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Otello von
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Otello: Antiheld in Hosenträgern
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Dramma
lirico in vier Akten Libretto von Arrigo Boito nach Shakespeares
Tragödie „Othello, the moor of Venice“ Uraufführung am 5.Februar 1887
in Mailand
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In Erinnerung behalten wir den süßen Schmelz der hingebungsvoll leidenden Anja Harteros, Publikumsliebling – ein Stern am Opernfirmament: vom Scheitel bis zur Sohle eine Dame: Desdemona (sehen wir von den grässlichen Kostümen: blaues Küchenkleid und überdimensional geschmackloses Brautkleid einmal ab - die Tochter eines Dogen hätte sich wahrhaftig fürstlicher gekleidet, und dann noch als Italienerin)! Wie man der Griechin die mediterrane Schönheit und die reine Gesinnung an Geist Seele abnimmt, so legt man bei ihrem hitzigen Otello, der keinen Moment lang Zweifel an seiner alle vernichtenden Eifersucht aufkommen läßt, eher psychologische Maßstäbe an. Seine emotionale Unausgewogenheit, die seiner erfolgreichen Macht- und Führungsrolle widerspricht, seine Minderwertigkeitkomplexe, die sicher nicht nur aus seiner afrikanischen Herkunft herrühren, werden, seit Verdi sein vielleicht bedeutendstes aller Shakespearedramen in einen musikalischen Rausch umsetzte, als Erklärung für ein Verhalten bemüht, das in hohem Maße verwunderlich ist. Denn in der Weltstadt und Seemacht Venedig gingen Orient und Okzident ein und aus, und man war es gewöhnt, Kaufleuten, Seefahrern und Gesandten andrer Hautfarbe täglich auf der Piazza zu begegnen. Musiaklisch kennzeichen die tiefen Bläser die Charaktere von Otello udn Jago, sollen deren wahnsinniges und dämonisches Charakterbild auszeichnen. Nein, das waren weder Shakespeares noch Verdis wahre Motive, diese innigste aller Liebesgeschichten in die traurigste aller Eifersuchtstragödien zu verwandeln. Wahn und Wirklichkeit vermischen sich in Otellos unsicherem Selbstwertgefühl, denn weder scheint er in seiner Persönlichkeit noch in der Liebe zu Desdemona gefestigt zu sein – ist es bei ihm gar nur eine erotische Anziehung, die verklingen kann, und deren langer Bestand nach Otellos Erfahrung (sicherlich!) fraglich ist? Und dass er daher nicht annähernd erfassen kann, wie seelentief Liebe sein kann? Auch diese Interpretation gibt es häufig. Nun wird dieser Mensch, dieser stattliche, viel
dekorierte Feldherr in der "modernen" Regie von Andreas Kriegenburg,
derzeit gefragter Opernausstatter, in ein derbes Wams mit Hosenträgern
gesteckt, um seinen neuen Status als Gouverneur der Insel Zypern zu
kennzeichnen. Die Regie macht aus ihm zwar einen leidgeprüften, weil
kleinmütigen und kleingeistigen Otello, aber der kraftvolle Tenor des
rollenerprobten Argentiniers Jose Cura gleicht trotz intensivster
Passagen eben keinem Domingo, an dem diese Rolle seit je her haftet wie
Honig. Und was ist mit Jago, der, persönlich und militärisch zu kurz gekommene Intrigant aus Passion, der sich als Vertreter und Erfüller des Bösen sieht und keine Minute ruht, um das Feuer zu schüren, indem er geschickt Verdachtsmomente fortentwickelt und mit seiner Intrige die Menschen in den Tod treibt? Zeljko Lucic allerdings ist kein Bösewicht nach Art eines Richard III. oder ähnlicher blaublütiger und blutdürstender Vorbilder; sein all umfassender fester Bariton genügt wohl nicht, um diese infernalische Figur transparent zu machen und das Publikum das Gruseln zu lehren. Er ist so jovial und sympathisch hinterhältig, dass ihm Otello trotz anfänglichen Argwohns, leicht auf den honigsüßen Leim geht - und nun passen auch die Bienenwaben wieder. In dichter und düsterer Stimmung vibriert der vierte
Akt: in einem leeren, mit dunklem Holz getäfelten Schlafzimmer warten
Desdemona und ihre Zofe Emilia, Jagos Frau, auf Otello. Und die kühle,
angsterfüllte Atmosphäre wird mit Desdemonas herzerweichenden
Sehnsüchten, Ängsten, Gewissheiten erfüllt und fühlbar. Anja Harteros
schickt ihre Liebespein in zartesten Pianissimi in eine grausame stumme
Welt, zelebriert die ihre Hilflosigkeit in letzter Frömmigkeit
Seelenpein, wirbt um Otello mit inniglicher Wärme und Hingabe und setzt
damit den ausgleichenden Ruhepol zu Summers Fortissimo-Dirigat. Na, wenn sich da nicht eine tolle Inszenierung draus hätte machen können: Dazu ein Venedig, wie es seine Feste zu feiern verstand, seine Macht entfaltete, seinen Eroberungen und seinem Übermut noch keinerlei Grenzen gesetzt waren, und diametral: das Liebesdrama inmitten eines verrohten Kriegergesellschaft, für die List und Intrige, Tod und Folter an der Tagesordnung waren. Und inmitten eine behütete und verwöhnte schöne junge Frau, die auf Zypern in drückender Einsamkeit landet. Regisseur Kriegenburg wollte das Drama in die Gegenwart versetzen – aber damit hätte er konsequenterweise sämtliche Logik in Desdemonas Verhalten ad absurdum geführt! Liebe, Leid und Tod - das sind, zeitunabhängig, die beherrschenden Themen des Lebens - und des Theaters. Verdi und sein kongenialer Librettist Arrigo Boito haben die Vorgaben William Shakespeares in die Idealform der italienischen Oper verwandelt. Man sollte ihnen treu bleiben. A.C.
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