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Onegin von
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nach dem Versroman von Alexander Puschkin: Musik von: Peter I. Tschaikowsy, bearbeitet von Kurt-Heinz Stolze Staatsballett Berlin
Choreographie und Inszenierung: John Cranko. Bühne und Kostüme: Elisabeth Dalton; Die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Vello Pähn Mitwirkende: Tatjana:Polina Seminova und Nadja Saidakova Onegin: Wieslaw Dudek und Ronald Savkovic Olga:Gaela Pujol, Iana Salenko und Corinna Verdeil Lenski:Michael Banzhaf, Marian Walter und Rainer Krenstetter Fürst Gremin: Ibrahim Önal und Martin Szymanski sowie Solisten und Corps du ballet des Staatsballetts Berlin
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Eine Welt ohne Worte - sie ist eigentlich unbeschreibbar, weil sie eben sprachlos ist. Aber sie ist beredt: jede noch so kleine Bewegung, Drehung, Biegung des Körpers erzählt, was im Innersten des Menschen vor sich geht, was sich in seiner Seele gelagert hat, was sich in dieser tonlosen Sprache zuweilen offen wie ein Buch mitteilt. Psychologen können daher sehr bald eine erste Analyse über den Menschen machen, der sich ihnen vorstellt, ohne, dass er noch ein Wort über seine Person hat erlauten lassen. In der Kunst des Tanzes ist jede Deutung ohne Bewertung - sie verläuft allein über die Empfindungen, die sich von dem Tänzer auf den Zuschauer mit oder auch ohne musikalische Verstärkung übertragen. Wie groß die künstlerische Darstellung der Tänzer im Einzelnen ist, können wir rein technisch natürlich messen, aber der Zustand, in den sie uns, die direkten Zuschauer, die indirekten Mitwirkenden versetzen, ist von unterschiedlichen Einflüssen abhängig: Betroffen ist letztlich nur der, der fähig ist, in dem Maße mitzuschwingen als die Tänzer auf der Bühne und die Musiker im Orchestergraben es vermögen, ihre Botschaft übermitteln. Zur Wirkung gehören also dreierlei: die Interpretation und Begleitung der Musik, die Ausdruckstransparenz der Tänzer und das Arrangement ihres Choreographen, der die stummen Geschichten aus dem Inneren der Seele auf den Ausdruck der Figuren dramaturgisch überträgt und Gestalt annehmen läßt. Handlungsballett ist in diesem Sinne immer noch das erfolgversprechendste Sujet und, wird es so dargeboten, wie der "Onegin" im Staatsballett in der unübertroffenen Fassung (1967) des großen Ballettmeisters John Cranko, dann scheint hier etwas Unvergängliches wie in einem einzigartigen Gemälde für immer festgehalten zu sein. Um sich John Crankos choreographischen Vorgaben in idealer Weise anzunähern, wird die Wiederaufnahme beim Staatsballett Berlin gegenwärtig von Ivan Cavallari vorbereitet. Der gebürtige Italiener ist über viele Jahre hinweg Erster Solotänzer beim Stuttgarter Ballett gewesen und wurde dort zum gefeierten Interpreten der Titelrolle und des gesamten Cranko-Repertoires. Seit seinem Abschied von der Bühne – Ivan Cavallari ist heute der künstlerische Leiter des West Australian Ballet in Perth und macht sich zunehmend als Choreograph einen Namen – wird er regelmäßig verpflichtet, Choreographien von John Cranko mit Ballettensembles in aller Welt neu zu erarbeiten.
Da ist Onegin, der junge reiche
Gutsbesitzer, elegant, arrogant und gelangweilt, der das Herz der
kleinen sensiblen Tatjana jäh entflammen läßt; und sie, jungmädchenhaft
hingerissen von dem Mann ihrer Träume, schreibt diesem einen mutigen
Liebesbrief, den Onegin ohne jegliches Feingefühl vor ihren Augen brutal
zerreißt. Tatjana wird ihr Leben lang an dieser Liebe leiden. Das ist natürlich Stoff, aus dem große Dramen gestrickt werden. Und es ist eine grandiose Ballettszenerie, die sich hier auftut und von den Tänzern des Staatsballett perfekt genutzt werden. Nicht nur der große Pas de Deux des 1. Akts in der romantischen Traum-Spiegelszene Tatjanas und Onegins sowie seine Wiederholung ( nun allerdings bittersüße Realität geworden) im 3. Akt gehören zu den sinnlichsten Liebesszenen der Tanzbühne, auch die Soli Onegins und Lenskis sind hervorragende Persönlichkeitsanalysen: da ist der selbstverliebte, blasierte Dandy Onegin, der, wie ein Pfau schreitend und jede Bewegung kühl kalkulierend, von den Tänzern Dudek und Savkovic hervorragend verkörpert wird, die in ihren Hebungen, Sturzflügen, in und den kompliziertesten Drehungen die verführerische, beinahe diabolische Leidenschaft dieses Mannes in geradezu vulkanische Ausbrüche verwandeln können. Die Herren Banzhaff, Walter und Krenstetter tanzen den Lenski; sie verleihen dem Träumer, dem Phantasten, der in seinem verletzten Stolz der Unnachgiebigkeit der steifen Etikette seiner Gesellschaftsklasse bis zur Selbstvernichtung gehorcht, auch den Zauber einer vergangenen Epoche. Die sehr, sehr jungen Damen sind natürlich nicht nur technisch ausdrucksstark, biegsam wie Weidenruten, leicht wie Federn, anmutig wie Elfen, sie sind auch schauspielerisch wandlungsfähig: wie aus dem kleinen Mädchen Tatjana die hingebungsvolle, sich selbst überwindende reife Frau wird, das ist weder für Polina Semionova eine Frage noch für die sehr zarte Nadja Saidakova. Und auch die drei ebenbürtigen Darstellerinnen der Olga, Gaela Pujol, Iana Salenko und Corinne Verdeil, entzücken ob ihrer grazilen Leichtigkeit und atemberaubender Tanzkunst. Würdevoll und beherrscht schreiten gravitätisch Ibrahim Önal und Martin Szymanski als Fürst Gremin die Front ihres jubelnden Hofes ab, am Arm die zärtlich sich schmiegende Gattin, die in diesem Augenblick noch nichts von dem bald darauf folgenden Orkan ihres Herzens ahnt. Wer meint, folkloristische Klänge zu hören, die ganz und gar nicht russisch sind, der täuscht sich nicht; denn die teils wunderbar grotesken und fröhlichen Festtänze sind tatsächlich aus dem Reich der griechischen und ungarischen Volksmusik. Und wer an Romeo und Julia im Pas de Deux des 1. Aktes an Romeo und Julia denkt oder sich im 3. Akt an "Francesca da Rimini" erinnert fühlt, der empfindet doppelt Genuss! A.C.
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