Robin Hood

von
Frank Schwemmer

 


Per PC zurück ins Mittelalter

 


Eine Kinderoper in 15 Bildern

Libretto von Michael Frowin Auftragswerk der

Komischen Oper

Musikalische Leitung: Patrick Lange, Inszenierung: Andreas Homoki, Bühnenbild: Frank Philip Schlößmann, Kostüme: Gideon Davey, Dramaturgie: Werner Hintze, Chöre: Barbara Kler, Kinderchor: Christoph Rosiny, Jane Richter, Licht: Frank Evin

mit:

Daniel: Thomas Ebenstein; Beate, seine Mutter: Christiane Oertel, Maximilian, sein Vater: Jens Larsen; Robin Hood: Christoph Späth; Alan van Dale: Dirk Kleine, Bruder Tuck: Hans-Martin Nau; Little John: Carsten Sabrowski; Lady Mary-Ann: Karen Rettinghaus; Bess, ihre Zofe: Caren van Oijen; Prinz John: Peter Renz; Sheriff von Nottingham: Karsten Küsters; Berater Harry. Hagen Matzeit; ein Schmied: Henrik Pitt

 
Wenn plötzlich aus dem Orchestergraben eine dschungelartige Pflanzenwelt in die Höhe fährt, aus der die wackeren Helden herausklettern - dann ist das schon ein toller Regieeinfall. Das Orchester spielt weit im Hintergrund, begleitet und führt das Geschehen mit spannend gesetzten Dissonanzen und einer aufregenden Atonalität. In Frank Schwemmers Kinderoper verirren sich die Märchenfiguren aus dem Mittelalter jäh in die Gegenwart, nämlich in das schrecklich bunt gemusterte Tapetenambiente einer Berliner Familie. Die zeichnet sich vornehmlich dadurch aus, dass sie, neben allen üblichen Erziehungs- und Belehrungsphrasen - sich gemeinsam am Laptop versucht, um dem Geheimnis dieses wundersamen Besuchs auf die Spur zu kommen.

Denn Daniels Vater hat dieses neue Spiel um Robin Hood entwickelt, und Daniel startet schon einmal den ersten Versuch - doch da weht die Tür auf, und es erscheint der Held des Spiels persönlich auf der Bildfläche; leicht konfus, doch gestisch perfekt, Bogen und Pfeil zielgerichtet auf den neuen fremdartigen Feind mit den "seltsam schlotternden Beinkleidern". Keiner weiß, wie  die erforderliche return- Taste auszulösen ist, und dann - mehr durch Zufall - wirbeln alte Märchen- und Mythenwelt und technische Neuzeit durcheinander. Das wird vom jungen Publikum mit Jubel begrüßt und ist, wie man den unbeschwerten Kommentaren der Kinder entnehmen konnte, recht vergnüglich und spannend. Aber, so bedauerte auch ein kleines Mädchen, es gäbe ja gar keine richtigen Lieder. Wohl wahr. So wundersam handlungsbezogen und situationsbegleitend Frank Schwemmer seine Tonfolgen auch gesetzt hat, so hat er wohl doch vergessen, was eine Oper letztendlich über-lebensfähig macht: das sind ihre Lieder, ihre Arien, ihre an- und abschwellenden emotionalen charakteristischen Ausformungen. Ganz einfach sollte das wiederkehrende Thema sein, das gerade Kinder zur Identifikation benötigen. Ob sie erkennen, wann und in welchem Zusammenhang Mozart und Wagner dieser Komposition ironisch Pate standen? Nicht nur, wenn die drei Frauen dem aufbegehrenden Nottingham den Mund mit einem großen Schloß verschließen, sondern eigentlich gleicht ja Robin Hood bereits in seinem grünen flatternden Kostüm und seiner Behändigkeit dem fröhlichen Vogelfänger, nur  dass dieser einen Käfig mit sich herumschleppt, während Robin und seine Freunde Köcher und Knute bereithalten.

Der Sprechgesang ist nach zwei Stunden erschöpft, und der Kinderchor (der übrigens ebenfalls per Computer hinübergebeamte Berliner PC-Freaks darstellen soll) hat so reizvoll getextete Lieder nicht, als das man sie nun mehr zuhause sofort nachspielen möchte. Aber die Handlung, die ja jedem Kleinkind mittlerweile geläufig ist, wurde kurz und gut gestrafft, die Figuren in voller Typisierung herausgearbeitet, und der Weltenwechsel nicht unnötig problematisiert. Eingebunden in die Schreckensherrschaft des Wüterichs Nottingham, dem machtgierigen König John und den auch nicht gerade zimperlichen Buschmännern, die sich um den Rächer der Armen und Waisen geschart haben, müssen sich Daniel und seine Eltern, nacheinander in Robins Welt hinübergespielt, mit den zeitlosen Tücken und Gefahren auseinandersetzen; denn Willkür, Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch waren ja nicht nur im mittelalterlichen England an der Tagesordnung. Glücklicherweise aber verzichten Schwemmer und sein Librettist weitestgehend auf politische Ambitionen, die Regisseur Homocki nur in Szenen des Kinderchors andeutet, der sich in zwei Gruppen teilt: die der angepassten Fronarbeiter (Kinder in schmutzig grauen Kleidern) und die der sich auflehnenden bunt gekleideten Revolutionäre. Aber das ist nur eine Randerscheinung.

Dass die Komische Oper hier ihre besten Sängerinnen und Sänger mit  großer Spielfreude aufbietet, zeichnet die Qualität des nicht sehr textstarken Stückes aus. So jagt Christoph Späth als grüner Sympathieträger Robin durch Wald und Flur, mit exaktem Timing für Angriff und Verteidigung gegen die deppenhaften Soldaten des Sheriffs. Der ist ein echter Shakespeare-Bösewicht, der sich allerdings hinter den üblen Machenschaften von König John, der seinen Bruder Richard, den rechtmäßigen Herrscher, in die Verbannung schickte, gut zu verstecken weiß. Dei beiden könnten aber all ihre heimtückischen Taten gar nicht ausführen, wenn nicht der hasengesichtige Hofnarr die beiden mit hinterhältigen Ideen versorgen würde. Hagen Matzeit spielt sich damit an die Spitze des Teams der Bösen.

Die Damen in dieser Runde sind mit schönen Gesangseinlagen bedacht und können ihre zauberhaften Sopranstimmen (Karen Rettinghaus als glitzernde Lady Mary-Ann und Caren von Oijen als ihre verführerische Zofe Bess) mit weiblicher Grandezza einbringen. Als Mutter des Daniel muss Christiane Oertel  - eine nicht ganz  ganz ohne Augenzwinkern konzipierte Rolle - letztendlich die Familie mit praktischem Sinn und technischem Verstand retten. Thomas Eberstein als Daniel ist schön schlaksig und aufmüpfig, und sein Vater zeigt sich mit Jens Larsen als sonorer Patriarch, der trotz aller männlicher Überlegenheit vor den Attacken aus dem Mittelalter, vor allem den weiblichen, schnell in die Knie geht. Also, alles sehr gefällig, recht hübsch aufgepeppt, ein bisschen berlinlastig, wie es in dieser Stadt, die sich vielleicht immer noch wie in einem Kokon fühlt, Gang und Gäbe ist.  A.C.

 Übrigens eine ganz andere, bescheidenere Version einer Kinderoper gibt es im Grips-Theater "Nebenan" . Sie ist zwar nicht so malerisch und märchenhaft, aber durchaus witzig, anrührend und musikalisch lehrreich.