Musical und Chanson

 Konzert der Preisträger

 

 

 

17 junge Künstler auf dem Karriere-Sprungbrett

 


36. Bundeswettbewerb Gesang 2007: Musical und Chanson 

im

Friedrichstadtpalast

präsentiert von Götz Alsmann, Adam Benzwi und Band

Szenische Einrichtung: Corinna Druve
Choreographie: Maik Damboldt

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 
Das ältere Ehepaar, das uns in der späten S-Bahn gegenübersaß, schien äußerst missgestimmt zu sein, und es bedurfte nur einiger Wortfetzen, um  ihren Trübsinn zu verstehen; denn der theaterschwarz gekleidete Herr ließ keinen Zweifel an seinem Unmut über die eben gesehene Aufführung, die er tief resignierend einmal mehr als frustrierend bezeichnete. Und höflich hatte er hinzugefügt, dass, wenn seine Frau nicht einen bestimmten Schauspieler so gern hätte sehen wollen, er das Theater bereits in der Pause  verlassen hätte. Es war der Abend der unglücklichen Inszenierung an der Volksbühne, in der Intendant Casdorf einmal mehr ein Stück nach seinem Belieben ausgeschaufelt und seines Reizes beraubt hatte; diesmal hatte Erich Kästners "Emil und die Detektive" daran glauben müssen, wie im Vorjahr die zauberhafte "Schneekönigin" von Hans Christian Andersen", die zerpflückt und politisiert ihrer Transzendenz beraubt worden war. Es ist ein beliebtes Spiel der nach und nach sich selbst vernichtenden Ost-Bühne, die einst einen viel versprechenden Aufbruch- allerdings auch mit hochbegabten Schauspielern - versprach, nun auch Kinder-, Jugend- und Märchenstücke zu sezieren und zu politisieren, bis nicht einmal mehr das Knochengerüst übrig bleibt.

Wir hatten an diesem Abend ein anderes, ein wunderbares Theatererlebnis, das uns froh gestimmt und mit der Hoffnung versehen hatte, dass uns um unseren Schauspieler-, Gesang- und Tanznachwuchs nicht bange zu sein brauchte. Denn im Friedrichstadtpalast hatte das zweijährige Konzert der Preisträger für Musical und Chanson mit einer stimmungsvollen Gala stattgefunden, die einem großen Fach- und Freundespublikum recht unterschiedliche, durchweg vielversprechende Talente präsentierte. Von 201 Anwärtern aus zwei Altersgruppen waren 76 Kandidaten geprüft und schließlich 17 Preisträger ermittelt worden, die an diesem Abend von Götz Alsmann, selbst Vollblutmusiker und Conferencier mit Herz und Humor, vorgestellt wurden. Eine Augen- und Ohrenweide; und die vielen Partner dieser Veranstaltung, Juroren, Ausschüsse und Sponsoren hatten einmal mehr deutlich gemacht, wie sehr sich Mühe und Investitionen für einen engagierten und hoch motivierten Nachwuchs auszahlen; denn die meisten der ausgewählten jungen Künstler verzeichnen in ihrem Lebenslauf bereits Bühnenerfahrung in Österreich und Deutschland, und sie werden künftig keinerlei Probleme haben, ein Engagement zu erhalten. Denn dieser Bundeswettbewerb gilt als Startbrett. Und wir haben einige von ihnen bereits auch auf unseren Berliner Bühnen erlebt (z.B. Schlosspark-Theater, Neuköllner Oper)!

Bereits der Auftakt dieser Gala war mit dem geschmetterten Abba-Ohrwurm "Danke für die Lieder" , intoniert von der Band Adam Benzwi und begleitet von dem Jubel der zahlreichen Fans, fulminant. Und der kraftvolle Christopher Brose ließ mit seinem tänzerischen Temperament und einer variationsreichen Stimme keinen Zweifel daran, dass er nicht nur die fetzigen Parts aus dem Musical "The Chorus Line" beherrscht. In der gut abgestimmten Show folgte zumeist die Ruhe auf den Sturm, und Jonas Hein konnte sehr zärtlich und einfühlsam "Dein Blick" aus dem Musical "Rent" vortragen - tausend Leute und mehr, die ihm fasziniert zuhörten - auch das muss ein Schauspieler verkraften können! Sehr witzig und zugleich sehr berührend kam Sebastian Stipp mit dem "Mittelmäßigen Klaus" auf die Bühne, und dieser Vortrag gefiel dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, von Götz Alsmann interviewt, besonders gut.

Elena Zvirbulis, den Berlinern aus dem Musical "Non(n)sense" als Schwester Marie Leo bestens vertraut, servierte ein Glanzstück mit ihrer US-Girlie-Parodie "Popular" aus "Wicked" mit gekonnt naivem Teeniestimmchen und engelsgleichem Sopran, während ihre Nachfolgerin in der Revue, Juliane Dreyer, mit einem tollem tiefen Timbre "All that Jazz" aus dem Musical "Chicago" vortrug; Vielleicht wird sie dieses Talent ausschöpfen und den Weg als Jazzsängerin gehen - wer weiß. Danach hatte es Corinna Ellwanger mit ihrem Affront "Auf all die gnädigen Frauen" aus "Company", nicht ganz leicht. Aber die Regie gab ihr die Möglichkeit, von der hohen Treppe herab zu schreiten und sich - wie beschwipst - an einem Sektglas festzuhalten. "Dies ist die Stunde" verkündete dann der erste Preisträger aus dem Juniorwettbewerb, Dennis Jankowiak, und er sang dieses Lied aus "Jekyll &Hyde" mit so betörendem Tenor, dass man ihn bereits als "Freddy" in "My Fair Lady" vor sich sehen konnte. Dass er auch über witziges Potential verfügt, zeigte er dann in dem Paul-Linke-Evergreen "Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe" aus der Operette "Frau Luna".

"Sooner or Later" verkündete Martina Mühlpointer aus dem Film "Dick Tracy", und mit ihr verdichtete sich bereits der Eindruck, dass bei diesem Bundeswettbewerb die Damen sich überwiegend auf die Rolle der femme fatale konzentriert hatten, während sich die jungen Männer stärker tänzerisch und schauspielerisch engagierten. Max Messler allerdings blieb sehr ruhig, sehr zurückgenommen in der anklagenden Frage des jungen Mozart an seinen gestrengen und überbesorgten Vater Leopold "Warum kannst Du mich nicht lieben", aber er hätte es auch für eine Frau singen können, und noch fehlte ihm der authentische Ausdruck, mit dem Maria Helgath anschließend in ihrem Todeslied "Komm, großer schwarzer Vogel" mit tiefer Inbrunst und für ihre Jugend mit beinahe unvorstellbarer Einfühlungsvermögen  einmal mehr den Saal mit tiefster Stille bannte.

Wie heiter und unbeschwert, wie entzückend kabarettistisch servierte dann Christiane Klimt das "einzige vegetarische Chanson das ich kenne" - O-Ton Alsmann - mit ihrer Persiflage auf den schlichten Satz "Bohnen in die Ohren". Wie schnell läßt sich die Stimmung im Publikum von Betroffenheit in Jubel umlenken!

Unter all den wunderschönen hellen, dunklen, metallischen, lyrischen Musical-Stimmen ragte die von Milica Jovanovic mit ihrem glaszersägenden Mezzo besonders heraus, und dass sie bereits am Theater am Gärtnerplatz in München ein Engagement hat, verwundert nur hinsichtlich der Frage, warum in Berlin solche Talent so wenig genutzt werden? Nach ihrem lebhaftem und mit Witz gespickten Koloraturwirbel, den sie mit "Glitter and be Gay" aus "Candide" expressiv über die Bühne brachte, überraschte die "Annie get your gun" -Variation von Adrienn Krekács, die mit bereits ausgeprägter Persönlichkeit  ihre Rollenmöglichkeiten vorstellte. Dionne Wudu, mit der großen Soulstimme der farbigen Sänger, wird sicher auch diesen Weg gehen, denn solche Naturstimmen sind rar gesät. Den zweiten Musicalpreis, der ihr zugesprochen wurde, wird sie als Verpflichtung verstehen, sich auch darstellerisch noch zu vervollkommnen. 

Wenn man weiß, dass die Karriere von dem Vorsitzenden der Jury, Andreas Gergen, einst am Kleinen Theater in Steglitz mit dem entzückenden Musical "Charlie Brown" begann, bevor er für die Stage Entertainment das Schlossparktheater in ein modernes Operetten-Haus umzuformen versucht hatte, wird schnell verstehen, dass ihn der Charme von Lars Redlich in der Rolle des Optimisten und Lebenskünstlers Snoopy stark beeindruckt hat; denn der verschlingt sein "Abendbrot" nicht einfach so mir nichts, dir nichts nach Hundeart, sondern reflektiert das freudige Ereignis in einer wunderbaren genießerischen Zeremonie  .

Und last not least: Die beiden Hauptgewinnerinnen dieses Wettbewerbs: Erste Preisträgerin im Fach Musical wurde die Münchnerin Bettina Mönch, die mit perfekter US-Musical-Präsentation ("Roxie" aus "Chicago") , mit sicheren Revuebewegungen und großformatiger Stimme, dazu langbeinig, blond und schlank, die Jury für sich gewinnen konnte. Mit Anna Veit wurde eine Chanson-Sängerin und Bass-Musikerin ausgezeichnet, die der Verruchtheit des berühmten Novak-Songs (Kabarett "Simpl") zwar nicht so ganz entsprach, dafür aber in der Zartheit und Wehmut, mit dem sie "ihr "Herz aus der Hand" gab, in diesem Wettstreit der Gesänge nicht übertroffen wurde. A.C.

 

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