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Lear
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Machtgier, Intrige, Blindheit und Wahnsinn
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mit: Tómas Tómasson (Lear), Tilmann Rönnebeck (König von Frankreich), Hans Gröning (Herzog von Albany), Christoph Späth (Herzog von Cornwall), Thomas Ebenstein (Graf von Kent), Jens Larsen (Graf von Gloster), Martin Wölfel (Edgar), John Daszal (Edmund), Irmgard Vilsmaier (Goneril), Erika Roos (Regan), Caroline Melzer (Cordelia), Elisabeth Trissenaar (Narr), Richard Neugebauer (Bedienter), Adreas Jähnert (Ritter) Chorsolisten und Komparserie der Komischen Oper
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Dank der jungen Dramaturgin, die eine halbe Stunde vor Beginn der Aufführung im Foyer auf die musikalischen Eigenarten und inszenatorischen Eigenwilligkeit dieses Stückes hinweist, die Absichten des Komponisten und des Regisseurs erklärt und die Interpretation bereits recht transparent macht, gelingt der Einstieg in diese dramatische musikalische Fassung des alten Shakespearedramas sehr viel leichter. Man sollte diese Angebote der Theater nutzen, wenn sie sich, wie in diesem Fall, nicht nur mit der Wiedergabe des Inhalts und der subjektiven Sicht des Vortragenden befassen. So stellt sich uns als erstes auf der sparsamen Bühne ein stattlicher, souverän erscheinender Lear (Tomá Tomásson adäquat) inmitten seiner herbei beorderten Familie vor. Mit getragenem, herrschaftlichen Habitus, wie es dem König gebührt, erklärt er seinen Rücktritt. Das Wohl des Landes solle nun der Verantwortung und der Obhut seiner drei Töchtern anvertraut werden. Doch da traf Shakespeare, von Reimann und Neuenfels unerbittlich umgesetzt, sogleich an den Nerv eben dieser Macht, die sich nicht so leicht von ihrem Inhaber löst, wie dieser stets meint. Sie hat ihn fester im Griff, als er es bisher wahrhaben wollte: Jahrzehnte langes Regieren haben ihn geprägt durch Neid, Missgunst, Intrigen seiner Umwelt. Enttäuschungen haben ihn überempfindlich und intolerant werden lassen, nun wittert er Verrat, wo Treue ihm entgegengebracht wird, fürchtet um seine Autorität, wo gerade diese gefestigt werden sollte. Was die aufgewühlte Musik dem König nun durch den Narren wie ein anderes, klügeres Ich einzugeben versucht, nämlich die Wirklichkeit unverschleiert zu sehen, aber prallt an dem verhärteten Mann ab: dass nicht seine beiden älteren Töchter Goneril und Regan ihn lieben, gerade weil sie dies überschwänglich, unnatürlich und melodramatisch (musikalische geradezu ins Groteske gesteigert) verkünden, sondern nur seine jüngste, Cordelia, in schmerzlich-inniges Klagen fällt, weil ihr die Worte fehlen, um dem Vater ihre Liebe zu bekennen. Zu oft ist und wird das Worte Liebe strapaziert, so häufig benutzt, dass es abgenutzt ist. Damals wie heute.
Ergo, ehe man Lears Entscheidung noch
richtig begriffen hat, peitscht die aufgewühlte Musik jetzt das
Schicksal des immer noch verblendeten Lear voran, der nun wütend seinen
Mantel zerreist und auch den dritten Teil unter die machtgierigen beiden
älteren Töchter aufteilt. Die beiden Furien katapultieren ihre
Stimmgewalt nicht nur bis in die höchsten Ränge, sondern werfen sie
gleichsam wie Fesseln um die treuen Freunde des alten Vaters, umschlingen das
Reich wie fleischfressende Pflanzen, erdrücken alle Hoffnung des Alten
auf einen glücklichen Ruhestand bei seinen Töchtern. Und so sehr ihn der
geschmeidige, mitleidende Narr auch zu trösten versucht, ihn mit
genau den Worten zu trösten versucht, die den Widersinn dieser unendlichen Lieblosigkeit
zwischen Töchtern und Vater, zwischen deren Machtgier und seiner Sehnsucht nach
Geborgenheit widerspiegelt, so sehr versinkt Lear in Verzweiflung. Als
ihm auch noch alles Persönliche genommen wird, seine Freunde, seine
Diener, sozusagen seine Alterssicherung, wird das Ganze hochaktuell. Wir wissen, dass in der Tragödie der menschlichen Blindheit alles tödlich endet; Cordelia, die ihren alten, längst dem Wahnsinn verfallenen Vater endlich trifft, als es zu spät ist, nämlich als ihr Gemahl, der König von Frankreich von Edmunds Herr geschlagen ist. Cordelia stirbt durch Gonerils Befehl und Lear an gebrochenem Herzen. Zurück bleibt der gutmütige Herzog von Albany, der schwache Gatte Gonerils, der nun das Reich führen muss - inmitten all der Leichen, der Machtgier und des Wahnsinn um ihn herum. Der Tod ist vorerst verschwunden. Er war nur Zuschauer, die Menschen taten ihr Übriges. A.C. Wer diese Kongruenz von Handlung und Musik in all der dramatischen und drastischen Unbarmherzigkeit ertragen kann, dem sei diese Inszenierung ans intakte Herz gelegt.
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