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Malakhov&Friends mit
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Wenn die Schwerkraft aufgehoben ist... Ein tänzerisches Spiel mit künstlerischen Phantasien
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Ballett-Gala
Musikalische Leitung: Arturo Tamayo Orchester der Deutschen Oper Berlin
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Der Bogen der ersten Halbzeit der Ballettgala öffnet und schließt sich jeweils mit einer bittersüßen Liebesszene. In beiden Balletten wird eine Schlafende zur Liebe erweckt, aber wie unterschiedlich sind Ansatz und Ausführung In "Le spectre de la Rose" Musik von Carl Maria von Weber: "Aufforderung zum Tanz" in der Bearbeitung von Hector Berlioz im ersten Teil des Abends springt ein junger faunhafter Mann( Malakhov) in das pastellfarben getönte Gemach der lieblich Schlafenden, um sie nach und nach mit ebenso kraftvoll-eindringlichen wie anmutig-betörenden Gesten zu erwecken. Langsam, wie eine Schlafwandlerin, folgt die Schöne (Elodie Puna) dem unwiderstehlichen Werben des Mannes, dessen fleischfarbenes, mit Blumendekoration besetztes Kostüm (nach Léon Bakst) ihn lächerlich machen würde, wäre da nicht seine überaus tänzerische Präsenz, die jeglichen Schnickschnack zu Seite fegt. Doch der Liebestraum währt nur kurze Zeit, und schon sinkt das edle Fräulein wieder in süßen Schlummer, sanft von dem imaginären Geliebten in den barocken Stuhl gebettet. Und als sie aus diesem flüchtigen Traum erwacht, da findet sie auf dem Boden - der Titel sagt es bereits - eine Rose. Also doch kein Traum... Choreographiert ist dies hübsche kleine Ballett von Bronislawa Nijinska. Das letzte Bild im ersten Teil mit klassisch tänzerischen Angeboten ist das wohl zarteste, berührendste der ganzen Ballett-Gala. Die Rückwand der Bühne ist nun ganz dunkel, nur ein schmaler heller, leichter Vorhangschal fließt von der Decke zum Boden herab und dient als Bettstatt für die junge Schläferin, Lucia Lacerra. "La Prisonnière" aus dem Ballett "Les Intermittences du coeur" nach der Musik von Camille Saint-Saen. ( Szene: "Zusehen wie sie schläft" oder "Die feindliche Wirklichkeit"). Cyril Pierre erweckt dieses luftig zarte Wesen aus der Gefangenschaft des Schlafes sehr behutsam, sehr zart und lässt sie wie eine Feder über sich und neben sich schweben, holt sie aus ihrer sonnambulen Entrücktheit, ihrer irdischen Ferne in ein sehr inniges Liebesduett, wobei Lucia Lacarra in den Armen ihres Partners wie in Geist der Lüfte zu tanzen scheint. Ihre Biegsamkeit und Schmiegsamkeit befreien sie aus jeglicher und möglicher Gefangenschaft, lassen sie in Regionen entschweben, die nicht mehr von dieser Welt sind. Aber leider sind eben Menschen doch von dieser Welt, und so führt Cyrill Piere diese Traumfrau schweren Herzens, stets von Neuem umwerbend und begehrend, zurück zu ihrer Schlafstätte. Langsam senkt sich der zarte Vorhang über das Mädchen. Und der Geliebte bleibt allein zurück. Das anmutige Märchen wurde choreografiert von Roland Petit. Allerdings fällt ein Wermutstropfen auf den ersten Teil des Abends: Die musikalische Begleitung durch ein wütendes Orchester gleicht mehr dem Stampfen einer energischen Kapelle, die der spanischen Hofreitschule aufspielt und alle Tänzer wie Pferdchen im gleichförmigen Walzertakt über die Bühne galoppieren lässt. Unsensibel, laut und kräftig zerschlägt Arturo Tamayo sämtliche Darbietungen. Im zweiten Teil des Abends aber kommt die Musik aus dem Off vom Band, exakt, rhythmisch genau auf die tempi der Tänzer und ihrer Ausdrucksformen zugeschnitten. Der klassischen Schönheit (aber auch Dekadenz) des ersten Teils nun folgt eine vorerst auch noch sehr zurückhaltende Ausformung neuer tänzerischer Möglichkeiten und Wirklichkeiten. Zunächst mit Ilja Louwen und Leo Mujic nach einer Musik von Giuseppe Torelli "The Taste of the Lost Moment" in der Choreographie von Leo Muljic. Das ist ein sehr eckiges, sperriges, sich nicht sofort erschließendes Stück in einer neuartigen tänzerischen Aussage. Auch hier steht ein Paar im Licht, das sich nähert, findet und trennt. Zurück bleibt der Mann, am Boden niedergestreckt, während sich riesige Scheinwerfer bedrohlich auf ihn herabsenken. Während man darüber nachdenken und die Wirkung der kastigen Körperlichkeit des Tanzes in sich aufnehmen möchte, zerstört viel zu schnell einsetzender heftiger Beifall die Verarbeitung des eben Wahrgenommenen. Aber wer möchte die Begeisterung des Publikums tadeln? Auch Malakhov's "Narziss" (nach der Musik von Nikolaus Tscherepnin, Choreographie: Kassjan Goleisowski) findet vor und nach dem Tanz bereits herzlichen Applaus. Denn wieder ist es der Berliner Publikumsliebling, der nun aber im großen weiten Raum nicht mehr die kraftvolle Figur des liebesverheißenden Fremdlings anbietet, sondern verkörpert er vielmehr der den eher zarten, träumerisch- suchenden Jüngling Narziss, der sich eines Tages im klaren Wasser eine Sees in sein eigenes Spiegelbild verliebt, sich in höchstem Entzücken windet und an der Schönheit und Vollkommenheit seines Körpers weidet. Das Wasser wird durch die Reflektion eines Licht- und Schattenspiels ersetzt und erhält dadurch einen nicht minderen Reiz bei einer bildlich-irrealen und vergrößerten Projektion des in sich selbst verliebten Jünglings. Es folgt wiederum ein außergewöhnlicher Pas de Deux "Come neve al Sole" (nach Frederic Chopin in einer Bearbeitung für Cello von Peter Schindler), von Friedemann Vogel und Polina Seminiova ( Stuttgarter Ballett) in einer Choreographie von Rolando D'Alesio. Das ist eine faszinierende Variante des spanischen Bolero, also wiederum der mit vielen Gefühlen spielenden Verbindung von Mann und Frau, als da sind: Werbung, Annäherung, Verliebtheit, Vereinigung, Kampf um die Identität, ein Sich-Verlieren, Neufinden und wiederum ein Loslassen - sehr spannend, sehr exakt und bewegend. Durch ein erweitertes szenisches und tänzerisches Vokabular wird die Monotonie aller Paso Dobles und Boleros mit gerüschten Röcken und sich wiederholendem, wütendem Stampfen der Füße glücklich aufgehoben! Dass Marcin Krajawski in "Les Bourgeois" nach Jacques Brel (C horeographie von Ben von Cauwenbergh) mit seiner lässigen Arroganz, seinen artistischen Sprüngen und der komisch-virtuosen Kopie des großen Sängers den Vogel beim Publikum abschießt, ist nur allzu verständlich. Denn die große Gabe - Kunst in Leichtigkeitmit Witz, Vitalität und Einfallsreichtum zu präsentieren, ist noch weitgehend unterentwickelt, vielleicht, weil gerade die konservative Schule in Ballett, Oper und Theater glaubt, akademischer Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit mehr dienen zu müssen als einer freudvollen Lebensbejahung. Das für manchen schönste Ballett ist die Einswerdung von Göttin und Mensch nach fernöstlicher Musik von Douglas Adams "Light Rain", in der Choreographie von Gerald Arpino. Wieder tanzen die offensichtlich gelenklose Lucia Lacarra mit ihrer unerreichten Grazie und Cyrill Pierre und gestalten diese Vision zu einem Höhepunkt des Abends. Wer und was sind diese beiden Figuren - Yin und Yang, die gegensätzlichen Pole alles Lebendigen, alles Schöpferischen? Sind sie die Kräfte, die stets wieder von Neuem um einander ringen müssen, bis sie endlich wieder zu einer Ganzheit werden wie in längst vergangenen Zeiten? - Ist diese Frau Schlange oder liebendes Weib oder ist sie auch nur eine Phantasie, die den Mann umschlungen hält? In immer neuen Variationen schwebt sie, machtvoll erhoben in den Armen und über dem Haupt ihres Partners, bis sie ihn - scheinbar- besiegt hat, er vor ihr niederkniet, nicht gedemütigt, sondern auffordernd, die Arme spreizt, um sie zu empfangen und sie bereit ist, sich ihm hinzugeben. Mensch -Frau und Göttin umwinden und verbinden sich zu einer einzigen unzerstörbaren Einheit. Was kann dem Malakhov noch zum Abschluss entgegensetzen? Nichts, was dem gleichkäme. Aber er tanzt ohnehin wieder solo, und diesmal mit einer gänzlich neuen hübschen und schwierigen Variante aus seinen schier unerschöpflichen Sprungreserven, die allerdings nicht allein seine Anziehungskraft ausmachen. (Andere Tänzer, wie Dinu Tamazlacaru in "Gopak" als fliegender Taras Bulbas und Martin Krajewski als le Bourgois sind ihm da übrigens nicht unterlegen). Was Malakhov abhebt, sind seine Kraft und seine Eleganz in einer einzigartigen körperlichen Einheit. Mit bloßem Oberkörper demonstriert er im (letzten Beitrag der Gala) im Schein der ihm folgenden Lichtkegel auf der sonst dunklen Bühne Ausdrucksformen der Kampfbereitschaft, Selbstermutigung und Selbstertüchtigung. "Caught" heißt das Spiel mit Licht und Dunkel, die Musik stammt von Robert Fripp, die Choreographie von David Parsons. Und jetzt gelingt Malakhov ein toller Trick, der unglaublich anstrengend sein muss: Denn nun zucken Lichtblitze in ganz schnellen, rasend kurzen Abständen über die Bühne. Malakhov tanzt so, dass die Blitze ihm während seiner fortlaufenden Sprünge folgen und ihn so begleiten, dass sie den Tänzer scheinbar durch die Luft schreiten lassen... Der Kontakt mit der Erde ist total aufgehoben - der Traum eines jeden Tänzers - ist die absolute Schwerelosigkeit also doch nicht nur ein Trick der Technik? Das ist ein großartiger Abschlussgag - natürlich viel Beifall für den russischen Primus und sein Tanzensemble aus Bayern, Stuttgart und Berlin. A.C. |