Turandot

von
Giaccomo Puccini

 

 

Wie eiskalt ist dies Herzchen!

 


Uraufführung 1926 in Mailand

Deutsche Oper

Musikalische Leitung: Pinchas Steinberg; Inszenierung Lorenzo Fioroni, Bühne und Video: Paul Zoller, Kostüme: Katharina Gauli, Dramaturgie: Katharina John, Chöre: William Spaulding

  Turandot: Lise Lindstrom, Altoum, der Kaiser: Peter Maus; Calaf: Marco Berti, Liù: Inna Los, Timur: Paata Buchuladze, Ping: Simon Pauly, Pang: Hörg Schörner, Pong: Yosep Kang, ein Mandarin: Ante Jerkunica, Prinz von Persien: Aristoteles Chaitidis, Ho-Sung Kang (Gesang), zwei Mädchen: Imke Hout und Antje Obenaus;

 

Chor und Extra-Chor der Deutschen Oper, Schöneberger Sängerknaben, Orchester und Statisterie der DO

 
 Fire and Ice - doch so glutvoll wie die amerikanische Popsängerin Jennifer Rush mit ihrem erotisch-dunklem Timbre diese beiden Urgewalten in ihrem Hit miteinander verschmelzen läßt, so frostig tritt die Eisprinzessin Turandot auf die kahle Bühne, die zeitweilig, je nach ihrem Bedarf, zum Schauplatz erbarmungsloser Hinrichtungen wird. Wie immer fängt der wunderbar biegsame Chor die Stimmungen der  großen Märchenoper auf, die mit der tribunalartig bestuhlten Bühneneinrichtung von Paul Zoller und unter der kühlen Regie des Italieners Lorenzo Fioroni gleichsam zum Schauplatz archaischer wie gegenwärtiger Willkürakte der Herrschenden wird. So wie in China, wo das Märchen der umworbenen schönen Prinzessin spielt, die ihrer geraubten und misshandelten Urahne für alle Zeit Rache geschworen hat indem sie jedem neuen Freier ein schier unlösbares dreiteiliges Rätsel aufgibt, das er unter Todesstrafe lösen muss - ansonsten schwingt der Henker sein Fallbeil und der Freier geht den Weg, den, die Menge erzählt es mit Grauen, in diesem Jahr bereits 16 junge Männer aus verschiedenen Ländern gegangen sind.

Der Chor, mal jubelndes, mal klagendes Volk, Masse jedoch immer, die ihre Stimme nach dem Wind ausrichtet und kaum noch den Widerhall vernimmt, der im eng gepressten Zuschauerraum jedoch gewaltige emotionale Schwingungen verbreitet. Unter dem temperamentvollen Dirigat von Pinchas Steinberg erlebt dieser Puccini, dicht an das fernöstliche Flair Madame Butterfly's geschmiegt, eine fulminante Aufführung,  die mit einem furiosen Auftakt - der Klage der Menschen um all die prächtigen Prinzenköpfe - beginnt, sich im zarten Lamento verliert, um dann bereits mit harten, gefährlichen Klängen den neuen Bewerber Calaf, seinen alten, von eben dieser Prinzessin und dem kaiserlichen Herrscher aus seinem Reich vertriebenen Vater und seine kleine zarte Dienerin Liù vorzustellen. Marco Berti ist ein wohllautiger, umfassender Tenor, vereinnahmend mit Fülle und Klang, großen Vorbildern ebenbürtig, wenn auch noch nicht in der Feindifferenzierung so ausgewogen, so vielfältig variabel nuancierend. Aber er ist ein zäher Bursche, und, wie man am Ende sehen wird, an Entschlusskraft, Durchsetzungsvermögen und Klugheit der harten Turandot ebenbürtig; Aber - auch an Grausamkeit. Herzen aus Eis, ein Wille aus Stahl, Leidenschaft, die himmelhoch lodert und doch ein Opfer braucht und findet: in zwei wehrlosen Greisen, die sterben müssen - stellvertretend für zwei aufeinander prallende Machtmenschen, die mehr als nur einen Liebeskampf ausgefochten haben; denn es geht um Unterwerfung und, wie im Märchen auch in Wirklichkeit, stets um Vorherrschaft, oft um Rache und nur kurzfristig um Liebe. Natürlich. Und, wo die Geschichte endet, beginnt sie eigentlich erst; denn die Vorbilder sind bereits historisch und literarisch geschrieben: wie der Geschlechterkampf zwischen König Henry II und seiner ebenso willenstarken, ebenso leidenschaftlich kämpfenden und vitalen Frau Eleanor von Aquitanien: Vergessen wir nicht Brünhilde, die sich nur durch den unsichtbaren Helm von Siegried besiegen ließ und blutige Rache übte; sehen wir in die Moderne, wo Edward Albee, der amerikanische Misanthrop, in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" ein Ehepaar in die irdische Hölle schickt...

Lise Lindström ist eine konsequent ausgewählte Turandot, mit einem gläsernen Sopran, der Eisen zersägt und doch in der Klage um den Verlust der eigenen Freiheit und Unabhängigkeit in weiche, wehklagende Töne verfällt; ihr Körper, den zunächst ein stahlgrau glitzerndes Kleid umschmiegt, steht steif und unbeugsam, verliert erst an Spannkraft als Calaf nach und nach ihre Rätsel zu lösen versteht, und sie verliert die Contenance vollständig, als er mit seinem Sieg über sie auch ihren Seelenpanzer zu zerbrechen droht. Halb besiegt aber durch seine Leidenschaft gibt Calaf die begehrte Frau beinahe frei, falls sie bis zum nächsten Morgen seinen Namen und seine Herkunft erraten hat. Für Turandot eine letzte Chance, unberührt von Männerhand, jungfräulich unbesiegt und selbstbesttimmt zu bleiben. Ihre Grausamkeit, die ihre einzige Waffe ist, trifft in voller Stärke auf die kleine Dienerin Calafs, die ihrem Herrn stets liebte und ihm bis in den Foltertod ergeben bleiben wird. Inna Los als Liù wird als unbedeutende kleine graue Maus in Tageskleidung gesteckt, aber ihr wärmender Alt läßt ihre Liebe und ihre Opfer-Hingabe heller leuchten als alle kalten Sterne, die zeitweilig am Opernhimmel aufblitzen. Sie wird den Namen nicht verraten, Calaf selbst wird der kaiserlichen Geliebten noch einmal sein Leben anbieten. Aber nun nimmt sie doch lieber den Lebenden; sei es, dass sie in plötzlicher Liebe zu ihm entbrannt ist oder - dass sie sich in ihr Schicksal fügt: denn gemeinsam grausam sein, macht mehr Spaß! 

Ein schrecklich umfunktioniertes Märchen, das Puccini wohl erkennend, dass man so nicht enden sollte, nie vollendete. Die Fassung basiert auf vielen alten Legenden und einem Stoff, aus dem die alten fernöstlichen Mythen geschrieben waren: Grausamkeit, Liebe und Verrat. Kaltherzig hat sich die Regie dieser Maxime bedient. A.C.