Theseus

 von

Georg Friedrich Händel 
 

 

Tribut an die Spaßgesellschaft

 


Uraufführung am 10.1.1713 im Queen's Theatre am Haymarket, nachdem der Theaterdirektor Owen Swiney mit der Kasse der ersten beiden Vorstellungen durchgebrannt war...

Komische Oper

Musikalische Leitung ... Alessandro de Marchi
Inszenierung ... Benedikt von Peter
Bühnenbild ... Natascha von Steiger
Kostüme ... Katrin Wittig
Dramaturgie ... Werner Hintze
Licht ... Franck Evin
Video ... Superjeans
Theseus ... Elisabeth Starzinger
Agilea ... Marina Rebeka
Medea ... Stella Doufexis
Egeus ... Hagen Matzeit
Clizia ... Karolina Andersson
Arcane ... David DQ Lee

 

 

 
Theseus, der strahlende Held, der den Minotaurus erschlagen und Ariadne in den Selbstmord getrieben hat, liebt Agilea, und diese liebt ihn wieder. Doch Medea, die von Iason verratene Gattin und Mörderin ihrer beiden Kinder, die am Königshof von Athen Zuflucht gefunden hat, liebt Theseus ebenfalls und setzt alles daran, ihn für sich zu gewinnen. Auch König Ägeus hat sich in Agilea verliebt und will sie zu seiner Frau machen. So gibt er seinen ursprünglichen Plan auf, Medea zu heiraten, und tritt sie seinem Sohn ab. Medea, die Agilea nicht zwingen kann, auf Theseus zu verzichten, versucht den König zu überzeugen, dass der Held ihm gefährlich werden könnte. Ägeus glaubt ihr und will seinen Feldherrn vergiften. Doch im letzten Moment erkennt er in Theseus seinen verlorenen Sohn und lässt Medeas Plan scheitern. Die gedemütigte und verzweifelte Frau würde alles in Schutt und Asche legen, wenn nicht eine höhere Macht eingreifen würde.

Soviel aus der Programminstruktion. Was auf der Bühne zu sehen, zu hören und zu verfolgen ist, sind: eine Videokamera, mit der man die Gesichter, Körper und Affekte der Protagonisten einfängt und auf der Leinwand wiedergibt. Man kennt dies zur Genüge von der Volksbühne, deren Charakter sich auch die billig-bunten Kostüme angeglichen haben. Des weiteren befinden sich hinter der getäfelten hellen Wand, die sich zur Ausweitung des Geschehens von Akt zu Akt hebt, ein graues, fieses Matschfeld, das von Regen benieselt wird, sowie ein offenes Feuer, das vor einer kleinen Behausung lodert. Mit Ledersofa und späterer Blümchenentapete dekoriert, ist diese das Feldherrenzelt, Datsche oder Jagdhütte - je nach Zeitpunkt der Handlung.
In dem Schlachtfeldmatsch waten und stolpern zunächst ein paar Knaben herum, dann der genervte und verflixt dem Rockstar Mick Jagger ähnelnde Feldherr Theseus, der, zwar abgekämpft, aber doch noch erotisch auf der Höhe, zunächst Agilea herzlich umtätschelt und dann Medea ebenfalls auf kräftige Zuneigung hoffen läßt. So entsteht die Verwirrung. Ansonsten ist Theseus, den Elisbaeth Starzinger zunächst mit schlankem, später kräftigem Sopran besetzt, eher lässig-verschlissen von den Anstrengungen des Kampfes und wirkt nicht eigentlich als attraktiv strahlender Held. Während Agilea, die Schöne, ihm mit überwältigenden Stimmvolumen zusetzt, und nicht nur seine Sinne verzaubert und betört, gerät auch Hagen Matzeit als Egeus (in braunem Buchhalteroutfit) mit seinem melodiösen, die Tonskalen zärtlich auf- und abfließenden Counter in die Aura der Schönen und läßt die fremde Medea schnöde abblitzen, die sich endlich in Sicherheit und Obhut nach- wie man weiß, s.o.- den blutigen Irrfahrten ihres Leben wähnte. Doch Medea, schlank und schön, im zunächst weißen, später schlamm-grauen Spitzen-Hochzeitskleid, das ein schwarzer Mantel halb bedeckt, läßt sich nicht so einfach beiseite drängen und kämpft beschwörend mit Axt und  Zauberei gegen die Lieb- und Treulosigkeit der Männer. Das alles sollte in die farbenreiche, betörend melancholische und zeitweilig dynamische aufbrausende Mentalität der Barockzeit eingewoben sein; doch trotz aller Brillanz des von Alessandro de Marchi. temporeich geführten Orchesters, trotz der variationsreichen himmlischen da Capo Arien, trotz der berückenden  und leidenschaftlichen  Hingabe der Sängerinnen und Sänger ergibt sich zunehmend eine gewisse Müdigkeit; denn gar zu anstrengend ist diese Zweigleisigkeit von Hören und Sehen, sind doch Musik und Bühnenspiel stark voneinander getrennt, und man vermisst schmerzlich - bis auf wenige Ausnahmen - die Kongruenz, die Einheit von Darstellung und Musik.

In dieser Inszenierung läßt sich auch in kein anklagendes oder ergreifendes Antikriegs- und Antiheldenepos erkennen, selbst wenn Theseus ein Pappschild vor der Brust hält mit dem Satz "Soldaten sind Mörder", dass dann in "Frauen sind Mörder" umgeschrieben wird. Und auch die amerikanische Cowboy-Imitation, als die sich die höfische Jagdgesellschaft zum Schluss auf Kissen räkelnd der Sinnenfreude hingibt - stets videoübertragen mit Anleihen des Komiker-Counters David Do Lee (stark an Hape-Kerkelings Entertainment angelehnt) geriert zu einer albernen Persiflage.
Das ernste Anliegen der Inszenierung, die psychischen und politischen Zustände in einer tief vom Krieg gezeichneten Gesellschaftsschicht zu enthüllen und deren Verdrängungsmechanismen bühnenbildnerisch und metaphernreich aufzuzeigen, gelingt nicht. Dass hier jemand Schuld und Gewalt ausgleichen oder gar vergessen möchte, könnte ja gut sein - aber weder steht das in den Noten noch im Libretto. Was Händel aufzeigen wollte, und was sich durchaus glaubwürdig hätte darstellen lassen - vor allem nach den vielen ausgezeichneten Elisabeth I-Filmvariationen - wäre der (in seiner Zeit behaftete) oft unerträgliche und tragische Konflikt zwischen Liebe und Leidenschaft und den Pflichten, die die Staatsraison auferlegt. Ein Thema, das aus vielen ähnlichen Mythen und Dramen bekannt ist.
Eingebettet ist diese Problematik bei Händel, der von seinen Sängern ein Höchstmaß an Perfektion, Glanz und Stimmakrobatik verlangte, in eine verwirrende Liebes- und Intrigengeschichte - am Rande des Kampfes um Athen. Grausam genug, entspricht dessen Barbarentum der archaischen Gestalt von Medea, die, einer Rachegöttin gleich, auf alles verzichten muss, was ein irdischen Dasein lebenswert machen kann. Ihre Klagen sind ein einziger Aufschrei gegen das von den Göttern auferlegte Leid ihres Schicksals, sind aber auch Hingabe, Liebe und am Schluss Erlösung durch ihre Wandlung zum Menschlichen: Güte und Verzicht erweichen ihr steinern gewordenes Herz, die Axt sinkt zu Boden, beinahe hat ein neues Welt- und Menschenbild gesiegt. Da erhebt sie sich noch einmal, zurückgeholt von den Furien der alten Welt, um die Treulosen zu vernichten. Doch eine höhere Gewalt - bei Händel, der sehr gläubig war, ist dieser Schluss natürlich konsequent - greift ein und gewährt den Liebenden Ruhe, und Medea gehört der Vergangenheit an.

Da man wohl ein solches Ende nicht akzeptieren konnte, es auch bei so viel albernem Gegrapsche und Getue nicht passend umzusetzen wäre, läßt man am Ende Jean Paul Sartres "Fliegen" (von denen seine "Elektra" in den Wahnsinn getrieben wird) als Hornissen oder ähnliche Insekten durch den Raum summen, was nun die gesamte Oper m.E. endgültig zum Kippen bringt.

Aber - man kann auch gut darüber lachen und sich, dem Zeitgeist entsprechend, prächtig amüsieren. Was tut es da schon, dass die Musik am Rande spielt, Agilea und Medea sich am Rande des Turtelzeltes die Kehle aus dem Leib  singen - die Spaßgesellschaft da drinnen schert sich um ihre Gefühle nicht einen Deut. A.C.