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Manon von Jules Massenet
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Tanz par excellance: Herrin über Herzen und Hermeline
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Ballett in drei Akten Musik: Jules Massenet orchestriert und arrangiert von
Leighton Lucas unter Mitarbeit von Hilda Gaunt mit: der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Paul Connelly Tänzer
u.a.: sowie: Junge Herren; Gönner; Dirnen; Bettler; Ein alter Lebemann, eine Wirtin, Dienerinnen; Schauspielerinnen, Bettlerinnen, Bürgerinnen, Soldaten, Lakaien, Wachen, Kutscher, Volk, Matrosen, Rattenfänger Dass die Schönheit und Perfektion des klassischen Ausdruckstanzes in der russischen Ballett-Tradition so lange gepflegt und kultiviert wurde, hat eine nachwachsende, sehr viel freiere Tänzergeneration mit einigen Vorteilen gegenüber ihren westlichen, vorwiegend auf freie Tanzformen ausgerichteten Kollegen ausgestattet. |
Das sind die Träume, aus denen
romantische Ballette gewoben werden: Der Chevalier Des Grieux, ein junger Mann aus gutem Hause, und das blutjunge, bildhübsche Waisenmädchen Manon, das unter der leichtlebigen Führung ihres Bruders steht, lieben einander - doch Manon schätzt eben so sehr die verführerische Beachtung reicher älterer Gönner und ist hin- und hergerissen zwischen einem Leben in Luxus und Verehrung und ihrer Liebe zu dem jungen Mann, der ihretwegen alles aufgibt: sein weniges Hab und Gut, sein Studium, das Wohlwollen seines Vaters, seine Ehre und seinen Standesstolz. Mit der Geliebten sinkt er immer tiefer und tiefer, bis Manon, als Dirne denunziert und in Ketten gelegt nach Louisiana verkauft wird. Er folgt ihr und rettet die tödlich Kranke noch einmal vor dem gierigen Zugriff des dortigen Gouverneurs. Auf der Flucht stirbt Manon, und Des Grieux kehrt zurück nach Frankreich. In der Inszenierung an der Staatsoper unter den Linden tanzt sich eine vielfach dekorierte, international ausgezeichnete junge russische Tänzerin in die Herzen ihrer Zuschauer und in die erste Reihe der großen Primaballerinen: In der Rolle der Manon gleitet Polina Semionova, scheinbar aller irdischen Anziehungskraft fern, mit Leichtigkeit und Hingabe durch die seelischen Höhen und Tiefen des Schicksals eines wahrhaft bezaubernden Mädchens. So wie sie sich nach der Liebesnacht mit Des Grieux sich zunächst voller Glück leicht und lasziv räkelnd aus dem roten Himmelbett erhebt, um dann wie eine Feder nirgendwohin zu schweben, so schreitet sie wenig später wie eine Diana, stolz und siegessicher, Herrin über alle Herzen und Hermeline, an der Seite eines reichen Gönners über das Parkett der Eitelkeiten. In einem Pas de Trois, der entsprechend den wechselnden Gefühlen in Schritt-, Sprung- und Hebeabfolgen choreografiert ist und getanzt wird, sieht sich Manon von Bruder und Mäzen listenreich umgarnt. Zunächst sich weigernd, dann mit aller Koketterie der Umworbenen, erscheint sie als die große Verführerin; doch letztlich wird sie besiegt von Glanz und Gold, in deren Schimmer sie sich dreht und dehnt, lustvoll und lebendig sonnt. Hier ist das Leben, das sie durchpulst, dass sie ohne Reue und Scham für sich einfängt wie einen wärmenden Sonnenstrahl. Getragen von Armen der sie anbetenden Männer, thront sie wie eine Elfenkönigin über aller irdischen Last (und Verantwortung) - und somit über dem wirklichen Leben. Die weiche, zärtliche, innigliche Musik Massenets ist eine geradezu ideale Vorlage für dieses romantisch-verklärte Sujet, das in jeder anderen Form heute an seine Grenzen der Zumutbarkeit stoßen würde. Aber bei dieser Interpretation durch die Semionova auch ihren Partner Ronald Savkovi zu erleben, der dem Des Grieux zunächst die Eleganz und scheue Zärtlichkeit des verliebten Jünglings und später die rasende Eifersucht des Verratenen verleiht und der zuletzt das verzweifelte Aufbegehren des vom Tod um sein letztes Glück Betrogenen geradewegs körperlich schmerzhaft spürbar werden lässt- das alles gehört schon zu den außerordentlich getanzten Dramen der Ballettgeschichte. Eine andere Rolle hat der Bruder Manons, Lescaut, der von Marcin Krajewski mit atemberaubender Turbulenz und rasantem Temperament verteufelt elegant durchspielt wird. Mit tolldreisten Sprüngen und einer geradezu artistischen Komik mimt er den trunkenen Zecher, der die Geliebte über die Tanzfläche führt und sie und sich scheinbar noch in letzter Sekunde vor dem Fall bewahrt - das ist schon ein großartiger tänzerischer Schabernack! Seine Partnerin, flatterhaft leichtlebig-lebendig und strahlend unbeschwert, ist Corinne Verdell, auch in den Farben ihres schwarz-roten Kostüms dem feurigen Freund wundervoll angepasst. Natürlich sind die zahlreichen Statisten, Mitspielerinnen und Tänzer eine pure Augenweide, wenn auch nicht immer die Farbgebung der Kostüme aufeinander abgestimmt ist. Natürlich ist der letzte Eindruck der stärkste, wenn Prunk und Pracht der Vergnügungsetablissements und Spielsalons sowie das pralle Leben der Pariser Straßen der schwarzen Silhouette des Schiffsbugs gewichen sind, der das Ende aller Lustbarkeiten verkündet. Dröhnend, mit Pauken und Trompeten leitet das Orchester den letzten Akt ein, der die unglücklichen Dirnen in ein unbekanntes Land bringen wird. Mit letzter Kraft, elend und kahlgeschoren, erbitten sie Geld und Gnade von den Schaulustigen. Auch Manon ist unter ihnen, und Des Grieux, der ebenfalls zufällig unter diesen weilt, gelingt es, den Wachposten zu bestechen und als Manons Ehemann mit auf das Schiff zu kommen. Wenn Manon als Geächtete und Ausgestoßene, ihren letzten Tanz auf der Erde ihrer Heimat tanzt (alles auf Spitzen!), ist sie bereits vom Schicksal gezeichnet. Später, nachdem Des Grieux sie gewaltsam von dem gewalttätigen Gouverneur befreit hat und beide durch die Nebelschwaden der Sümpfe Lousianas fliehen, wird sie noch einmal um ihr Leben ringen... Irrlichter und Bilder aus der Vergangenheit ziehen dann an der Fiebernden vorüber; In einem gnadenlosen, aussichtlosen Todestanz kämpft Des Grieux um die Geliebte, und in einer Symbiose von tänzerischem Ausdruck mit höchster dynamisch-dramatischer Leidenschaftlichkeit und von einer Musik, die über ihre Zeit hinauswirkt, erreicht dieser Abschied ein so hohes Maß an Intensität, dass man des Öfteren den Atem anhält. A.C. |