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Orest von
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Vom Ballast des Barock befreit |
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Oper in drei Akten nach einem Libretto von Giovanni Gualberto Barlocci; deutsche Textfassung von Werner Hintze und Bettina Bartz
Musikalische Leitung:
Thomas Hengelbrock Besetzung:
Kurz gefasst: Ein vergnüglicher, musikalisch ansprechender, mit besten "Ohrwürmern" Händels gespickter Opernabend, der endlich die entsetzlich mühsamen stundenlangen Wiederholungsgesänge aufs Angenehmste verkürzt und aufbereitet, ohne, dass die Musik irgendwelchen Schaden erleidet. Frisch auf getischt und mit witzigen Apercus serviert. Da macht es wieder Spaß, eine Barockoper zu erleben.
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Thomas Hengelbrock dringt von Anfang an auf Tempo und schafft so mit seinem scheinbar wie ein Frühlingswind dahingleitenden Orchester und den vergnügt agierenden Darstellern einen zügigen, störungsfreien Durchlauf ohne endlose Hörstrapazen, in dem sich die da-capo Arien aufs Angenehmste verkürzen, elegant, dramatisch und spannungsgeladen einfügen; Dazu steht ihm ein junges, spielfreudiges, wendiges Ensemble zur Verfügung, dass die Absonderlichkeiten der Inszenierungsphantasien wie selbstverständlich in den Ablauf des bekannten Geschehens einbezieht - fast, als ob die Sänger so eben nebenbei agieren, dabei nie das eigentliche, ureigenste Anliegen der Barockoper außer Acht lassend: nämlich das Publikum mit zauberhaften Koloraturen und stimmlichen Variationen innerhalb einer schaurig schönen Geschichte zu unterhalten. Denn die griechischen Göttersagen sind, wer wollte es leugnen, schrecklich grausam und verstricken den Menschen stets in neue, blutige Schuld. Des Menschen Schicksal ist vorbestimmt, und er kann ihm nicht entfliehen. Wer seinem Orakel zu entkommen versucht, wird geradewegs in sein Unglück hineinlaufen. So ergeht es in diesem Libretto auch Thoas, dem König der Taurer, dem das Orakel verkündete, er werde einst von Orest getötet werden. Fortan beschließt er, jeden Fremden, der die Insel betritt, der Göttin Artemis zu opfern, deren Hüterin ausgerechnet Orests Schwester Iphigenie ist (Goethe: Iphigenie auf Tauris), und die nun unter ständigem Stress leidet(Die Vorgeschichte Orests und Iphigenies wird zu Beginn der Oper dem Publikum auf einer Schrifttafel erzählt). Die opera seria beginnt, als Orest eines Tages - getrieben von den Plagegeistern der Schuldgefühle - tatsächlich auf der Insel landet und als Iphigenie, die ihn als kleines Kind zuletzt sah, ihn zwar nicht erkennt, sich aber seltsam zu diesem Fremden hingezogen fühlt. Charlotte Hellekant ist ein markiger Orest, ein bisschen trotzig und sehr tapfer, der all das Leid der vergangenen Taten schmerzvoll stimmlich auszudrücken versteht. Ihrem Orest gibt sie einen dramatisch vollen und variablen Sopran, der in seiner tiefen Hingabe die Todessehnsucht des Muttermörders ergreifend nahe bringt. Leider ist sie nicht immer klar verständlich, so wie die glockenhell klagende und jubelnde Schwester Iphigenie (der hier allerdings keine Arie zugedacht ist) und die Ehefrau Hermione, deren trillernde Toneskapaden bezaubern. Beide Frauen sind so klar und rein, so hinreißend beweglich auf die emotionalen Partien eingestimmt, dass sie dem noblen Anspruch der alten Unterhaltungsopera durchaus gerecht werden. Die sich im Rückblick und Vorgriff entwickelnde Dramatik wird durch die wechselnden Tempi des Orchesters (rasche, pausenlose Übergänge zu getragenen sakralen Passagen, die den alten Hörgewohnheiten in Oratorien angepasst sind), spannungsreich vorangetrieben. Immerhin droht ja allen Ankömmlingen der Tod, was durch weiße Menschenknochen und sehr viel Blut (vor allem auf der Videowand) überzeugend dargeboten wird, ohne jedoch den ästhetischen Zauber der Musik zu zerstören. Hermione und Pylades sind die Orest auf die Toteninsel gefolgt und werden sofort von Thoas als Opfer für die Göttin Artemis gefangen genommen. Gnade können sie nur erwarten, wenn sich Hermione dem Herrscher Thoras hingibt. Auch Orest wandert in den Käfigkerker, in dem er verzweifelt, getrieben von den schwarzen Erinnerungen, hin- und hertigert, bis ihn Iphigenie mit Hilfe des Hauptmanns Philoktet befreit, nachdem sie diesem etwas vage ihre Liebe versprochen hat. Maria Streijffert gibt diesem Haudegen einen sanftem, warmherzigen Alt, und stürzt sich, als er Iphigenies Liebe nicht gewinnen kann, in den Tod (ein Autounfall per Video) . Da seine/ihre Stimme aber noch benötigt wird, tritt er fortan mit einem Schild "Exit" vor der Lederbrust auf. Die Bühne, die nun nicht mehr eine Mittelmeerinsel vorgaukelt, zeigt einen Wachraum auf der Krim, zwei Käfigkästen als Tempelinneres und das Gemach des (zwischen Gutmütigkeit und wilder Tollheit baritonal überzeugend schwankenden) Herrschers Thoas, der zum märchenhaft-grausamen Schluss des Dramas als fingerfood verspeist wird. An den Fronten der Kasten-Tempel werden aktuelle Videoaufnahmen gezeigt: Opferriten, touristische Reiseaufnahmen, Meereswellen oder auch nur Bildstörungen. Dazu gibt es nun allerlei Assoziationen. Das Orchester spielt, wie früher üblich, im Hintergrund, und der Dirigent führt seine Sänger sozusagen Rücken an Rücken. Vor dem Orchester sitzen auf einer Bank die gerade nicht aktiv einbezogenen Darsteller, die auch die Videokamera bedienen. Die Sänger wuseln zwischen den Requisiten, besetzen die eckigen Kästen auch als Gefängniszelle oder als Innenschau der Gehetzten und Verurteilten. Die Soldaten tragen Phantasiemasken und schieben die Delinquenten auf der Bühne herum. Das alles sollte nur Staffage, Beiwerk sein, damit die Sänger nicht - wie zumeist üblich - stocksteif herumstehen, um permanent ihre Arien zu wiederholen. Dabei entsteht, so vieldeutig und bedeutungsschwer (Rassismus, Schuld, Sühne, Übertragung in die Gegenwart usw.) die Inszenierung auch sein soll, und das erfährt man ja ohnehin nur aus dem Programmheft - jedoch durchaus eine kontinuierliche, lebendige Dramaturgie, die den Blick wie einen Kompass auf das Orchester und die Sänger lenkt und nicht auf Blut und Knochen fokussiert. Die Musik ist und bleibt also dominant. Und das sollte auch so sein. Viel Beifall für die Musiker und Sänger, aber auch Buhrufe für die Regie. Die Meinungen werden sich teilen, wie stets bei der Komischen Oper, die sich, wie man hört, ja nun auch vermehrt der Barockoper zuwenden wird. A.C.
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