der schwierigen Partie von Richard Strauss' Ariadne auf Naxos "Sein wir wieder gut" die Oper seria überzeugend zur Geltung. Ihr folgte erstmals ein Sänger: Auch von Julian Orlishausen, der als Graf Almaviva in  "Le Nozze di Figaro" mit sonorer Noblesse und einem klangvollen Bariton eine überzeugend gute Partie bot, wird man noch hören. Sophie Harmsen hatte sich die wohl schönste Arie Mozarts ausgewählt, "Sagt, holde Frauen", des Cherubino aus eben derselben Oper, und wagte damit viel: denn dieses so bezaubernde, von einem verspielten Jüngling wie eine schillernde Seifenblase in die Luft gepustete Liebeswerben, das so wenig verbindlich ist, wie die erste Frühlingssonne, hat einfach seine Tücke in seiner unübertroffen kunstvollen Leichtigkeit.

 Julia Amos, durfte mit "Ach ich liebte" die kluge Constanze aus "Die Entführung aus dem Serail" ihre Mozartliebe mit superfeinen Trillern garnieren und den Reigen der vielen, hervorragenden Mozartinterpretinnen weiterhin komplettieren. Dann kam Tareq Nazmi, ein beweglicher, schlanker junger Bass, der - neben Denise Schönefeld - mit einer hervorstechenden, eigentlich aber selbstverständlichen, Begabung überraschte: als absolut souveräner Buffo, ein Harlekin der Ernsthaftigkeit, ein Held der komischen Rollen, bewies er ein absolut natürliches Schauspieltalent. - Dass Michael Laurenz Müller in seinem jungen Leben bereits als Trompeter erfolgreich war, bevor er sich für eine neue Karriere als Tenor entschloss, zeigte einmal mehr die Eigenwilligkeit aller Lebensläufe und Schicksale. Er konnte seinen sicher als Liedsänger hervorragend ausgebildeten Tenor zuweilen so kraftvoll steigern, wie es wohl nur einem Instrumentalisten seiner Art möglich ist und damit auch seine Eignung für das dramatische Fach anbieten. A.C.