Licht 

Uraufführung

von Dea Loher (Text)

und Wolfgang Böhmer (Musik)

z.Zt. nicht im Programm

 

Kratzspuren wie Krater der Seele

 

  Neuköllner Oper 

Inszenierung: Boris von Poser

Choreographie: Annett Reckendorf

Ausstattung Thimo Platz

Sängerinnen:

Frau: Veronika Nickl

Schatten: Regine Gebhardt

Kathrin Unger

Cornelia Wosnitza

 

 

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Man sitzt so dicht, dass der Atem stockt, und es ist so heiß, dass man das Gefühl hat, zu ersticken. Es ist schrecklich, und so soll es auch sein. Denn die Frau, die da mittendrin im Morgenrock  und Haarnetz wie ein Tier im isolierenden Glaskasten-Käfig herumwandert, soll uns hautnah das Gefühl ihrer Gefangenschaft, ihrer Einsamkeit, ihrer Eingezwängtheit spüren lassen. An Leib und Seele! Und das gelingt   in dieser von Dea Loher und Wolfgang Böhmer stilsicher durchkomponierten kleinen  Kammeroper, die sich um das Schicksal einer Frau rankt, die an einer Lichtallergie zugrunde geht, weil sie die Ausgrenzung nicht mehr ertragen kann.

Ob es sich hierbei um das Schicksal von Hannelore Kohl handelt, was natürlich nahe liegt, oder das einer jedweden Politikergattin, die, von Menschenmasse und Medien ihrer Persönlichkeit entkleidet und zur Flucht in die häusliche Zelle getrieben wird, das spielt erst in zweiter Linie eine Rolle.

Erstrangig ist hier die theatralische und musikalische Umsetzung eines psychologischen Themas, das uns in spannungsgeladener Emotionalität und expressiver Verzweiflung die Qual einer ausgegrenzten Frau kundtut. Zunächst mit schnell gestoßenem Atem, von leichten sphärischen Klängen am Vibraphon begleitet (Olaf Taube/Franz Bauer), noch zaghaft und unsicher, unterdrückt, kaum das Unfassbare wahrhaben wollend, outet sich die Sängerin. Dann schreitet die Krankheit in Form einer körperlichen Verweigerung gegen jedwede Helligkeit voran, äußert sich in sehnsuchtsvollen Schreien nach Verständnis und Resonanz und gipfelt in dem Wunsch, in heller Sternennacht im pool schwimmen zu dürfen. Das hat etwas Geheimnisvolles, kaum spürbar Lustvolles an sich, etwas, was "man vielleicht nicht tut", was so geheim bleiben muss wie alle tief verborgenen Wünsche...

Wie Erynnien, dunkle Schicksalsgöttinnen, tauchen jetzt die Schatten-Sängerinnen auf, ein Dreifach -Double, Klageweiber der Nacht, Seelenverwandte der ins Dunkel gestoßenen Kreatur. Und wieder die hohe, schrille Verzweiflung in der Nervenbahn: "Jemand hat den Schalter umgedreht..." Das tief verborgene Unterbewusste wehrt sich gegen die Fesseln der Konvention und die Frau/Mann-Rollenverteilung, gegen äußere Bedrängnis und Verfolgung, kann aber letztlich die gläsernen Schranken der Gesellschaft nicht durchbrechen. An der schwarz-silbernen Wand Kratzspuren wie Krater der Seele, die aufbegehrt: " Es ist so heißt hier drinnen - ich verbrenne!" Wer hörte diesen Hilferuf - rechtzeitig, wer verstand ihn zu deuten? Rechtzeitig? Niemand erforschte die Ursachen, die Gründe für diese schreckliche Krankheit, die keinen Kontakt mehr mit irgendeinem Schimmer Licht verträgt, die eine Frau ins Dunkel der Welt verbannte bis zum selbst herbeigeführten Tod.

Der Seele dunkle Pfade verlaufen ins Nirgendwo, begleitet von schrecklichen Qualen: Verfolgungswahn, Rechtfertigungen, Rückbesinnung auf ein "glückliches Leben", festgehaltene Momentaufnahmen der Erinnerung. Dazwischen kommen Licht-Momente, die wahnwitzig, wahrheitssuchend aufflackern - wie das alte immer wieder beschworene Rollenverständnis von Mann und Frau: "Es ist immer schön, nicht im Wege zu sein...." War es das? Wo liegt die Ursache für so ein entsetzliches Schicksal, wo liegen die Grenzen zwischen Gefolgschaft und Selbstbehauptung; welchen Weg sind andere Frauen, Politikerfrauen seither gegangen? Manche sind vielleicht durch die Beibehaltung ihres Rollenverständnisses und ihrer Konventionen sogar geschützt, aber sie alle tragen letztlich doch eine Maske wie die kluge Hilary Clinton oder die jordanische Königin Nur, die im Adlon Autogrammme und Beispiel einer eisernen Selbstdisziplin im Licht der medialen Blitzgewitter gaben. Wie lange noch...

Ein großes Thema also für eine Schriftstellerin, ein gewaltige Aufgabe für einen Komponisten - andeutungsweise ist eine kleine kongruente musikalische kongruente Geschichte entstanden, die in das Sujet hineinleuchtet. Aber die Aufgabe ist letztlich zu groß für eine Kammeroper. A.C.