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Admiralspalast
Musical von Frederik Löwe und
Alan Jay
Lerner in der
Bearbeitung und Inszenierung von Peter Lund
Musikalische Leitung: Adam
Benzwi, Choreographie: Andrea Heil; Bühne: Jürgen Kirner; Kostüme:
Daniela Thomas
mit: Daniel Morgenroth,
Franziska Forster, Anton Rattinger, Udo Kroschwald, Dennis Jankowiak,
Monika Lennartz, Dagmar Biener
Der kleine Prinz: Richard
Nagy, Moses, Ruge, Justine Rimke, Matti Seidel
Seit Menschengedenken möchte
der Mann die Frau nach seinem Bilde formen - Beispiele , abgesehen von
der Schöpfungsgeschichte, gibt es in der Literatur und in der
Wirklichkeit genügend.
Pygmalion ist ein
griechischer Bildhauer, der sich in seine schöne Statue Galetea verliebt
und die Götter bittet, sie zum Leben zu erwecken. (Ovid, Metamorphosen).
Shaw hat diese Geschichte verwandelt. Der Phonetikprofessor Henry Higgins
will ein urwüchsiges Mädchen in eine Gesellschafts-Puppe umformen, nicht
aus Menschenliebe, sondern als Fanatiker einer reinen Sprache. Doch
damit erlebt er nicht nur seinen größten Erfolg, sondern auch sein
persönliches Drama. Denn das kleine Blumenmädchen Eliza Doolittle, das
zur selbstbewussten Dame heranreift, wird und seine eigene Identität finden
und dem Professor seine Grenzen aufzeigen.
Man wünscht dies allen Frauen
dieser Erde. |
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Geschichte
Wer hätte das gedacht: dermaßen
"vorbelastet" mit Spitzenbesetzungen durch die Jahrzehnte wagte sich
lange Zeit niemand mehr in Deutschland an die Inszenierung dieses
berühmten Schauspiels, das zu seiner Zeit bei der Londoner Gesellschaft
den von George Bernhard Shaw ganz sicherlich beabsichtigten spöttisch
begrüßten Skandal auslöste; doch bei der Uraufführung als Musical 1956
nach der Bearbeitung des Wiener Komponisten Frederick Löwe und der dazu
passenden Textbearbeitung von Alan J. Lerner in New York wurde es über Nacht zum
Welthit. Mit Rex Harrison als der skurrile, frauenfeindliche und
von der Notwendigkeit einer reinen Phonetik besessene
Sprachwissenschaftler Prof. Henry Higgins und die bezaubernde Julie
Andrews als das arme verlotterte, doch selbstbewusste
Blumenmädchen Eliza, das nach hartem Training zur feinen Lady avanciert.
Später, im Film, entzückte die fragile Audrey Hepburn mit ihrem
mädchenhaften Charme und eines Tages in Berlin! im Jahr 1961 begeisterte
das Publikum die Berliner Version im Theater des Westens, in der Paul Hubschmid und Karin Hübner, Alfred Schieske, Friedrich Schoenfelder und
Rex Gildo in der Inszenierung von Sven Arge Larsen Bühnengeschichte
machten. Noch
einmal kam eine Version nach Berlin und zwar ins ICC, 1996, mit Richard Chamberlain als Prof. Higgins. Allgemein
Es ist faszinierend, das immer wieder neue Talente auch neue Kreationen
schaffen; und wie ein erfolgreiches, weil überaus kunstfertiges Musical
in seiner Substanz so frisch bleibt, dass es mit nur wenigen Farbtupfern
aufgepeppt und modernisiert und damit zu neuem Leben erweckt werden
kann. Peter Lund, mittlerweile arrivierter Professor an der UdK, einst
Motor der aufsteigenden Neuköllner Oper mit vielen frischen
Produktionen, hat sich mit ebensoviel Feingefühl als auch
Biss an die kosmetische Überarbeitung des Stückes gewagt, in dem ja die
trefflichen Songs und choreographischen Bedingungen weitestgehend
vorgegeben sind. Musikalisch erklingen keine sentimentalen Geigen mehr,
sondern ein sicheres Ensemble erneuert und verschlankt den musikalischen
Zauber der gesungenen Partien. Dass man am Text hier und da eine aktuelle Zeile
einfügt, ist nicht unbedingt notwendig, denn der Vater der geistreich,
süffisanten Gesellschaftskritik, G.B.Shaw, ist in seiner Art nicht zu
überbieten!
Bühne
Nun, die Überraschung beginnt
bereits mit dem atmosphärischen Bühnenbild, einer seitlich sich in zwei
Dimensionen aufrichtenden Treppe, die wie bei jeder Galashow, auf einem
Podest endet. Dahinter im abendrot gefärbten Halbblau ragen die
Silhouetten der Stadt auf, mal in echter Schieflage, je nach Gemüts- und
Trunkenheitszustand der Protagonisten - und ihrem sozialen Niveau! Wenn das Geschehen nicht auf
der unteren Ebene der Treppe, im Milieu der kleinen Leute spielt, dann
senkt sich eine Wand herab, die das Arbeits- und Wohnzimmer des
Sprachprofessors andeutet, angefüllt mit einer langen Ledercouch, einem
Stoffpapageien, einem überdimensionalem Plastikohr und einem Instrument,
das den schludrigen - Berliner - Jargon von Tochter und Vater Doolittle aufzeichnet. Am Ende des
Stückes wird Higgins, der diese Töne zuerst mit tiefster Abscheu
registriert, ihnen noch einmal sehnsüchtig lauschen - nunmehr in seiner
tyrannischen Selbstherrlichkeit erschüttert.
Inhalt
Dazwischen aber spielt sich das
Schicksals des bislang kleinen, unscheinbaren, unbedeutenden
Blumenmädchens Eliza Doolittle ab, das zum Spielball und Opfer des
ebenso cholerischen wie ehrgeizigen Professors und seines gemütlichen
Freundes Oberst Pickering wird. Pickering nämlich, der, frisch aus
Indien zurück, eben diesen Wissenschaftler zwecks fundamentaler
ethnologischer Erkenntnisse und Erfahrungen aufzusuchen gedachte und ihn
just vor der Oper antrifft, wo Higgins sich mit herumlungernden Bettlern
und dem Blumenmädchen Eliza gerade auseinandersetzt, wird mit einer
Wette den Stein des Schicksals ins Rollen bringen: Higgins werde aus
Eliza innerhalb eines halben Jahres eine Lady machen, indem er ihr die
Gossensprache ab- und die gehobene englische, respektive, die
hochdeutsche Sprache auf den Leib und in die Seele eindressiere. Die
Wette gilt, und das Mädchen bleibt bis beinahe zum bitteren Ende das
Objekt einer Abmachung zwischen zwei Exemplaren
wissenschaftlicher Impertinenz. Darin sind natürlich eine Menge
kritischer Gedanken, wenn nicht gar als Fundament enthalten: wobei Shaw
gerechterweise nicht nur die sogenannte feine Gesellschaft mit Ihren
Hohlformen in Sprache und Umgang in erfrischender Weise bloßstellt,
sondern auch die armen Leute in ihrer Unmoral und
Selbstsucht in Gestalt des köstlichen Saufhelden und Droschkenkutschers
Alfred D. Doolittle karikiert, der hier zum Anti-Moralhelden wird.
Inszenierung
Dass Lund zu kleinen Tricks aus der
Neuköllner Regiekiste greift, ist ein hübscher Einfall: so kreischen die
Rattenpuppen aus den Mülltonnen, und die Zechkumpane gehen einander im
Suff an die Wäsche, verknäulen sich vor den Kirchentreppen und begleiten
in wankender Eintracht den alten Doolittle bis zum Altar. Dass diese
köstliche
Szene ohne Ausstrahlung bleibt, den bisherigen Pfiff und Witz vermissen läßt, liegt
vielleicht an der Ernsthaftigkeit, mit der Udo Kroschwald den
plötzlichen Wohlstand und "Aufstieg" seines Doolittle "in den
Mittelstand" nicht verkraften kann. Und so geriert sein
Junggesellenabschied zu einer traurigen Farce. Kroschwald ist hier mehr
beleidigte Prolo- als dynamische Fallstaff-Figur. Dabei hatte er es zuvor durchaus verstanden,
als Schlaumeier mit überzeugenden rhetorischen Fähigkeiten
bei Higgins und Pickering Eindruck zu machen. Und Higgins, der stets weit
entfernt davon ist, die Menschen ernst zunehmen, sondern es vorzieht, sie vornehmlich als
Feinde (Frauen!) oder als wissenschaftliche Objekte zu betrachten, war entzückt ob
dieser egozentrischen Moral, ohne zu erkennen, wie sehr sie seinem eigenen
narzisstischen Lebensstil
ähnelte!
Darstellung
Für den temperamentvollen Daniel Morgenroth bedeutet die Higgins-Rolle
sicherlich auch eine körperliche Großleistung; denn er vermeidet die von
vormaligen Darstellern ausgestellte Attitüde des weltfernen, in seiner
bornierten Sturheit und distanzierten Arroganz stets um Überperfektion bemühten upper-class-Vertreters. Er outet sich
eher als ein lebendiges
Beispiel für einen cholerischen Bärbeißer, der fernab aller Gefühle (und des guten Benehmens!) für
andere, nur sich selbst, seine "Mission" und seine ehrgeizigen Ziele
kennt, wohl aber dennoch die Schwächen der Menschheit aufzuspießen
versteht! Doch leider unbeherrscht in der Wahl seiner Beleidigungen und Schimpfwörter,
tritt er die Seele des Mädchens mit brutaler Wortgewalt. Dass seine Bonmots
über Frauen und ihre Zuordnung in das gesellschaftliche Leben (vor
allem in das der Männer!) von so viel (Molière'scher)
Menschenfeindlichkeit und Shaw'schen Scharfsinn geprägt sind, macht ihn
nach wie vor zur wohl faszinierendsten Figur des Abends. Doch,
wenn er plötzlich leise, beinahe traurige Töne anschlägt, weil seine mit
äußeren Stacheln bislang so perfekt getarnte Isolation von allem
Lebendigen jäh zerbrochen ist, dann ist er letztlich der einzige, mit dem man Mitleid
haben muss.
Mit Franziska Froster als Eliza hat
Lund eine überragende Sängerin engagiert, die zwar einen ganz anderen
Typus als Hepburn, Andrew und Hübner verkörpert, aber mit ihren
zartesten Tönen Steine erweichen könnte und in ihrer Wut die
ganze Welt miteinander gegen dieses gefühllose, ausbeuterische,
egoistische Mannsvolk verbindet! Was für eine Bandbreite! - Wie wunderbar hat Shaw auch Higgins
Mutter gezeichnet, eine echte Lady, mit Witz und Überblick und großem
Herz für die arme Eliza; Monika Lennarzt, vom Gorki-Theater sehr wohl
bekannt, ist eine ebenso feinfühlige wie lebenspraktische
Mrs. Higgins! Für Anton Rattinger, der hinter dem Wüterich Higgins
naturgemäß als jovialer gutmütiger Freund und echter Gentleman ein bisschen zurückstehen
muss, und den zarten Jung-Liebhaber Freddy (Dennis Jankowiak) mit
erstmals nicht schmalzigem, sondern kräftig klangvollem Tenor sowie der
jeder Rolle ihre Individualität gebenden Dagmar Biener als Haushälterin
Mrs. Pearce, zeigt Lund eine gute Besetzungshand.
Der Choreographin sollte ein Extra-Applaus gezollt werden; nicht nur
dafür, dass sie die feine Ascot-Gesellschaft als starre, mit tollen
Kleider ausstaffierte Marionetten wie schockgefroren auf die Bühne
stellt, sondern dazu im Gegenpart die Vitalität der Müllarbeiter als
quicklebendiges Underground-Tanzensemble mit tollster Lebenslust über
die Bühne wirbeln läßt!
My Fair Lady läßt bitten - noch bis
zum 14. September! A.C.
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