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Requiem
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Das Leben beginnt mit dem Tod
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Komische Oper Totenmesse in d-moll für vier Solostimmen, Chor und Orchester KV 626 (Fassung Franz Beyer) In der Schlangengrube, sechs Lebenslinien von Musikalische Leitung: Markus Poschner, Bühnenbild: Michael Graessner, Kostüme: Tabea Braun, Dramaturgie: Ingo Gerlach, Chöre: Robert Heimann, Video: Stefan Bischoff Sopran, Agneta Eichenhlz, Brigitte Geller; Alt: Elisabeth Starzingwer, Tenor: Peter Lodahl, Bass: Dimitry Ivashchenko mit: Kathrin Angerer, Irm Hermann, Hendrik Arnst, Herbert Fritsch, Lutz Kohl Das Requiem ist Wolfgang Amadeus Mozarts (1791) letzte Komposition, stammt aber nur zu etwa zwei Dritteln tatsächlich von Mozart; gleichwohl ist es eines seiner beliebtesten und am höchsten eingeschätzten Werke. Da es sich um ein bestelltes Werk handelte, vervollständigten seine Schüler Joseph Eybler und Franz Xaver Süßmayr das Requiem im Auftrag von Constanze Mozart, der Witwe des Komponisten. Das Requiem beginnt mit einer siebentaktigen Orchestereinleitung, in der die Holzbläser (zuerst Fagotte, dann Bassetthörner) in „überlappender“ Folge das Hauptthema des Werks vorstellen. Es hat sein Vorbild in einem Anthem von Georg Friedrich Händel (dem Chor The ways of Zion do mourn aus dem Funeral Anthem for Queen Caroline, HWV 264) und wirkt vor allem durch eine ansteigende Tonfolge in Vierteln einprägsam. In mehreren Sätzen des Werks finden sich Anklänge daran, unter anderem in den Koloraturen der Kyrie-Fuge und im Ausklang des Lacrimosa. Dieses Netz motivischer Beziehungen hat große Bedeutung für das Werk.
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Wehmut und Trauer, und keinen Trost - mit diesen Gefühlen wird man diese Mozart-Messe, die keine mehr sein soll, am Ende verlassen: denn die überirdisch hingebungsvollen Klänge, dieser einzige Aufschrei, der ein Sich-Fügen, die Akzeptanz der Todesgewissheit und eine ebenso demütige wie leidenschaftliche Fürbitte an jenen Christus ausdrückt, der die Menschen vom Tode erlöste, das höchst kraftvolles, visionäre Bild, das uns der bereits todkranke Mozart in einer immerwährenden, ergreifenden wie verzweifelnden Komposition hinterließ, wird hier zerbrochen, wird zerteilt in Fragmente, die sehr heutigen, sehr zeitgemäßen, sehr destruktiven Strukturen folgen. Dagegen kann der hoch engagierte Markus Poschner sein Orchester jedoch beherzt durch die dunkle "Schlangengrube" menschlicher Einfallslosigkeit und eines neuen Volksbühnen-Defätismus führen; da mag die wie von elektrischen Teilchen geladene Emotionalität des Mozarteischen Genies uns den Atem nehmen und uns verschrecken, doch gibt sie dennoch neben aller Angst, Wut und Trostlosigkeit dennoch einen Funken Hoffnung, Glaube und Liebe - vorausgesetzt, man bemüht sich, die todkranken und todtraurigen Reste menschlicher Würde und Existenz, wie sie hier gezeigt werden, in die Gnade einer Macht zu sehen, die noch über dem Horizont des Regisseurs und seinen Wortgebern liegt. Denn in diesem Kaleidoskop menschlicher Empfindungen stehen die Gefühle des Menschen auf der einen gegen den Zorn Gottes auf der anderen Seite. Es ist keine Musik aus einer anderen Welt, die von jenseitiger Harmonie und Schönheit kündet, sondern indem Mozart auf die hohen Holzbläser verzichtet, ergibt sich ein weicher, dunkler Erdenklang. Es ist eine sich aufbäumende Musik, die sich dunkel und gewaltig an die Sterbenden wendet, die Hilfe beim Abschiednehmen suchen und an ihre Hinterbliebenen, die den schmerzenden Verlust ertragen müssen und mit ihren Fragen alleingelassen sind. Denn die Musik gibt keine Antwort. Sie endet so, wie sie begonnen hatte. Der Tod beginnt mit dem Leben. Dann sind die Monologe und Lebenserinnerungen in Hospitälern und leeren Wohnräumen, die Aggressionen der Todgeweihten auf Bahnhofsvorplätzen und in Sterbezimmern nur mehr eine Apokalypse aus hoffnungsloser Perspektive. Sollte für uns Menschen die Gewissheit, das unser Leben heute oder morgen endet, und, wenn wir Glück haben, nicht unter zu lang andauernden bösen Leiden, vielleicht sogar in der Obhut einiger lieber Menschen und einiger fürsorglicher Ärzte und Krankenschwestern vielleicht sogar eine neue Bewußtseinsqualität beinhalten? Könnte man den Gedanken akzeptieren, dass die Erinnerungen an ein intensiv gelebtes und erfahrenes Leben auch ein wertvolles Vermächtnis für die Nachgeborenen sein könnten? In Ansätzen bemüht sich die Inszenierung, neben sehr realistischen Alltagserlebnissen auch Rituale anderer Völker dazustellen, die zu den Verstorbenen in jährlichen Feiern Kontakt aufnehmen, ihnen Speisen bringen und sich an ihren Gräbern festlich vereinen. Doch viel zu schnell werden Beigaben dieser Art wieder in den grauen Alltag eines herzlosen Verabschiedens gestellt, ob es die sachlichen Angebote von Bestattungsunternehmen, die lebensverlängernden Maschinen oder Särge zum Zusammenbauen sind. Eine Totenrede, gegen die sich der Tote wehren würde, eine Familie, die nach und nach ausgelöscht wird - was alles hat das mit dem Requiem zu tun? Das Thema ist zu groß und zu schwer, um es in so wenigen Sätzen, in so banalen Szenen hinzuschreiben, wie es dieser unbefriedigende Versuch ja auch zeigt, und was man im Programmheft mit informativen Beiträgen zu erweitern und auszugleichen sich bemüht. Dass Mozarts Requiem allein natürlich keinen Opernabend füllt, ist bekannt - und warum sollte es auch? Ein Konzert, in dem die Musik bereits allein unsere Aufmerksamkeit erreicht, unsere Wehmut weckt, unsere Sinne erfüllt - und uns für Augenblicke zum Nachdenken über Leben und Sterben herausfordert - das wäre mehr als genug. A.C.
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