Lucia di Lammermoor

 von 

Gaetano Donizetti
(1797-1848)

Dramma tragico 
 

Text von Salvatore Cammarano

  Jedes Bild - ein Gemälde

Jeder Ton - eine Träne

   

Deutsche Oper 

 Musikalische Leitung: Stefano Ranzani

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin

Der Chor der Deutschen Oper Berlin

Inszenierung, Bühne, Kostüme: Filippo Sanjust

Chöre: Hellwart Matthiesen

mit:

Enrico: Vladimir Stoyanov

Lucia: Liping Zhang

Edgardo: Guiseppe Sabbatini

Arturo: Yosep Kang

Raimondo: Giacomo Prestia

Alisa: Jessica Miller

Normanno: Volker Horn

Flöte:Robert Lerch

Harfe: Virginie Gout-Zschäbitz

 

 

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 Jedes Bild: ein Gemälde - Jeder Ton: eine Träne

Gedanken zur 83. Aufführung mit Liping Zhang als Lucia

Es gibt durchaus gute Gründe, diese Inszenierung als ein Beispiel einer klassisch gelungenen Gesamtkomposition zu bezeichnen. Da sind die prachtvolle Illusionsbühne mit verschiedenen Dekorationen des romantischen Ambiente, dazu die geradezu fürstlichen Kostüme, deren kostbare Stoffe in zauberhaften Farbtönen schimmern und glänzen, dass es eine wahre Augenfreude ist. Und die kunstvoll verteilten Lichteffekte geben den liebevoll ausgestalteten Bildern ein ebenso malerisches wie märchenhaftes Fluidum. Ensemble und Orchester verbinden sich zu einem intakten Klangkörper. Das Geheimnis ist offenkundig: So wie einst Maestro Herbert von Karajan alle Operndirektoren dieser Welt zur Verzweiflung brachte, weil er darauf bestand, Dekoration und Kostüme selbst zu bestimmen und natürlich auch Regie zu führen, so verrät auch hier die in Farben und Formen, Ausstattung und Visionen geradezu schwelgende, sich harmonisch ergänzende Darbietung, dass alles perfekt in einer Hand liegt.
Da wölbt und bauscht sich die wie ein erweiterter Vorhang gestaltete Fantasiekulisse in überdimensionaler Größe, während vor dem rosarot-grau verschwimmenden Hintergrund sich die schottische Märchenelfe ("Die Braut von Lammermoor") sich in nächster Minute ins Nichts verflüchtig. Wenn der mächtige Vorhang aufgeht, zeigt sich vor fern verschwommenen Schlosstürmen ein drohend-dröhnendes Männertrio auf der Jagd. Rauh sind ihre Stimmen, rauh ihre Absicht. Denn Lord Enrico Ashton wütet gegen seinen Erzfeind Edgardo  von Ravenswood, dessen Familie die Ashtons einst die Güter raubten und der sich jetzt erdreistet, Lord Ashtons Schwester Lucia zu lieben. Hasserfüllt verkündet Enrico daher seinen Getreuen die Zweckvermählung seiner Schwester mit dem reichen Arturo, der die Finanznot der Ashtons beheben wird. Düster wallt es dazu im Orchestergraben, wo sich künftiges Unheil bereits durch die Bläser dramatisch ankündigt, während Bass und Bariton im fürstlichen Forst bärbeißig ihre immerwährenden Ränke schmieden.

Gegen soviel Übles heben sich die edlen Kostüme der Jagdgesellschaft wohltuend ab; vielleicht sind ihre Schultertücher noch schottisch-kariert, aber Wams und  Beinkleid passen eher zu eleganten Bildnissen der flämischen Genremalerei. Im Kontrast der Lichteffekte leuchten die weißen Spitzenkragen der Herren, und alles was silbrig metallisch an diesen Herren hängt, schimmert und glänzt wie in guten, alten Opern-Zeiten...

In der leider sehr auffällig künstlichen Papp-Grotte zwitschert derweil Lucia mit ihrer Zofe Alisa und plaudert froh und unbedacht von einer alten Schauermär, vor allem aber von ihrem Liebsten, der schon bald  die Bühne betrit; ein bisschen reifer als von Donizetti vorgesehen, aber immerhin jugendlich ungestüm und leidenschaftlich, das ist er allemal. Dazu mit einem markigen Tenor ausgestattet, wie ihn das Belcanto nun einmal liebt: vibrierend und betörend, aber gleichermaßen dramatisch und hingebungsvoll. Lucia dagegen, deren Zartheit die kleine Chinesin Liping Zhang mit ihrem samtigen, dahinschmelzenden Sopran noch unterstreicht, ist diesem rauhen Ritter so gar nicht gewachsen. Es ist ihr Debüt, und sie weiß, dass sie als Lucia alles verlieren wird; sie weiß auch, dass sie aber im wirklichen Leben mit dieser Glanzrolle, um die alle Primadonnen seit 200 Jahren mit härtestem Einsatz gekämpft haben, auf dem Weg nach oben ist.

Sehr eindringlich, sehr energisch festigt Edgardo selbst ihrer beider Bündnis, indem er ihr seinen Ring über den Finger  streift. So einfach ist das, so blind auch ist dieser Mann, dass er nichts weiß von der alten Feindschaft weiß, die das schlechte Gewissen der Ashtons ihm gegenüber noch immer bestimmt. (Aber seit wann sind Opernlibretti logisch? Die ganze schöne Dramatik um Liebe und Treue, Verrat und Tod, die in immer wieder neuen Variationen die Künstler herausfordert und dann und wann auch ihr Genie entfaltet, basiert nun einmal auf Missverständnissen dieser Art).

Also, der Geliebte muss - wie stets in solchen Situationen - fatalerweise kurz mal abreisen und überlässt Lucia ihrem Treueschwur und dem ränkeschmiedenden Bruder. Denn Enrico wird nun mit aller Perfidie sämtliche Briefe von Edgardo an Lucia vernichten und ihr nur einen einzigen überlassen - der ist     gefälscht und kündet von der Untreue ihres Geliebten. Es folgt der erste große Zusammenbruch der allerliebsten Liping Zhang. Wie Donizetti seine Hauptfiguren leiden lässt, das ist steinerweichend; er kleidet ihre höchste seelische Liebesnot, ihr ganzes irdisches Jammertal in solch melodisch-melancholische Klänge, dass ihr Zauber auch die härtesten Herzen aufweichen müsste. Nicht so das ihres Bruders, der niemals   gelernt hat, wie sich ein wahrer Ritter zu benehmen hat.

Und nun wird wieder das Auge verzaubert - das schon zuvor von dem (mit einem Tuch  im strahlenden Königsblau bedeckte) Schreibtisch im Hause der Ashtons geblendet war. Unter hohen gotischen Fenstern ist die Kostbarkeit der Räumlichkeiten nur angedeutet, aber die kühne himmelwärts strebende Architektur verkündet altwürdige Herrschaft und Macht. Und Lucia zeigt sich nicht minder edel: Ihr seidiger, sanft sich wölbender zartgrüner Umhang kontrastiert zu ihrem pfirsichfarbenen Seidenkleid als ob sie hier nicht im kargen Schottland wohnen, sondern sich gleich auf fernöstlichen Diwanen betten würde... Aber miese Machenschaften und eigennützige Interessen sehen auch im Orient nicht viel anders aus als in den nördlichen Ländern, und die menschliche Seele ist überall und jederzeit verwundbar.

  Das große Gepränge, das sehr schnell folgt, ist von dramatischen Turbulenzen durchzogen und mit einem ergreifenden Sextett gekrönt. Die in kostbare Roben gekleidete Hochzeitsgesellschaft wird mit weichem goldenen Licht umflutet - Bilder, die dem inneren tragischen Geschehen einen äußerlichen Zauber entgegensetzen. Denn mitten in die erzwungene Heiratszeremonie mit dem ungeliebten Arturo, dessen zartem, einfühlsamen Tenor nur eine sehr kurze Partie gegönnt ist, stürmt nun Edgardo und erfährt die schreckliche Wahrheit, nämlich dass seine Verlobte bereits den Ehekontrakt unterzeichnet hat. Er wirft Lucia wütend zu Boden, zieht den Degen, wirft ihn Enrico vor die Füße und stürmt in rasender Verzweiflung wieder hinaus. Lucia bricht schluchzend und elend zusammen.

Die große Wahnsinnsszene bestimmt fortan die Entwicklung und ist der Höhepunkt für jede Sängerin, die sich diesen (im wahrsten Sinne des Wortes) Wahnsinns-Koloraturen stellt, und mit immer wieder neuen Facetten und Farbtönen zu interpretieren versucht. Es hat sicher mit ihrem eigensten Temperament zu tun: Die Kämpferin will die Herausforderung leidenschaftlich und aufgewühlt die Herausforderung annehmen. Aber da die begleitenden Instrumente Harfe und Flöte mehr ein Dahinschwinden beschwören, das dem Rückzug eines dem verwundeten hilflosen Tieres ähnelt, scheinen Leidenskraft und Lebenswille einer so zart besaiteten Lucia wie der von Liping Zhang eher in ätherischen Klangfarben zu verlöschen als ekstatisch aufzubegehren. Die ungemein anstrengenden Arien mit ihren gläsernen Spitzentönen signalisieren bereits die zersetzte Geisteskraft. Wie ein letztes Aufbäumen klirren diese Schreie in unwirklichen Stimmhöhen, und wie ein Zusammenfallen ist das Aushauchen der letzten leisen Phrasen. Denn Lucia hat den ungeliebten Ehemann in der Hochzeitsnacht getötet und ist nun selbst dem Tode nahe. Die Hochzeitsgesellschaft tut das, was die meisten Gäste angesichts einer plötzlich wahnsinnig gewordenen Braut und Mörderin tun würden, sie verkrümeln sich sanft und sacht; nur von ferne klingen noch leise Klagen durch die taghelle Nacht. Noch einmal schimmert das letzte helle Licht über das weiße, diesmal nicht blutbefleckte schimmernde Gewand von Lucia, über die Gesichter der Gäste, bevor sich endgültig Dunkel über das Grauen legt.

Nun ist aber die Oper noch nicht am Ende - obwohl es eigentlich keine emotionale Steigerung mehr geben kann. Aber Donizetti hat die letzte Szene Edgardo gewidmet mit großem Pathos und noch größerer Empathie; und Guiseppe Sabbatini müsste kein italienischer Tenor sein, würde er diese Chance nicht beeindruckend nutzen! Unruhig wartet er im Wald auf seinen Widersacher Enrico, den er zum Duell herausgefordert hat. Als dieser ihm aber von Lucias Wahnsinn berichtet und dass sie die Nacht wohl nicht überleben wird, stößt Edgardo sich den Dolch selbst in die Brust. Der Männerchor ummalt den Tod des Helden, dessen ebenso stürmische wie poetische Leidenschaft nun ihr tragisches Ende erfährt, mit leisen Totenklagen. A.C.