La Périchole

von
Jacques Offenbach
(1819-1880)

 

 

  Sonntagnachmittagvergnügen

 


Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy

Berliner Ensemble

bearbeitet nach der Übersetzung von Heinrich Voigt

Regie und Bühne: Thomas Schulte-Michels, Musikalische Leitung und Arrangement: Uwe Hilprecht; Kostüme: Tanja Liebermann, Chorleitung: Michael Nündel, Choreografie: Norbert Steinwarz
mit: Dagmar Manzel, Daniel Friedrich, Veit Schubert, Martin Schneider, Michael Rothmann, Christophjer Nell, Uli Pleßmann, Roman Kaminski, Franziska Junge, Ankel Engelsmann, Ursula Höpfner-Tabori, Chor und Orchester

 

 

 
Nein - Jacques Offenbachs komische Oper "La Périchole" (Die Straßensänger-in) findet nicht in der Komischen Oper, sondern im Berliner Ensemble statt, was die gestrengen Puritaner des politischen Brecht-Theaters gerne als verwerflich bezeichnen möchten. Richtig allerdings ist, dass die Berliner Theater und Opern zunehmend ihr Profil ins Beliebige ausweiten, um die Kassen und Stuhlreihen zu füllen. Das mag bedauern, wer sich auf eine einzige Lesart von Oper und Theater konzentrieren möchte und nun ob der leichten Muse im BE, dem inszenatorischen Allerlei an der Komischen Oper oder den sich uferlos ausdehnenden Phantasien in der Deutschen Oper in Verwirrung gerät.

 Nun also ein leichtfüßig daherschwebendes, sicher in Lust und Freude 1868 in Paris uraufgeführtes kleines Musikspiel, in dem ein allmächtiger Vizekönig auf der Straße ein müdes und schönes Mädchen entdeckt und es zu seiner "Hausdame" machen möchte. Doch davor hat seine Regierung selbst einen Punkt gesetzt: Es dürfen nur verheiratete Frauen im Palast "beschäftigt" werden. Nun beginnt ein hübsches Verwirrspiel nach Art der Commedia dell'arte, und dementsprechend hat Tanja Liebermann auch die absichtlich schrecklich abstrus singenden Schauspieler für diese hübsche Farce gesteckt: schön streng in schwarz-weißen geckige Kostümen mit aufgetürmten Jellinek-Tollen und so gruselig geschminkt, dass sie allerdings eher an die Rocky Horror Show erinnern als die lockere Commedia. Die begehrte Protagonistin in diesem Spiel allerdings ist durchaus kunterbunt, fast wie Pippi Landstrumpf, ein mädchenhafter Clown mit geringelten Leggins, Pullover und Umhang. Als blonder Strubbelkopf wirbelt "La Périchole" über die Bühne und durch das Leben von zwei Männern, die ihr ebenso zu Füßen liegen wie ihre Berliner Fans.
Dagmar Manzel zeigt sich wieder einmal in Höchstform als singendes und spielendes Multitalent. Diese Berliner Columbine weiß um ihre Ausstrahlung und Anziehungskraft. Eine Zauberkünstlerin, die je nach Bedarf die entsprechenden Register ihrer Verführungskünste zieht: mal einschüchternd ordinär, dann zärtlich wild, surrend, gurrend, röhrend und fauchend je nach Gemütslage und Situation kokett und trotzig stark. Sie säuft wie ein Mann, weiß sich aber besser zu beherrschen als ihr Liebster, der ihr jäh, man ahnt es, als Bräutigam zugeführt wird. Ironie des Schicksals: die Vasallen des Vize, nämlich Bürgermeister und oberster Kammerherr, haben den Erstbesten aufgegriffen, unter Alkohol gesetzt und vor den Notar geschleppt. Und das ist nun just Piquillo, ebenfalls hungernder Straßenmusikant, Partner und Verlobter, der gerade über den kryptischen Abschiedsbrief seiner Braut rätselt.

In dieser turbulent inszenierten Kostümshow um Liebe und List, Dummheit der Männer und Raffinesse der Frauen, gibt es herrlich skurril gezeichnete Typen, die natürlich ohne die Vorlage des Bühnenzauberers Harold Wilson nicht denkbar wären und mit ihm bis in alle Ewigkeit wohl Einzug am BE gehalten haben: In Glitzerfähnchen und Animierkleidchen verzurrte Mädchen dienen als drei "Cousinen" eines gefälligen Etablissements, in dem der Vize zu verkehren pflegt. Natürlich anonym. Und Veit Schubert, mit unglaublichem Sanftmut und tollen Grübchen, mit denen er sein Liebeswerben auf Erfolgkurs glaubt, ist ebenso tölpelhaft in seiner verliebten Einfältigkeit wie grausam in seinen absoluten Machtausübung. Er verguckt sich netterweise nicht nur in das ungewöhnliche Mädchen, das da hungrig vor seinen Füßen kauert, sondern auch in die temperamentvolle Aufrichtigkeit der Schönen, die ihm klipp und klar erklärt, was sie von den Herrschenden hält. Der Vize ist entzückt, hörte er doch bislang auf seinen scheinbar geheimen Erkundungsausflügen a la Kalif Harun al Radschid nur mehr Schmeicheleien und Heucheleien. Was er sympathischerweise ziemlich widerwärtig findet. Und nun dieses ehrliches Naturkind, die ihn dafür aber recht durchtrieben auf ganz anderer Ebene kräftig an der Nase herumführt.

Weniger auf Sammetpfötchen, dafür wutgeladen erwacht Piquillo am nächsten Morgen aus seinem Alkoholdusel und sieht sich nicht nur als Ehemann, sondern im Gegensatz zum Vortag, wo er der echten Wahrnehmung nicht mehr fähig war, erkennt er jetzt auch, wer die Gattin ist und ist entsetzt, als ihm die drei Cousinen im schönsten Terzett ( ein prima Gag: wie Mozarts Damen in der Zauberflöte!) die Wahrheit zuzwitschern: Der Vize will seine Frau zur Maitresse machen und er soll mit dem Barontitel abgefunden werden. Doch Piquillo ist ein rauher und aufrechter Mann des Volkes, unfähig Intrige und weibliche List zu erkennen. Und zerschlägt er die listenreiche Brücke, die seine jäh vom Bühnenhimmel im überlangen weißen Brautgewand herabschwebende Braut ihm baut, beleidigt rasend in blinder Eifersucht alle um ihn herum und wandert dafür in den Knast. Die arme Périchole muss nun sehen, wie sie ihn da wieder herausbekommt, gleichzeitig den liebeshungrigen König hinhalten und noch Kapital für sich und ihren Ehemann herausholen.

Das Spiel lebt natürlich von der Finesse dieser Frau und der Begriffsstutzigkeit der Männer, von blitzschnell wechselnden Szenen, raschen Dialogen, hintergründigen politischen Spitzen und natürlich den eingängigen Offenbachschen Schmankerln, wie sie gern in   Sonntagnachmittags-Wunschkonzerten gespielt werden. Hier werden sie von den beiden Dirigenten und Pianisten gleichermaßen zügig vorangetrieben, ohne sich von den musikalischen Missklängen auf der Bühne beieinträchtigen zu lassen. Man ist nun wirklich nicht in der Oper. Und schrill soll es ja in jeder Hinsicht sein. Und wenn der Schluss auch ein bisschen verquer und mühsam daherkommt ( der Komponist selbst fand die Dramaturgie auch nicht so berauschend und arbeitete ein paar Jahre später die zwei auf drei Akte um, was aber noch immer unbefriedigend ist), so ist man von der Inszenierung Thomas Schulte-Michels doch recht angetan. A.C.