Tschaikowsky (1840-1893)
 
 von
Boris Eifmann; Musik von Peter Tschaikowsky
 

 


"Ich habe mich immer bemüht, in meiner Musik die ganze Qual

und Ekstase der Liebe auszudrücken" 

 


Das Mysterium von Leben und Tod
Ballett in zwei Akten

 
Uraufführung Sept. 1993 vom Ballett-Theater St. Petersburg

Staatsballett Berlin (2006/2008)

 Choreographie und Inszenierung: Boris Eifmann
Bühnenbild und Kostüme: Viacheslav Okunev
Licht: Gleb Filshtinsky
Einstudierung: Olga Kalmikova
Musikalische Leitung: Vello Pähn
Staatskapelle Berlin

Tänzer: Tschaikowsky: Vladimir Malakhov; sein Alter Ego/Drosselmeier: Ronald Savkovic; Nadesha von Meck, Carabosse, Pique Dame: Beatrice Knop; Tschaikowskys Frau: Nadja Saidakova; Prinz/Junger Mann/Joher: Marian Walter; Mädchen: Iana Salenko sowie das Corps de ballet

  Tschaikowsky gilt als bedeutendster Komponist der westlich orientierten russischen Schule. Seine Kompositionen wurden unter anderem durch die Werke Mozarts und Chopins beeinflußt. Sein Schaffen umfasst Orchesterwerke, Solokonzerte, Kammermusik, Klaviermusik, Ballette und Vokalwerke. 

 

 

 
In diesen getanzten Bildern, die das Leben und Leiden eines großen Künstlers vor uns ausbreiten, stellt sich ein Gefühl des Staunens ein, sich jäh tief in der Psyche eines anderen Menschen wiederzufinden, einem fremden Schicksal so nah zu sein als ob es sich jäh wie ein Abgrund vor dem Betrachter auftut. So wie sich hier Noten und Bewegungen miteinander zu Bildern verbinden, um dem Fremden ohne Scham Einblick in unendliche Seelentiefe zu gegeben.
Ein Buch, dass offen daliegt, die prachtvoll ornamentierten Seiten werden umgeblättert, viel zu schnell, dennoch erfassen Auge und Ohr gleichzeitig, was die von Tönen vorangetriebenen Körper auf der Bühne erzählen. Ihr Ausdruck ist unzweideutig; er ist alles, was Musik sagt, und die Musik ist alles, was die Seele ihres Schöpfers nicht in Worten auszudrücken vermag. Leben und Leid, Lust und Entsagen, schmerzvolle Sublimierung all jener Triebe und Gefühle, die Tschaikowsky zu jenen Zeiten nicht ausleben konnte und durfte - fast ist es unerträglich, so ein Leben, so ein Getriebensein, so einen künstlerischer Drang zu verfolgen, so ein Übermaß an Liebesverlangen und so eine verzweifelte Ausweglosigkeit, das Unmögliche weder geben zu können, noch verlangen zu dürfen.

Ein Leben am Rande und doch inmitten einer Gesellschaft, die Konventionen mehr achtet als ein Menschenleben; die die Kunst liebt und nicht sieht, was sich hinter ihrem schönen Schein verbirgt. Alle Ballette, alle Kompositionen von Peter Tschaikowsky sind von dieser   glühenden Liebe zum Bild durchzogen, das im Tanz die Wirklichkeit in einer neuen Form findet. Boris Eifmann, der sich in die "großartige fesselnde Musik von Peter Tschaikowsky und seine zutiefst ergreifenden Briefe" vertiefte (an seine Frau und seine Freunde), läßt uns in dieser Ballettversion die komplexe Persönlichkeit dieses hochgradig empfindsamen russischen Künstlers erahnen.

Tschaikowskys innere Zerrissenheit zeigen zwei Tänzer, Vladimir Malkhov als der Komponist und Ronald Savkovis als sein zweites Ich,  mit atemberaubender Hingabe und Hingerissenheit. Ihre Sprünge, Dehnungen, Schritte, Figuren sind ein einziges leidenschaftliches Aufbegehren gegen die moralische Unfreiheit, die gesellschaftlichen   Zwänge (Beatrice Knop als herrische, machtvolle Mahnerin in verschiedenen Frauengestalten) wie der inneren Hemmnisse glaubhaft und sichtbar werden. Es scheint Malakhov (P.T.) die Luft abzudrosseln, wenn sein Alter Ego just in jenen Augenblicken seinen Leib umfängt und ihm sein Herz abschnürt; nähert er sich der Frau, hält ihn sein zweites Ich gefangen, nähert er sich einem geliebten Jüngling, wird er wie von Tentakeln des Alter Ego umschlungen und gefesselt. Es sind weit über das klassische Bewegungsrepertoire hinausgehende, sinnlich-ästhetische Szenen von höchster Qualität in diesem atemberaubenden Ballett, dass sich durch Kraft und Vitalität, aber zugleich durch derart starke Empfindsamkeit auszeichnet, dass sich ein neuer Zugang zu dem großen Komponisten eröffnet. Ihn lähmen gleichsam Bitterkeit und Verwirrung über die erzwungene Heirat, und   Malakhovs Ausdrucksstärke zeigt sich immer wieder in solch entscheidenden - versagenden - Lebensmomenten, in denen er seinen Körper zusammenbrechen und alle Sprungkraft, allen Lebensmut aus seinen Adern herausfließen läßt, so, wenn er am Arm seiner verschleierten Braut diese Zeremonie über sich ergehen lassen muß. Und Nadja Saidakova wirbelt furios, bieg- und beugsam wie eine Feder in der Luft, um nicht auf den Boden ihrer unerfüllten Liebe zu fallen, in ihr leeres Bett, das sich nur in Träumen mit Lust und Seeligkeit füllt. Sie kämpft mit der Hingabe der letzten Verzweiflung, nun schon mehr sich dem kühlen, kranken Mann opfernd, der seine totale Verweigerung nicht erklären kann, nicht darf. Dass sich seine Frau zum Schluß wie eine Witwe, des Haares beraubt, von den glücklichen Ehefrauen  verabschiedet, greift bis ins Mark. 
In der Polarisierung dieser Inszenierung gibt es abwechselnd zarte Schwanenmädchen, elegante Damen und Herren der Gesellschaft, aber auch markante Machotypen in schwarzen Lederhosen und mit dunkel tätowierten Oberkörpern, es gibt Exzesse in rotdampfenden Lichterschaden am Spieltisch (Pic Dame), es gibt den begehrenswerten Jüngling (Marian Walter), der unerreichbar bleibt, weil er ein zartes Mädchen liebt (Iana Selenko), das für Tschaikowsky die unerträgliche, selbstbewußte Herausforderung der Normalität darstellt.

Es ist die seit anderthalb Jahren Zeit wohl eindrücklichste, empfindsamste, aber auch technisch anspruchsvollste Choreographie im Repertoire des Staatsballetts. Und das nicht nur wegen Vladimir Malakhov, der endlich wieder auf der Bühne steht und mit einer hochwertigen künstlerischen Mannschaft das Berlin Ballett in die Weltspitze gebracht hat!