Das Land des Lächelns

von
Franz Lehár

 

 

Zwischen Liebe und Despotismus

 


Komische Oper 

Musikalische Leitung:
Kirill Petrenko;
Inszenierung: Peter Konwitschny;
Bühnenbild: Jörg Koßdorf; Kostüme: Michaela Mayer-Michnay;
Choreographie: Bettina Bartz, Ingo Gerlach;
Chöre: Robert Heimann, Licht: Franck Evin
mit: Hans-Martin Nau (Graf Ferdinand Lichtenfels), Tatjana Gazdik (Lisa, seine Tochter); Tom Erik Lie (Graf Gustav von Pottenstein); Barbara Sternberger (Excellenz Hardegg), Stephan Rügamer (Prinz Sou-Chong); Karen Rettinghaus (Mi, seine Schwester)=; Jens Larsen (Tschang); Peter Renz (Obereunuch) u.a.

Orchester der Komischen Oper, Solo-Violine: Igor Malinovsky

 

 

 

 

 
 
Generalmusikdirektor Kirill Petrenko beginnt mit Paukenwirbeln und Donnerschlägen, der skandalfreudige Regisseur Peter Konwitschny mit süßlichem Operettenambiente, das die Damen und Herren in historisch getreue Kostüm- und Perückenpracht kleidet sowie in nichts sagendes Geschwätz. Im Mittelpunkt steht die flotte Gräfin Lisa, die von Beginn an ihre Sonderrolle deutlich macht: Im Gegensatz zu der farbenfrohen und rüschenbehangenen Dekoration der höfischen Gesellschaft gleitet diese tolle Dame im erotischen schwarzen Reiterdress eine dünne Kletterstange hinunter und wird von dem Grafen Gustav mit einem riesigen roten Rosenbukett glutvoll empfangen. Dessen Liebes- und Farbenrausch verlischt, nicht aber die Hoffnung, als er sich, brüsk abgewiesen, in die zweite Reihe trollen muß. Denn die schöne Gräfin hat ihr Herz für den seltsamen exotischen Gast aus China, den Prinzen Sou-Chong, entdeckt, der galant mit den Hofdamen turtelt und sich auf der Bühne mit der Gräfin inniglich verschlungen wälzt, bis der Kapellmeister beide zur Ordnung ruft. Schließlich soll hier nicht nur leichtlebig herumtändelt, sondern stilvoll gesungen und die traurige Geschichte einer unpassenden Liaison aufgeführt werden... So weit, so gut, Operetten-Theater aus der Belle Epoche eben.

Während noch die Geigen seelenvoll schmachten, kündigen Trommeln und Trompeten im 2. Akt  bereits voll düsterer Ahnung die heraufziehende Gefahr an, weicht der Wiener Charme auch musikalisch der rüden Wirklichkeit und starren Tradition eines vor-maoistischen Chinas, das sich nicht weniger martialisch in der steifen, drohenden Figur des dogmatischen Prinzen-Onkels Tschang aufrichtet. Ein käfigartiger Bau, dessen mit Jalousien verhangene Fenster für jeden erkennbar die Sicht ihrer Bewohner nach außen wie nach innen versperrt, öffnet sich nur zeitweilig, um die eingepferchten Menschenmassen wie Tiere in Käfighaltung vorzuzeigen. „Wie es da drinnen aussieht, geht niemanden etwas an“ wird irgendwann der in das höfische Leben ebenso eingezwängte Prinz klagen, und der Regisseur hat dessen Herzschmerz auf das ganze Reich des Lächelns wie auf jedwedes Regime der Unfreiheit projiziert.

Seltsam zeigt sich auch dessen Humor. Denn für die chinesischen Machthaber hat der theatralische Aufmarsch der europäischen Despoten vergangener Jahrhunderte einen gelungenen Unterhaltungswert: Als Neandertaler, Barbarossa, Stalin, Hitler, Idi Armin und „Onkel Sam“ (wo bleiben der Ajatolla Chomehnii, der Massenmörder Saddam Hussein u.a.?) verkleidet, bekriegen sich chinesische Mandarine mit Keulen, Kanonen, Feuerwaffen und Atomzündkapseln. Offensichtlich hat man an diesen obskuren Schreckensgestalten und ihrem menschenverachtenden Vernichtungsspiel einen Heidenspaß. Das Ganze soll wohl deutlich machen, wie selbstbewusst sich die neue (und alte) asiatische Großmacht in ihrer Position und in der legitimen Nachfolge Europas sieht? Zudem scheint die Menschheit stets gewillt, die Augen vor dem Unheil zu schließen, solange es Brot und Spiele für sie gibt. (Lehár schrieb an diesem Stück zwischen den beiden Weltkriegen 1923-29)!

Wer das alles nicht so berauschend findet, ist unter anderen auch die schöne Gräfin, die zudem noch dulden muss, dass ihr Gemahl sich vier weitere Frauen ins Haus holt, die wie vier Pferdchen aufgeputzt und vor den Karren gespannt sind und von Sou-Chong’s  Peitsche schwingend in die Runde getrieben werden, bis ihm die couragierte Lisa in die Parade fährt. Inzwischen ist ihr Graf Gustav nachgereist und wird mit den banalsten Worten der Welt begrüßt: „Ei, Gustl, was machst denn du in Kina“? Klar, dass er die Schöne zurückholen will, sich dabei in ein Techtelmechtel mit des Prinzen Schwester Mi einlässt und nun die Heimreise betreibt, allerdings ohne die chinesische Geliebte, was aber interessanterweise nicht weiter thematisiert wird. Der Prinz, offensichtlich zwar voller Kummer (...“Dein ist mein ganzes Herz“), aber einsichtsvoll, genehmigt die Entscheidung von Lisa und Gustl, doch leider nur scheinbar. Und so werden die beiden tückisch gemeuchelt, noch bevor sie sich umgedreht haben.
Der Regisseur meint, in den letzten Akt noch einen Text von Heiner Müller einstreuen zu müssen, um auf das Elend der Flüchtlingsfrauen in aller Welt hinzuweisen. Dieses Bild kommt ein bisschen befremdlich daher, wie überhaupt die Einfälle überborden und die Inszenierung nicht „moderner“ machen. Das Sujet wird lediglich aus der mahnenden Leichtigkeit und Freundlichkeit seines Genres in die Schwere eines Musicals versetzt, das ja zumeist leidvolle Schicksale und tragische Themen mit lockerer Musik verarbeitet.

So hat man das Gefühl, das Orchester stellt den Komponisten noch einmal unter vollem Einsatz seiner gesamten Möglichkeiten, ohne allzu tiefgründig und sentimental zu werden, auf seinen wohl erkomponierten Platz in der Geschichte der Operette. Doch leider auch, ohne Rücksicht auf die zarten Stimmen da oben auf der Bühne zu nehmen, von denen sich gegen die Dynamik des Geschehens hörbar an diesem Abend nur Tom Erik Lie als Graf Gustav und Karen Rettinghaus als Mi durchzusetzen vermochten.  A.C.