Leben ohne Chris

von
Wolfgang Böhmer (Musik) und Peter Lund (Text)

 

 

 Endlich wieder ein echter Hit!

 

 

Neuköllner Oper

Musikalische Leitung: Hans-Peter Kirchberg/Andreas Altenhof; Inszenierung: Peter Lund; Choreographie: Neva Howard; Bühne: Ulrike Reinhard; Kostüm: Claudio Aguire, Andrea Schmidt

 

mit: Tobias Bieri: Engel Michael; Christopher Brose: Chris; Magdalena Ganter: Lisa; Karoline Goebel: Nadja; Katrin Höft: Birgit; Dennis Jankowiak: Danny; Julia Gámez Martin: Anna; Hendrik Schall: Henne; Jasmin Schulz: Manu; Sebastian Alexander Stipp: Matze

 

Band: Keyboard: Andreas Weise/Peer Neumann; Drums: Kai Schoenburg/Michael Kersting; Gitarre I: Johannes Gehlmann/Michael Brandt; Gitarre II: Hossein Yaceri; Bass: Carsten Schmelzer/Adam Lenox

 
  Da stehen sie nun: Die lebens- und liebeshungrige Nadja, die zwar mit Danny geht, aber Chris liebt; die sensible und kluge Lisa, die den  klugen, stillen und hilflosen Matze liebt; Anna, Chris' feste Freundin, die ihm trotz allem die Treue hält und Birgit, Chris' ältere und gestresste Schwester, die sich für alles verantwortlich fühlt; Manu, die ein echter Kumpel ist- und dann die Jungen: Henne, der große schüchterne Freund, der zur Bundeswehr flüchten möchte; und Danny, der treueste und doch ebenfalls so getäuschte Kumpel des großen Machos Chris, und Matze, der die bösen Attacken seines Bruders wehrlos erträgt; und sie können es nicht fassen: Gestern lebte ihr Freund Chris noch, und nun ist er tot. Mit dem Moped an einen Baum geprallt, Genickbruch, sofort ex. Kein Abschiednehmen. Noch bleiben die Augen trocken, ist die Fassungslosigkeit ohne Worte. Ihr cooler Anführer ist nicht mehr da. Und er läßt sie, die Clique allein; seine intimste Freundin, seinen besten Freund und all die anderen. Doch nach und nach bricht aus dem Kummer eine lang angestaute Wut heraus, hervorgerufen durch Geständnisse, Erinnerungen, Offenbarungen - jeder hatte sein Problem mit Chris, Gründe, ihn zu lieben oder zu hassen; Aber, wer war dieser Chris?

Peter Lund hat mit seiner Abschlussklasse "Musical" der HDK monatelang an dem Thema Tod gearbeitet: Was bedeutet er für die jungen Menschen, wie können sie mit plötzlichem Verlust umgehen, vor allem, wenn es einen aus ihren Reihen, ihres Alters betrifft? Glauben Sie an irgendetwas - vielleicht an ein Leben nach dem Tod? Oder ist da nichts mehr? Und bewahrt den Verstorbenen nur eine behütete Erinnerung vor dem endgültigen Vergessen?

 Damit hat Lund mit einem ausgezeichneten Ensemble, dessen Mitglieder übrigens allesamt beachtliche Bühnenerfahrung haben (und beste Placierungen beim Bundeswettbewerb Gesang 2007 in Berlin) - eine problematische Gratwanderung gewagt, und er ist nicht abgestürzt! Die Balance hält, höchstens, dass dann und wann die Gefühle kippen: man lacht und trauert abwechselnd und gleichermaßen. Wie treffend der coole Witz der noch so überaus orientierungslosen Jugendlichen getroffen ist, ihr Sentiment, ihre scheinbare "no future"-Depression, ihre Beziehungslosigkeit, die sich in ständig wechselnden Partnerschaften ausdrückt, ihre hilflose Suche nach einem eigenen Standort und Standpunkt, die sich auch in einer schrecklichen Spracharmut ausdrückt! Ihre Weltanschauung ist flusig und so unordentlich wie ihre Betten und Gedanken; Sex und Bier  Joints und kraftvolle Musik sind ihre Aufputschmittel. Das alles bringen die jungen Schauspieler mit bestürzender Glaubwürdigkeit, explosiver Körpersprache und gut geschulten Stimmen zum Ausdruck  - und die begleitenden Musiker zum Klingen.

Mit dem Tode von Chris offenbart sich die Zerbrechlichkeit ihrer Freundschaft, die eigentlich nur durch oberflächliche Lebensgier locker zusammengehalten wird. Dass der Regisseur hier zusammen mit Bühnenbildnerin, Choreographin und einer tollen Band eine beispielhafte Musical-Inszenierung auf die  Bühne der Neuköllner Oper gestellt hat, bestätigen die beinahe stets ausverkauften Aufführungen. Und wer vielleicht daran zweifelte, ob denn diese Art der Darstellung einer jugendlichen Clique wirklich am Nabel der Zeit sei, der wurde traurigerweise durch ein aktuelles Ereignis eines Besseren belehrt: an Alkoholvergiftung starben im April 2009 zwei Berliner Schüler, vier weitere mussten stationär betreut werden. Sie hatten sich während einer Klassenfahrt in die Türkei mit billigem und gepantschtem Fusel "vollgedröhnt".

Auch in diesem Musical geht es unter anderem um Alkohol. Auf Chris letzter Party kurz vor seinem Tode, die die Clique zum 18. Geburtstag zusammengeführt hat, gehen die von ihm betrogenen, drangsalierten und verhöhnten Kumpel Chris' übersteigertem Ego an den Kragen. Er wehrt sich heftig und ausfallend, setzt die Flasche Wodka an und leert sie - aus Trotz und dummen Heldenmut - und ein ganzes Freundschaftsgefüge kracht zusammen.

Wie Lund das inszeniert hat, ist höchst beachtenswert: Er stellt nämlich Chris im Jenseits einen temperamentvollen Engel an die Seite, der blond, weiß und bodydurchgebildet eher an Tarzan erinnert als an einen sanftmütigen Himmelsgeist. Dieser vitale Michael schwingt sich mit artistischer Leichtigkeit von seiner Empore hinunter auf die unteren Ebenen des menschlichen Daseins, wo er den neuen Ankömmling noch einmal auf eine Reise zurück in die Vergangenheit begleitet. Das ist für Chris äußerst schmerzhaft - und es ist vielleicht eine Art von abgemilderter Dante'scher Höllenfahrt: nämlich sich selbst zu erkennen, sein Spiegelbild ertragen zu müssen, ungeschminkt die Realität zu erblicken, die Schmerzen und Wunden, die man sich und anderen zugefügt hat - und endlich erlöst zu werden. Wie die Darsteller jedwedes Klischee, jeden Kitsch umgehen, ist beispielhaft und natürlich dem Genre "musical" adäquat. Mit Tanz und Musik, Bewegung und passenden Soli und Chorstimmen läßt sich ein erdrückendes Drama in ein scheinbar lockeres, doch durchaus tief-, wenn nicht sogar abgründiges Werk verwandeln.

Die Erlösung kommt auf leisen Sohlen, aber konsequent: als alles in Scherben zu liegen scheint, die Beziehungen zersplittert, die Herzen gebrochen sind, da spricht die betrogene Anna die Worte, die bedeutsam sind für alle, die Herz und Ohren geöffnet haben: man kann zerbrochene Teller und Gläser nicht wieder zusammenfügen, denn es sind tote Gegenstände; aber Menschen können vergeben, neu anfangen und versuchen, die Brüche zu heilen. Denn sie leben. Und Menschsein heißt wohl, wie es hier in bemerkenswerter Weise erarbeitet und dargestellt wurde, sich den Lebensaufgaben zu stellen, an sich selbst zu arbeiten und an Schicksalsschlägen zu wachsen - oder was? A.C.