Orpheus und Eurydike

von
Joseph Haydn

 

 

Erstmals in Berlin: Haydn's letztes Opernwerk

 

 

Bode Museum

Regisseur und Dirigent: Christoph Hagel

Orchester: Berliner Symphoniker

Choreographie: Sabina Ferenc und Manu Laude

Eurydike (Sopran): Monica Garcia Albea, Carola Reichenbach; Orpheus (Tenor); Alexander Geller, Joseph Schnurr; Genio (Sopran): Darlene Ann Dobisch, Norina Kutz; Creonte (Bariton): Christian von Oldenburg; Gero Bublitz; Chor: Alexandra Schmidt, Sopran; Matthias Unger, Tenor

Tänzer: Manu Laude; Olga Lopez; Caroline Sobottka; Nadine Steinert

Kostüme: Theresa Grosser, Maske: Manuel Müller, Projektionen: Tina Zimmermann, Klangeinspielung: Arno Frisch, Textbearbeitungen: Andreas Hass

 

Klassisch und modern zugleich inszeniert Dirigent und Regisseur Christoph Hagel Haydns letztes Meisterwerk. Symphonische Elemente mischen sich mit dramatischen Szenen und Arien. Preisgekrönte Sänger, zeitgenössischer Tanz und die Berliner Symphoniker lassen den Orpheus-Mythos im Sinne von Vergil und Ovid im  klassischem Ambiente der Basilika des Bode-Museums auferstehen..

 

 

 
Die aufregendste und zentrale Szene in sonst eher kühl abstrakten Inszenierung der späten Haydn-Oper zeigt einen ungewöhnlichen Einfall eines ungewöhnlichen Künstlers: der Franzose Manu Laude verkörpert Pluto, den Herrn des Hades, den Tod-Feind des klassischen Liebespaares; er ist ein artistischer Tänzer mit bezwingender kraftvoller Anmut. Während sich Pluto Eurydike nähert, läßt er die große glitzernde Schlange, die sich um seinen Oberkörper windet, in Zeitlupe auf Eurydikes Nacken, über ihre Arme, Brust und Haupt hinübergleiten, bis sie in ihrer sanften Sterbearie "L' ultimo sospir" ihr Leben aushaucht. Sie gehört nun ihm, dem Tod, und wer ließe eine solch schöne Geliebte freiwillig wieder gehen? Das ist ganz gewiss die Entdeckung dieses Abends, und diese beiden Darsteller - Manu Laude und Carola Reichenbach - rechtfertigen den Besuch einer ansonsten guten, nicht unbedingt hinreißenden Inszenierung. Überzeugend sind an diesem Abend auch Gero Bublitz als Creonte und Darlene Ann Dobisch als Genio.
Christoph Nagel, bekannt geworden mit seinen eigenwilligen Aufführungen an ausgewählten Orten, den adäquaten Inszenierungen, seinen ausgewählten Musikern und stets vorzüglichen Sängerinnen und Sängern, bezauberte mit einem frühen Mozart-Werk bereits ein großes Publikum im Bode- Museum, begeisterte mit einer modernen Variation der "Zauberflöte" in der Kanzler-U-Bahn und wirbt nun wieder im festlichen Museum an der Spree für das bald beginnende Haydn-Festjahr mit eben dessen letztem Opernwerk, das Haydn 1791 für seinen London-Aufenthalt komponiert hatte, für dessen Aufführung er jedoch keine königliche Erlaubnis erhielt. Und so wurde diese überwiegend zart-süße, doch durchaus auch kraftvolle, dramatische Komposition erst 160 Jahre später in Florenz mit Maria Callas! uraufgeführt. 217 Jahre nach ihrer Niederschrift ist sie nun erstmals auch in Berlin zu sehen.
  

Dass das Orchester die hohe Gewölbe-Akustik nicht so glänzend parieren kann, wie es der Ausstrahlung dieser Musik wohl angemessen wäre, ist betrüblich, doch vielleicht würde demnächst eine andere Placierung der Instrumente mehr Klangfülle ermöglichen? Die Sängerinnen und Sänger allerdings, die sich auf dem gleißend weißen Laufsteg, begleitet von ihren tänzerischen Gefährten, gefühlvoll und leidenschaftlich den kostbaren Arien mit stimmlicher Brillanz hingeben, vermögen sehr wohl mit ihren kristallklaren Mezzos die angespannte Atmosphäre mit der Erwartung von Liebe und Leid zu verzaubern, indem sie Kaskaden von trillernden Tonleitern vibrieren lassen.

Eurydikes Tod ist das Opfer, das der liebende Orpheus den Göttern der Unterwelt darbringen muß.  Das Credo der antiken Mythologie ist deutlich: Liebe erträgt keinerlei Beschränkung, und ihre Zeit wird von den Göttern bemessen. Orpheus' irdische Liebe ist daher geprägt von der Angst um den Verlust, von der eigenen Unsicherheit, von menschlichem Mangel an Vertrauen in die eigene Stärke und Kraft. So verliert er die Geliebte, als er sich verbotenerweise nach ihr umschaut, während er sie aus dem Hades führt, ein zweites Mal. Der Moment, in dem er sich dem Gebot der Götter widersetzt, weil er ihnen (und der Liebe seiner Frau) nicht traut, ist aber auch der Aufbruch in eine neue Zeit, in der sich der Mensch nicht mehr an die Götter wenden kann, sondern das Schicksal hinnehmen muss, wie es sich ereignet. Er ist nun fortan der Hüter seiner selbst.

Vielschichtig ist dieses Werk interpretierbar, immer wieder musikalisch verfeinert und in jene Spären gehoben, die es über sich selbst hinaus zur Kunst erhebt. In dieser barocken Version von Haydn, in der die Bacchantinnen zum Schluss auch Orpheus mit einem Becher vergifteten Weines endgültig mit Eurydike vereinen, ist dieses  Werk ein kostbares Kleinod der Opernliteratur. A.C.