Mitleid 

 nach
Wagners Parsifal
 

 

So leicht läßt sich der Gral nicht erobern

 


  Konzept, musikalische Fassung, Texte und Regie: Miriam Safevic,

Raum und Kostüm: Emily Laumanns

Neuköllner Oper (2008)

 Musikalische Einstudierung: Aurélien Bello: 

mit: Roman Lemberg (Klavier, Parsifal); Kundry: Ulrike Schwab, Amfortas Martin Gerke, Blumenmädchen: Herdis Anna Jonasdottir -

Studenten der HfM "Hanns Eiseler" und der UdK Berlin

 

 

 

 

 
Von Richard Wagners Opern-Epos "Parsifal" ist zwar nicht mehr viel zu erkennen, dafür gibt es aber in der klitzekleinen Studiobühne, die sich zwischen den Zuschaureihen als ein enges Quadrat anbietet, sehr viel Chaos und Kitsch - Kunstblumengirlanden, Devotionalien, Kreuze und Gebetbücher - sowie allerlei bunten Lichtertand und Dekoschnickschnack wie man ihn sowohl in den östlichen orthodox-christlichen oder in katholischen Kirchen Lateinamerikas, aber auch in hinduistischen Tempeln findet. Am Rande dieses Kampffeldes turnen auf einem Geländer halsbrecherisch die schöne Verführerin Kundry- Ulrike Schwab und das Hippie-Blumenmädchen Herdis Anna Jonasdottir (als Klingsors Zaubermädchen) um den sich windenden und schreienden Amfortas (dieser kann von seinen Qualen nur durch Parsifal, dem „durch Mitleid wissenden reinen Tor“ erlöst werden!) von Martin Gerke herum, der ziemlich lange auf sich warten läßt, bis er uns seine Schmerzen mit einem kräftigen und klangschönen Bariton präsentiert. Und auch die beiden jungen Damen sollten vielmehr mit ihren gut geschulten, klaren Mezzo-Sopranen überzeugen als mit diesen erschreckenden Balanceübungen, mit denen sie die verschiedenen Phasen religiösen Treibens um die Erlangung des Seelenheils (Anbetung, Kasteiung, Bußübungen, Bekehrung) halsbrecherisch und knöchelknackend zu zelebrieren versuchen.

Das Programmblatt hilft diesmal wenig zum Verständnis der Inszenierung, die sich eine "eigene Kunst- und Weltauffassung" erarbeitet hat. Und nur die Insider wissen wohl genau, was sie sich bei all den Verrenkungen - so stellt sich beispielsweise der hochbegabte Pianist Alex Lemberg als spastisch-behinderter Parsifal mit Predigerhabitus dar - gedacht haben, und ob sie sich nicht bei dieser Willkür immer wieder neu erschaffen müssen, wenn sie globusweit praktizierte religiöse Riten als "Befreiung von allen unterdrückten Trieben" darstellen möchten. Da sind Sätze wie "Parsifal hat alle erlöst oder zerstört, erfüllt sich für ihn noch die Prophezeiung, dass auch der Erlöser erlöst werden soll? Wird er noch gebraucht?"  nur wenig hilfreich. Wer solche Fragen stellt, hat vom Christentum, Liebe und Glauben als den Grundkräften des heiligen Grals (die wir in den christlichen Kirchen im Abendmahl lebendig werden lassen) - zum Beispiel nichts begriffen!
Die Inszenierung ist für mich ein schönes Beispiel heutiger Beliebigkeit in der Schauspielkunst und Unwissenheit in religiösen Fragen: Da wird sich mit Weih-Wasser bespitzt, rote Tücher symbolisieren das Leidenstuch Christi und werden würgend um den Hals geschlungen, da fliegen die Blumen in Fetzen, und die Lebkuchenherzen gestalten sich am zarten Hals des Blumenmädchens als ein einziges unentwirrbares Knäuel. Soviel Herz ist dann wohl doch zuviel. Ist dies ein Gegenprogramm zum Herz-Schmerz-Ritus in vielen Religionen und Riten? Aber dabei kommt man dem Gehalt des Glaubens, der tiefen Hingabe und der Suche nach Offenbarung der Gläubigen nicht einen Deut näher. Es ist ein musikalisch flott aufgepepptes Anti-Mysterienspiel, ein wildes Spektakel, vielleicht eine Performance, vielleicht auch nur der Versuch, den schwierigen „Parsifal“ zu vereinfachen –aber der ist dann wohl doch in dieser Form kaum zu bezwingen. A.C.