Ring um den Ring
 

 von Maurice Béjart
 

Choreografie und Inszenierung von Maurice Béjart

 

Tanz um den Ring der Macht

   

Berlin Ballett

 Deutsche Oper

Musik von Richard Wagner

Metamorphose der Tetralogie über den "Ring der Nibelungen"

Szenarium von Philippe Godefroid und Maurice Béjart

Musikalische Dramaturgie Elizabeth Cooper, Philippe Godefroid, Bühne und Kostüme: Peter Sykora

 

Kurze Beschreibung

Wo die Handlung Assoziationen zum Wagner’schen Ring oder zur Nibelungen-Saga freigibt – letztlich durch die leider oft schwer verständlichen, lang gedehnten Wortfetzen eines Erzählers strapaziert - fällt auch die Wahrnehmung der Tanzhandlung leichter. Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung sind jeweils im Ansatz transparent, verschwimmen dann aber in einer durchgängigen Abstraktion einer sich nicht so leicht von selbst zu erschließenden Metamorphose, das heißt, einer Wiedergeburt aus Vergangenem. So wie sich eine Raupe verpuppt, um nach geraumer Zeit als  zarter Schmetterling aus dem Kokon zu schlüpfen, so erscheinen hier die komplizierten Abläufe der Saga auf die emotionalen Grundmotive zurückgeführt: Gier nach Gold, nach Macht, daraus sich ergebend: Mord und Betrug, aber immer wieder auch: Liebe und Versöhnung, Rache und Vergebung, die sich  in expressiver Form weit ausladend und in vielfältigen künstlerischen Formen und Figuren allumfassend ausbreiten.

Zurück

 

 Nicht so amüsant wie bei Loriot, nicht so selig-deutsch-romantisch wie bei Richard Wagner und nicht so donnergewaltig-blutrünstig wie im alten germanischen Nibelungen-Epos, der „Edda“, präsentiert sich der Ballettabend „Ring um den Ring" - des Berliner Staatsballetts in der Deutschen Oper. Wie bereits vor 14 Jahren sind Choreographie und musikalische Einreihung in altbewährter Hand von Maurice Béjart, dem 77jährigen Virtuosen des Tanzes, der stürmisch für die Neuauflage eines alten Konzepts gefeiert wurde. Ballett-Enthusiasten und besonders all jene Ballettfreunde, die um den Restbestand der ehemals drei Berliner Tanzcompagnien fürchteten, waren und werden immer wieder voller Begeisterung über die große Spannbreite choreografischer Ideen, über die großartigen ausgefeilten tänzerischen Kapazitäten sein, die hier in einem einzigartigen Superlativ der Ideenvielfalt zusammengestellt wurden.

Vladimir Malakhov hat sich, wie man sagt, nach längerem Zögern, zur Intendanz entschieden, und damit sehr bewusst das zurückgestellt, wofür er eigentlich nach Berlin verpflichtet wurde: das Publikum und seine Tänzer von seiner großen russischen Schule, von seiner tänzerischen, musikalischen und choreografischen Kompetenz zu überzeugen. Nun bleibt dem elegantesten Tänzer, den es wohl zur Zeit wohl in Europa gibt, vor allem überlassen, für Ordnung und Organisation in einem neu zusammengestellten 88 Tänzer umfassenden Ensemble zu sorgen und einen durchaus unterschiedlich ausgerichteten Kunstgeschmack des Publikums zufrieden zu stellen. Schade drum. Im „Ring um den Ring", einer Zusammenstellung höchst eigenwilliger choreografischer Collagen um die „Edda", „Wagner-Walküren" und dichterischer Tanzbilder in feinster Ziselierung, hat er sich selbst nur die Rolle des Germanengottes „Loge" gewählt; Er ist der Listigste aller Walhall-Bewohner, der in einer anrührenden Szene von Brünnhilde auf der Insel des Vergessens Abschied nimmt. Man wird sich daher – vielleicht auch ein geschickter Coup, sich rar und kostbar zu machen – um seine Gala „Malakhov & Friends" im Januar 2005 reißen...

Was Malakhov mitbringt, ist ein hohes Maß an Ausstrahlung und Einfühlung, mit der er jede Note in den entsprechenden Muskel umsetzt, scheinbar lässig, jedoch mit absoluter Disziplin Herr aller Bewegungsabläufe ist. Dazu vermag er Zärtlichkeit und Vitalität mit Temperament zu vereinen, und last not least, durch seine vibrierende Dynamik die gesamte Compagnie mitzureißen – das ist im „Ring" allerdings nur ansatzweise zu spüren. Aber er hat gute Zugpferde vor den Thespiskarren gespannt, der kreuz und quer wie ein gen Westen ziehender Planwagen durch die phantastischen Länder von Mystik und Musik fährt und so allerlei kuriose Gestalten mitnimmt, deren Bedeutung nicht immer ganz klar ist.

Da sind die Götter, Riesen und Zwerge, die Pakte eingehen, um sie wieder zu brechen, die Betrug und Mord nicht scheuen, um ihre Herrschaft zu sichern und zu mehren. Da sind die Wälsungen-Zwillinge (Polina Semionova und Ibrahim Önal), in ekstatischer Hingabe verbunden,  die aber von Hunding (Robert Wohlert), dem hintergangenen Ehemann, jäh aus ihrer unbekümmerten Nacktheit und wilden Verschlungenheit, aus leichten Traumgefilden, wieder  ins schwere Erdendasein zurückgeholt werden. Der Götterhimmel, vor allem Fricka, die Hüterin der Ehe, hat über ihren Treuebruch gerichtet, und ihr Gemahl, der einäugige Donnergott Wotan, wird die Tochter Brünnhilde verbannen, weil sie sich entgegen seinem Befehl, das inszestuöse Paar zu trennen, für die Liebenden entschieden hat. Zurück bleibt das Kind der Wälsungen-Liebe: Siegfried. Und nun schmiedet sich der Ring immer fester um das Geschehen.

Denn der Ring der Macht, zu Anfang den verspielt-naiven Rheintöchtern von Zwerg Alerich geraubt, von den Riesen Fafner und Fasolt in ihren Besitz gebracht und zuletzt von Jung-Siegfried im Kampf den Riesen abgenommen, ist Anfang und Ende der ganzen Gerangels. Was Siegfried nämlich nicht weiß: dass der Ring seinem Besitzer Verderben bringt, und auch Tarnkappe und Schwert nur dem Gewinn und Glück bescheren, der damit umzugehen versteht. Für Siegfried, den jungen, unverdorbenen Menschen aber sind diese Güter letztlich nur angenehmes Spielzeug, er versteht ihre Bedeutung nicht und somit wird er zum Spielball der alten Mächte. Indem für Siegfried zwei Tänzer – ein unbekümmerter Junge (Marian Walter) und ein erwachsener junger Mann (Michael Banzhaf) – die Gestaltung des persönlichen und mystischen Entwicklungsprozess übernehmen, wird die Macht des Schicksals transparent.

Teilweise hält sich Béjart an Wagner, lässt Arien aus allen vier Ringopern einspielen, deren Bearbeitung aber weder technisch von überzeugender Qualität ist, noch mit den elfenhaften Tänzerinnen und ihren schlanken Partner harmoniert. Der volle dunkle Alt der Brünnhilde zum Beispiel assoziiert leider eine andere Figürlichkeit als die der überaus zartenNadja Saidakova. Obwohl man nach dem tänzerischen Liebesakt der Zwilllinge (und Eltern Siegfrieds) an keine Steigerung so recht mehr glauben mochte, setzt nun die Saidakova, wahrlich wie ein Wesen aus einer anderen Welt, wie zuvor Gott Loge nun auch den kühnen Siegfried in Flammen, nachdem er gerade den sie beschützenden Feuerring so erfolgreich und folgenschwer durchbrochenhat. Dies ist nicht die gepanzerte, fast männliche, eigenwillige Brünnhilde, wie man sie aus Wagner-Inszenierungen kennt. Typischer getroffen sind dann schon  die wilde artistische Figürlichkeit des Alerich oder die herrische Dominanz der Damen am Gibichungen-Hof Gunters.

Es ist ein langer, streckenweise auch anstrengender Abend, der bereits die künstlerischen Kapazitäten eines großen und großartigen Ballettensembles erkennen lässt. Das wird noch deutlicher werden, wenn sich die Tänzer von derart kompliziert-verschlungenen Inszenierungen freigetanzt haben werden. A.C.