Le Nozze di Figaro

von

Wolfgang Amadé Mozart

 

Garantie der Liebe

 


 
Deutsche Oper Berlin

 Comedia musica in vier Akten

Dichtung von Lorenzo da Ponte nach Beaumarchais(1732-1799)

Uraufführung am 1. Mai 1786 in Wien
Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 14. Dezember 1978

Musikalische Leitung:Yves Abel; Inszenierung Götz Friedrich, Spielleitung: Gerlinde Pelkowski, Bühne: Herbert Wernicke, Kostüme: Ogün Wernick, Chöre: Thomas Richter, choreographische Mitarbeit: Rolf Warter

mit: Markus Bück, Jacquelyn Wagner, Ditte Andersen, Giogio Caoduro, Ulrike Helzel, Julia Benzinger, Paul Kaufmann, Peter Mais, Jörn Schümann, Nathan Myers, Burci Uyar, Saskia Meusel, Brigitte Bergmann

Cembalo: Douglas V. Brown; Orchester und Chor der Deutschen Oper

 

 

 
Das ist wahrhaftig nun keine Neuinszenierung - und, wie wenig es ihrer im Zweifel bedarf, wenn im überlegten Abstand das Ensemble mit frischen Sängern erneuert oder ergänzt wird, wird an der Deutschen Oper deutlich, wo man glücklicherweise hin und wieder in das Füllhorn des Repertoires greift. Mit "Der Hochzeit des Figaro" flattert ein heiterer, amüsanter, kurzweiliger Abend über die klassisch ausgerichtete Bühne (hier baut Figaro textgetreu noch an einem großen Bett!). Die liebevolle Inszenierung von Götz Friedrich besticht nicht nur durch die Klangschönheit der italienischen Sprache, sondern skizziert mit listiger neuer Übersetzung als Übertitel auch so manchen hintergründig-genialen Gedanken des Komponisten und seines Librettisten, die sich ja auf das vorrevolutionäre Drama vonPiere Augustin Caron de Beaumarchais, einem Genius im vorrevolutionären Glanz von Versailles stützen!. Denn mittlerweile ist es nun wohl ein offenes Geheimnis, dass die kurzweilig dargebotene Liebesgeschichte des Kammerdieners Figaro und seiner Braut Susanna, die um ihr eheliches Glück kämpfen, mehr ist als nur ein munterer Spaß um liebestolle Tändelei, um Treue und Untreue, um kurzweilige Freuden und lang anhaltendes Leiden: sie zeigt hintergründig den Aufbruch einer neuen Zeit, eines, modern gesagt, Paradigmenwechsels: die Ablösung des Untertan von der ihn bedrückenden und erniedrigenden Feudalherrschaft. Wenn auch vorerst nur in leisen Anfängen; so wie die Mächtigen sich, wenn auch nur zögernd, bereit erklärt hatten, auf ihr angestammtes Privileg der Brautentjungferung  (ius primae noctis) zu verzichten. Diese Neuerung war eine Ungeheuerlichkeit, denn sie garantierte den jungen Ehepaaren erstmals ungetrübtes Glück, setzte sie doch dem absolutistischen Anspruch der Leibeigenschaft im wahrsten Sinne des Wortes ein Ende!

Damit verbunden aber sind nur schwer zu bewältigende Konsequenzen, die von allen ein neues Verständnis für eine veränderte gesellschaftliche Ordnung fordern; wenn etwa, wie hier, der Graf Almaviva dennoch nicht auf sein altes Recht verzichten und die reizende Zofe Susanna gar zu gern verführen möchte; wenn die Gräfin ständig schmerzvoll an die Untreue ihres geliebten Gatten erinnert wird und nun die Hilfe des Personals in Anspruch nehmen muß, um ihre intimsten Angelegenheiten zu ordnen oder wenn die erwachte Sinnlichkeit des frühreifen Knaben Cherubino, der vor keiner Schürze halt macht, in ein maßvolles Verhalten gelenkt werden muß.

Welch köstliche verzwickte Situationen Mozart hier mit musikalischer Feinnervigkeit, Zärtlichkeit und lustvollem Vergnügen herbeizaubert, das bedarf eines, man möchte beinahe sagen, naiven, spielfreudigen, leichtherzigen Ensembles, das die Liebe - vorerst- noch wichtiger nimmt als die politischen Veränderungen. Wenn auch die nachdenkliche Gräfin durchaus erkannt hat, dass sie nunmehr der listreichen Hilfe ihrer Bediensteten bedarf, um ihren Mann zurück ins eheliche Lager zu bekommen, und dass sich der Hof insgesamt jetzt nicht nur mehr heimlich über das letzte Aufbegehren seines Herrn, zu seinen alten Privilegien zurückzukehren, amüsiert - und ihm ein Schnippchen zu schlagen imstande ist, ohne schwerwiegende Bestrafungen befürchten zu müssen. Denn wie sonst könnte sich der liebestolle Cherubino dem Befehl, augenblicklich in die Armee einzutreten, so unbefangen widersetzen, wenn ihm die von seiner jugendlichen Schönheit und Leidenschaft bezirzten Damen nicht Platz und Schutz in ihren Herzen garantierten? Und wie könnten Madame und Susanna den Grafen so offensichtlich in die Falle locken?

Dass Mozart in seinem "Figaro" die vielleicht schönsten Liebesarien,   Duette - bis hin zum Oktett - mit sich steigernder Freude am Sujet geschaffen hat, bleibt nicht nur Gewissheit, sondern ist auch zugleich ein Vermächtnis an alle Sänger, Musiker, Dirigenten, dieses Werk stets von Neuem mit so viel Verve zu gestalten, dass es nicht einen Funken seines Charmes verliert, dass die bis in alle Unendlichkeit klingenden Takte der Treue und der Sehnsucht nach jener beglückenden Macht, die man so einfach nur Liebe nennt, uns - zumindest - in der Kunst abrufbar gegenwärtig sein möchten.

Das zumindest garantiert diese Aufführung mit einer hinreißend liebenden Gräfin Almaviva (Jaquelyn Wagner), einem ebenso sexbessenen wie eifersüchtigen baritonalen Wüterich von Ehemann (Markus Brück), einer einfallsreichen Susanna, die mit zärtlich-schlankem Sopran (Ditte Andersen) alle Männer zu betören weiß, einem stimmkräftigen Figaro, der überzeugend lieben und aufbegehren kann (Giorgio Caoduro), einem lyrisch schmachtenden Cherubino (Ulrike Helzel), einer temperamentvoll mitschwingenden Marcellina (Julia Benzinger) sowie allen anderen in dieses intriganten Schäferspiel vergnüglich verstrickten Beteiligten. A.C.